Der Fall von Ruth Ellis zeigt, wie sich die Rechtsprechung im Laufe der Zeit verändert hat. Die junge Mutter wurde 1955 wegen des Mordes an David Blakely zum Tode verurteilt – wohl auch, weil die von ihr erlittene häusliche Gewalt im Prozess keine Berücksichtigung fand. Jahrzehnte später begnadigte König Charles III. Ruth Ellis nun posthum. Für ihre Familie ist die Entscheidung ein wichtiger Schritt, um nach Generationen des Leids mit ihrer Geschichte Frieden zu schließen.

Der tragische Tod von Ruth Ellis: Als Mörderin gehenkt

Der Fall von Ruth Ellis bewegt die Menschen im Vereinigten Königreich bis heute. Die Nachtclub-Hostess und Mutter zweier Kinder aus Rhyl (nahe Liverpool) erschoss 1955 ihren Liebhaber David Blakely vor dem Londoner Pub The Magdala. Für die Tat wurde sie zum Tode verurteilt und als letzte Frau im Vereinigten Königreich gehängt, berichtet die BBC.

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Die Beziehung des Paares war von Gewalt und Untreue geprägt. Wenige Wochen vor der Tat verlor Ellis nach einem tätlichen Angriff Blakelys ihr ungeborenes Kind. Im Prozess spielte die erlittene häusliche Gewalt jedoch keine Rolle. Die Richterin wies die Geschworenen an, diesen Umstand bei ihrer Entscheidung nicht zu berücksichtigen. Bereits nach 14 Minuten fiel das Todesurteil.

Auch ihr Auftreten vor Gericht beeinflusste die öffentliche Wahrnehmung. Ellis zeigte kaum Gefühle und wirkte auf viele Beobachter kühl und gefasst. Ihre Enkelin Laura Enston erklärte später in einem Interview mit AFP, dieses Verhalten sei kein Zeichen von Gefühllosigkeit gewesen, sondern Ausdruck eines schweren Traumas und damit typisch für viele Opfer häuslicher Gewalt.

König Charles III. begnadigt Ruth Ellis posthum

Der Fall von Ruth Ellis erhält eine besondere Tragik durch den Umstand, dass nur zwei Jahre nach ihrer Hinrichtung eine Gesetzesänderung die verminderte Schuldfähigkeit als möglichen Verteidigungsgrund im britischen Strafrecht verankerte. Ihre Familie setzte sich deshalb über viele Jahre für eine Begnadigung ein, die nun von Charles III. gewährt wurde.

Der stellvertretende Premierminister David Lammy informierte die Abgeordneten sowie die im Parlament anwesenden Angehörigen über die Entscheidung des Königs. Er erklärte, die ursprünglich verhängte Todesstrafe werde durch eine lebenslange Freiheitsstrafe ersetzt. Die Begnadigung entlaste Ruth Ellis zwar nicht von ihrer Schuld am Tod von David Blakely, trage jedoch einer schwerwiegenden Ungerechtigkeit in diesem außergewöhnlichen Fall Rechnung.

Ruth Ellis pardon
Laura Enston und Stephen Beard kämpften für die Begnadigung ihrer Großmutter© picture alliance / PA Images | ANNABEL LEE-ELLIS

Der König kann im Vereinigten Königreich Begnadigungen aussprechen oder Strafen umwandeln. Von dieser Befugnis wird jedoch in der Regel nur auf Empfehlung der Regierung Gebrauch gemacht, was im Fall von Ruth Ellis nun geschehen ist.

Hinrichtung mit tragischen Folgen für die Familie

Laura Enston betonte, dass die Folgen des Urteils für ihre Familie zwar niemals rückgängig gemacht werden könnten. Dennoch empfinde sie die Begnadigung als späte Gerechtigkeit nach 70 Jahren. Ruth Ellis sei Opfer jahrelanger und schwerer Misshandlungen gewesen. Die Gewalt in der Beziehung und die Hinrichtung ihrer Mutter hätten das Leben ihrer Kinder dauerhaft geprägt. Enston schilderte in einem Interview, über das die BBC berichtet, dass ihr Onkel sich das Leben nahm und ihre Mutter die traumatischen Erlebnisse nie überwinden konnte. Der Schatten der Hinrichtung habe sich über zwei Generationen gelegt und die Familie mit einer Last belastet, die sie niemals hätte tragen dürfen.