Die „Batavia“ gilt als Symbol für eines der finstersten Kapitel in der Geschichte der Seefahrt. Doch fast vier Jahrhunderte nach ihrem Untergang geben die Überreste des Schiffes noch immer neue Geheimnisse preis: dieses Mal allerdings nicht von Meuterei und Blutvergießen, sondern von Steinen und überraschend komplexen Handels- und Logistikketten.
Am 4. Juni 1629 zerschellte das Schiff der Niederländischen Ostindien-Kompanie an den Klippen der Houtman-Abrolhos-Inseln vor der westaustralischen Küste. Der Großteil der etwa 322 Menschen an Bord überlebte den Schiffbruch zunächst. Nachdem Kapitän François Pelsaert mit einer Handvoll Vertrauter in kleinen offenen Booten nach Jakarta aufbrach, um Hilfe zu holen, fielen die gestrandeten Überlebenden jedoch unter die Tyrannei des Meuterers Jeronimus Cornelisz. Das Ergebnis war ein grausames Blutbad unter Männern, Frauen und Kindern. Am Ende erreichten lediglich 116 Menschen Jakarta wohlbehalten.
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„Batavia“-Fracht: Steine verraten geologischen Fingerabdruck
Eine Studie der westaustralischen Curtin University, die im Fachmagazin „Journal of Archaeological Science: Reports“ erschienen ist, beleuchtet nun einen bislang unbeachteten Aspekt der „Batavia“-Saga: ihre Fracht. Im Laderaum des Schiffs befanden sich vorgefertigte Sandsteinblöcke, die vermutlich zum Sitz der Kompanie im heutigen Jakarta transportiert werden sollten. Dazu gesellten sich Tausende von Ziegeln und sonstiges Baumaterial. Lange Zeit blieb offen, ob alle Steine aus demselben Steinbruch stammten oder von verschiedenen Orten herbeigeschafft worden waren.
„Die historischen Unterlagen weisen Lücken auf, und nachdem die Steine knapp 400 Jahre im Meerwasser lagen, können sie sehr ähnlich aussehen“, sagte Anthony Clarke von der School of Earth and Planetary Sciences an der Curtin University. Dies erschwere ihre Identifizierung. Deswegen wollte das Forschungsteam herausfinden, „ob mikroskopisch kleine Mineralkörner uns einen zuverlässigen Fingerabdruck darüber liefern können, woher der Stein stammt“.
Herkunft des Baumaterials: Die Spur führt nach Deutschland
Das Ergebnis des geochemischen Verfahrens sorgte dann selbst bei den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für Überraschung. Gesteinsbrocken, die „auf den ersten Blick identisch wirkten“, stammten in Wahrheit aus verschiedenen Abbauregionen im heutigen Deutschland – konkret aus den Steinbrüchen von Bentheim und Obernkirchen im Niedersächsischen Becken. „Fast 400 Jahre nach dem Untergang der ,Batavia‘ gibt das berühmte Schiff immer noch neue Geschichten preis“, sagte Corioli Souter, die Koautorin der Studie, die die Abteilung für maritimes Kulturerbe am Western Australian Museum leitet.

Besonders spannend seien dabei die „verborgenen Details über den frühen globalen Handel“, erklärte sie. Im Zuge ihrer Expansion musste die Niederländische Ostindien-Kompanie komplexe logistische Herausforderungen bewältigen. Baumaterialien mussten häufig aus den unterschiedlichsten Regionen zusammengetragen und über große Distanzen verschifft werden. So wurde die Kompanie letztlich zu einer der weltweit einflussreichsten Handelsmächte.
Mehr Geschichte aus Australien
„Batavia“-Wrack: Die Entdeckung und ihre Geschichten
Das Wrack der „Batavia“ wurde 1963 entdeckt und zählt heute zu den bedeutendsten archäologischen Entdeckungen Australiens. Neben der Fundstelle stehen auch die Lager der damaligen Überlebenden unter Denkmalschutz. Dazu gehören die steinernen Befestigungsanlagen, die der loyale Soldat Wiebbe Hayes und seine Männer auf West Wallabi Island errichteten. Sie gelten als die ältesten bekannten von Europäern gebauten Bauwerke Australiens.
Zwei der Meuterer, Wouter Loos und Jan Pelgrom de Bye, die später auf dem australischen Festland ausgesetzt wurden, gelten als die ersten bekannten europäischen Bewohner des Kontinents.


