Jackie Dent, Produzentin bei einem australischen Radiosender, stieg an einem Sonntagmorgen am Bahnhof Roseville im Norden Sydneys in einen Zug. Im Oberdeck fielen ihr zwei Vögel auf, die es sich auf den Rückenlehnen der Sitze gemütlich gemacht hatten. „Sie flatterten nicht wild herum. Sie wirkten völlig entspannt, als wären sie zu Hause“, erinnerte sich Dent später in einem Post auf Instagram. Selbst eine ältere Passagierin war sprachlos: So etwas habe sie „in ihrem ganzen Leben noch nie erlebt“.
Als Dent am Bahnhof Chatswood aussteigen wollte, machte sie eine Schaffnerin auf die vermeintlich „eingesperrten“ Vögel aufmerksam. Die Reaktion war überraschend gelassen: Die beiden Indischen Mynas seien nicht eingesperrt. Sie seien regelmäßige Fahrgäste. „Sie nehmen immer den Zug“, erklärte die Schaffnerin. Laut Dents Recherchen sind die Vögel täglich zwischen den Sydney-Stadtteilen Lindfield und Artarmon unterwegs, was einer Fahrtzeit von sieben bis zehn Minuten entspricht. Anscheinend orientieren sie sich an den Durchsagen über die Lautsprecher oder an den Lichtsignalen, um den richtigen Ausstiegspunkt zu erkennen.
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Erfolg für Augenzeugin: Internetvideo geht viral
Dents Video wurde mittlerweile über 4,7 Millionen Mal aufgerufen. In der Kommentarspalte berichteten zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer von ähnlichen Erlebnissen. Ein Bahnangestellter aus Newcastle erzählte, dass dort regelmäßig Vögel kurzzeitig in Züge springen, um Speisereste aufzupicken, ehe sie beim akustischen Signal wieder aussteigen.
Gleichzeitig konnte sich die Internetgemeinde ein wenig Spott und Sarkasmus aber auch nicht verkneifen. Ein Nutzer kommentierte, es handele sich ja ganz offensichtlich um Schwarzfahrer, taufte den Vorfall im gleichen Atemzug dann aber als ein „myna infringement“ – ein Wortspiel mit „minor infringement“, also ein kleineres Vergehen. Eine weitere Kommentatorin schrieb trocken: „Diese Vogelgeneration wird immer fauler. Zu meiner Zeit mussten sie noch fliegen.“
Verhaltensbiologin klärt auf: Vögel gelten als besonders schlau
Ann Göth, deutsche Verhaltensbiologin in Sydney und Autorin des Buchs „Wild Neighbours – Urban Nature Up Close“, kennt aus der Fachliteratur Berichte, wonach Indische Mynas kurz in offene Zugtüren hüpfen, um sich etwas zu essen zu holen. „Aber dass sie richtig mitfahren, hatten wir noch nicht gehört“, sagte sie. Als Wissenschaftlerin würde sie sich eine systematische Untersuchung wünschen, um die Anekdote zu bestätigen. Für unplausibel halte sie das Verhalten allerdings nicht, meinte sie: „So schlau, wie diese Vögel sind, kann ich mir das sehr gut vorstellen.“
Vögel, die in Städten überleben, seien generell überdurchschnittlich clever. Mynas seien etwa dafür bekannt, Straßen erst in letzter Sekunde vor herannahenden Autos zu überqueren, weil sie deren Geschwindigkeit offenbar richtig einschätzen können. Ein weiteres Beispiel zeigt laut Göth auch, wie viel die Tiere voneinander lernen: So habe eine Kollegin an der University of Newcastle festgestellt, dass Mynas sich gegenseitig vor gefährlichen Orten warnen. Werde ein Tier beispielsweise von einem Forscher gefangen, würden die anderen die Stelle danach konsequent meiden. Das Zugfahren, glaubt Göth, könnte sich auf ähnliche Weise unter den Vögeln herumsprechen.

Intelligent, aber unbeliebt: Mynas verdrängen heimische Arten
Beliebt sind die Tiere in Australien trotzdem nicht überall. Sean Dooley von BirdLife Australia sagte dem Sender ABC, Vogelliebhaber würden Indische Mynas „einfach hassen“. Denn die Tiere verdrängten häufig einheimische Höhlenbrüter aus ihren Nestern. Ihre Intelligenz müsse man allerdings anerkennen. Als „Straßenkinder der Vogelwelt“ hätten sie gelernt, das Zusammenleben mit Menschen für sich zu nutzen.
Nach Australien kamen die Vögel 1862. Sie wurden nach Melbourne eingeführt, um Heuschrecken zu bekämpfen, und verbreiteten sich von dort selbst weiter. In ihrer indischen Heimat gelten sie dagegen als „Vögel der Liebe“, weil die Paare ein Leben lang zusammenbleiben. Vielleicht war das Pärchen im Zug also tatsächlich nur auf einem romantischen Ausflug, wie eine Instagram-Nutzerin mutmaßte.
Wettlauf gegen das Virus
Die Indischen Mynas (Acridotheres tristis), im Deutschen auch als Hirtenmainas bekannt, haben sich längst auch nach Europa ausgebreitet – zumeist weil Exemplare aus Zoos oder privater Vogelzucht entkommen sind. Während in Südeuropa mittlerweile stabile Populationen entstanden sind, findet man in Deutschland noch immer nur einzelne Vögel oder kleinere Gruppen. Die strengen Winter machen ihnen das Leben schwer. Falls diese infolge des Klimawandels jedoch milder ausfallen sollten, gehen Experten davon aus, dass sich die flexiblen Tiere auch bei uns langfristig ansiedeln könnten.





