Zwischen Selfies, Shopping und dem geschäftigen Treiben einer der berühmtesten Einkaufspassagen Europas ist ein Stück Stadtgeschichte Mailands buchstäblich abgetragen worden: Das Mosaik des tanzenden Stieres zeigt deutliche Schäden. Kein Wunder, denn seit mehr als einem Jahrhundert folgen Besucher der Galleria Vittorio Emanuele II einem festen Ritual: Die rechte Ferse wird auf einen bestimmten Bereich des Mosaiks – den Genitalien des Stiers – gesetzt, anschließend drehen sich die Teilnehmer dreimal um die eigene Achse. Das soll Glück bringen.

Nur nicht dem Stier selbst, denn dessen Oberfläche senkte sich an der besonders beanspruchten Stelle ab, Mosaikteile wurden beschädigt. Der Bereich wurde deshalb kürzlich abgesperrt, um weitere Abnutzung zu verhindern. Handwerker setzten das Mosaik wieder instand. Doch nun sorgt ebenjene Restaurierung für Diskussionen. In sozialen Netzwerken machen Nutzer ihrem Ärger Luft: Der Stier sehe nicht mehr so aus wie vorher. Ausgerechnet die vermeintlich glücksbringenden Hoden seien „verschwunden“.

Auch prominente Italien-Urlauber besuchen den Stier

Mailänder Bürger und Bürgerinnen beklagen „Zensur“ und „eine mittelmäßige Flickarbeit mit falschen Farbtönen“. „Der Stier ist zu einem Ochsen geworden“, kritisierte ein User. Die Stadtverwaltung weist solche Vorwürfe zurück. Die Restaurierung habe sich strikt an historischen Vorgaben orientiert und sei mit geeigneten Materialien durchgeführt worden, um das ursprüngliche Erscheinungsbild zu bewahren. Ziel sei nicht Veränderung, sondern Erhalt.

Was als folkloristische Tradition begann, ist längst zu einem Touristenphänomen geworden. Selbst Promis wie George Clooney und seine Frau Amal haben das Ritual vollzogen – ein Umstand, der die Popularität des Brauchs zusätzlich verstärkt hat. Mit jedem neuen Besucher steigt jedoch auch der Druck auf das empfindliche Kunstwerk.

Stau in Italien?

Die 1867 eröffnete Galerie, die den Stier beherbergt, besteht aus zwei sich kreuzenden Armen, die durch ein Glasdach verbunden sind. Sie führt vom Mailänder Domplatz zur Mailänder Scala. Im Zentrum der Galerie befindet sich ein Oktogon mit 39 Metern Durchmesser. Es locken elegante, hochpreisige Geschäfte und über Mailand hinaus bekannte Gastronomie, wie das Restaurant Savini oder die Bar Camparino von Gaspare Campari, der das gleichnamige Getränk erfand.