Umgestürzte Verkehrspoller, durchbrochene Zäune und geparkte Autos, die als „Sparringspartner“ dienen – all das ist Alltag in Tasmanien geworden. Neil, ein junger Südlicher See-Elefant, „terrorisiert“ die Region und ist damit zum weltweiten Star im Internet geworden. Allerdings sehen Wildtierexperten den tierischen Influencer mit zunehmender Besorgnis. Sie warnen: Neil könnte durch all diese Liebe buchstäblich zu Tode kommen.

Neil erblickte im Oktober 2020 das Licht der Welt – an einem Strand unweit von Hobart, der tasmanischen Hauptstadt. Allein dieser Fakt ist ungewöhnlich, denn seine Artgenossen werden normalerweise Tausende Kilometer südlich auf den subantarktischen Inseln Macquarie und Heard geboren. Mittlerweile hat es ihn zwölf Mal zurück zu den Küsten im Südosten Tasmaniens gezogen.

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Robbe Neil bringt mittlerweile rund 1000 Kilo auf die Waage

See-Elefanten seien bekannt dafür, regelmäßig an ihren Geburtsort zurückzukehren, erklärte Kris Carlyon, der bei der tasmanischen Umweltbehörde NRE Tas das Ressort Wildtiergesundheit leitet, diese Woche in einer Pressekonferenz. „Deshalb gehen wir davon aus, dass er die nächsten sechs bis acht Jahre immer wieder hier auftauchen wird.“

An Neils Gewicht zeigt sich, wie rasant er wächst: 2023 wog er noch knapp 600 Kilogramm, inzwischen bringt er rund 1000 Kilogramm auf die Waage. Im ausgewachsenen Zustand könnte er bis zu drei Tonnen erreichen und eine Länge von 4,5 Metern haben. Er sehe zwar kuschelig und ruhig aus, sei aber trotzdem ein großes Wildtier, warnte Carlyon. „Wir würden Tieren wie Eisbären und Bisons in anderen Teilen der Welt sicherlich auch nicht zu nahe kommen, also müssen wir ihn mit derselben Vorsicht behandeln.“

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Zudem befindet sich Neil gerade in der Übergangsphase zum Erwachsenwerden, er ist also „ein Teenager“. Und dies hat sein Verhalten verändert: Er testet seine eigenen Kräfte, kämpft spielerisch gegen Gegenstände – oder eben gegen Verkehrspoller und Zäune. Dass er gegen Fahrzeuge prallt oder Zäune zerstört, sei „völlig normales Verhalten“ für einen See-Elefanten in seinem Alter, erklärte auch die deutsche Meeresbiologin Sophia Volzke vom Institute for Marine and Antarctic Studies der University of Tasmania in einem Video auf Instagram. Vielleicht trainiere er bereits für seine spätere Rolle als dominantes Männchen, als sogenannter „Beachmaster“. Seine charakteristische Rüsselnase, das Erkennungsmerkmal geschlechtsreifer See-Elefanten-Männchen, hat er noch nicht entwickelt.

Wichtige Ruhephase des See-Elefanten durch menschliche Aufmerksamkeit gefährdet

Was Neil momentan vor allem braucht, ist Erholung. Nachdem er rund fünf Monate auf dem Meer verbracht hat, wo er im Südpolarmeer jagte und Fettpolster ansammelte, ruht er sich jetzt mehrere Wochen an der Küste aus. Während dieser Zeit nimmt er keine Nahrung zu sich – Versuche von Anwohnerinnen und Anwohnern, ihm Futter hinzustellen, seien daher sinnlos, erklärte Carlyon: „Er würde das gar nicht als Essen wahrnehmen.“

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Genau diese Ruhephase wird jetzt jedoch durch die menschliche Aufmerksamkeit gefährdet. Zu oft nähern sich Schaulustige, um Schnappschüsse zu machen, manche brachten sogar schon Kleinkinder dicht an das Tier heran. Einem Tiktok-Account über Neil folgen mittlerweile 1,5 Millionen Menschen, Berichte über ihn gelangten in den vergangenen Jahren sogar bis in die „New York Times“. Dieser Ruhm sei ein zweischneidiges Schwert, warnte Carlyon: Zum einen schaffe er Aufmerksamkeit für den Schutz gefährdeter Arten, zum anderen ermuntere er zu riskanten Handlungen. Stress zeigt Neil durch Signale wie einen gehobenen Kopf, ein weit aufgerissenes Maul oder konzentriertes Beobachten der Besucherinnen und Besucher – Warnsignale, die häufig übersehen werden.

Behörden ziehen Umsiedlung des Tieres in Betracht

Die zuständigen Behörden verweisen auf ähnliche Fälle auf internationaler Ebene. 2022 musste das Walross Freya in der Nähe von Oslo getötet werden. Das Tier wurde zur „Sensation“, nachdem es auf Boote und Piers kletterte und – ähnlich wie Neil – Bewunderer auf der ganzen Welt hatte. Die Menschenmengen wurden Freya letztendlich zum Verhängnis. Nachdem ihre „Fans“ wiederholt Warnungen missachteten, wurde das Tier als permanente Bedrohung der öffentlichen Sicherheit eingestuft und eingeschläfert.

Dieses Schicksal soll Neil auf keinen Fall ereilen. Deshalb ziehen die Behörden inzwischen sogar eine Umsiedlung des Tieres in Betracht. Diese birgt jedoch erhebliche Risiken: Neil würde narkotisiert und transportiert werden – beides wäre für ihn wie auch das beteiligte menschliche Team gefährlich. „Das ist nicht unsere erste Wahl“, betonte Carlyon, „aber wir müssen klar aussprechen: Dahin könnte es führen, wenn die Leute Neil nicht in Ruhe lassen.“ Deshalb appellieren die Behörden an die Bevölkerung: Mindestens 20 Meter Abstand einhalten, nichts zu fressen geben, nicht anfassen, den Zugang zum Wasser offen lassen. Wer Neil beobachten möchte, macht das am besten vom Bildschirm aus.