„Es ist ein schwieriges Kapitel in meinem Leben“, sagte Wim Wenders (80) in seiner Dankesrede beim Deutschen Filmpreis. Am Freitagabend hatte er den Ehrenpreis der Deutschen Filmakademie erhalten. Seine Filme, darunter „Perfect Days“ oder „Der Himmel über Berlin“, seien grenzenlos und gleichzeitig unverwechselbar. So die offizielle Begründung der Akademie. Mit Standing Ovations wurde Wenders vom Publikum gefeiert.
Aber da ist eben dieses Kapitel, das Wenders selbst in seiner Rede zum Thema machte. Gemeint sind Forderungen von Schauspielerin Nastassja Kinski. In Wenders’ Film „Falsche Bewegung“ ist die damals 13-Jährige mit nacktem Oberkörper zu sehen. Kinski, mittlerweile 65 Jahre alt, forderte kurz vor dem Deutschen Filmpreis 2026 in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“, diese Szene aus dem Film entfernen zu lassen.
Nastassja Kinski kämpft seit Jahren gegen umstrittene Filmszene
„Obwohl ich mit 13 noch nicht so viel wusste, habe ich schon gemerkt, dass das nicht in Ordnung war“, so Kinski. Das Interview trägt den Titel „Er hat mich nicht beschützt“. Lange habe die Schauspielerin, Tochter von Klaus Kinski, mit niemandem über ihr Unbehagen gesprochen. „Mein Leben ging weiter, ich hatte andere Filme, andere Erinnerungen.“ Wie Kinski selbst sagt, versuche sie aber bereits seit mehreren Jahren, gegen die Szene vorzugehen, in der sie als junges Mädchen halbnackt und nur in Unterhose zu sehen ist. Mutmaßlich seit 2011.
Insgesamt zwei Minuten ist die Szene lang. Kinskis damaliger Filmpartner Rüdiger Vogler, zum Zeitpunkt des Drehs bereits 30 Jahre alt, legt sich auf das Mädchen. Er schlägt sie ins Gesicht und streichelt sie anschließend. Wie Nastassja Kinskis Anwalt Christian Schertz gegenüber der „SZ“ sagt, habe man bis heute keinen Gesprächskontakt zu Wenders bekommen, um über die Filmszene zu sprechen. Rechtliche Schritte seien bisher bewusst nicht eingeleitet worden.
Wim Wenders: Regisseur würde umstrittene Szene heute anders drehen
Der Anwalt von Wim Wenders, Michael Philippi, verweist gegenüber der „SZ“ auf eine Stellungnahme aus dem Jahr 2024. Damals sagte der Regisseur, er habe Verständnis für Kinskis „heutige Wahrnehmungen und Gefühle“. Er würde diese Szene heute nicht mehr so drehen. Im Jahr 1974 sei ihm die Szene aber „künstlerisch durchaus zwingend“ erforderlich erschienen.
Der Forderung von Kinski, die Szene aus dem Film zu kürzen, ist Wenders bis heute nicht nachgekommen. Auch eine aktuelle Stellungnahme zum Interview der Schauspielerin gab es nicht. Bis zu Wenders’ Dankesrede beim Deutschen Filmpreis.
„Ich weiß heute viel, viel mehr. Es gibt andere Sensibilitäten, wir leben in einer völlig anderen Welt als vor 50 Jahren“, waren seine Worte. Er selbst könne seinem jungen Ich keinen Vorwurf machen. Wenders war beim Dreh 29 Jahre alt.
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Wenders sucht Branchendialog zur Kürzung umstrittener Filmszene
Seine öffentliche Stellungnahme nutzte Wenders nicht für eine Entschuldigung oder eine Ankündigung, den Forderungen von Kinski nachzukommen. Stattdessen bat er das Publikum, zahlreiche Filmschaffende, um Mithilfe. „Wie geht man mit Filmerbe um?“, fragte er. Immerhin geht es um eine mögliche Kürzung einer seiner Filme. Dürfe oder solle man eine Szene schneiden, die einer Schauspielerin, die Wenders „sehr verehrt habe und verehrt“ wehtut, fragt Wenders.
Der preisgekrönte Regisseur fühle sich mit diesen Fragen allein und ratlos. Dabei wolle er die Diskussion zu diesem Thema gar nicht alleine tragen. Es gehe immerhin um einen Präzedenzfall, der die gesamte Branche betreffe. Würde er den Film kürzen, sei das bei allen anderen Filmen später auch möglich.
Schauspielerinnen kritisieren Wenders und fordern Selbstkritik
Der Aufforderung nach einer Debatte kamen in den sozialen Medien zahlreiche hochkarätige Schauspielerinnen und Schauspieler nach. „Es ist zum Schämen. Wie er ernsthaft seine Kunst, Kunst generell, über die Grenzen von ihr stellt, immer noch, und dann noch von einer moralischen Frage spricht. Mir ist das alles so peinlich“, schreibt etwa Rosalie Thomass. Ihre Kollegin Karoline Herfurth träumt derweil von einer anderen Rede von Wenders. „Es wäre so groß gewesen, wenn ein so großer Mann einmal öffentlich gesagt hätte: Ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe es versäumt, ein ungeschütztes 13‑jähriges Kind zu schützen“, schreibt die Berlinerin.
Ein nacktes 13-jähriges Kind in einem Film sei nie und war auch schon vor 50 Jahren nicht okay. „Offensichtlich ist der Schutz von Kindern vor öffentlicher Nacktheit in diesem Raum gestern immer noch verhandelbar“, so Herfurth. Das sei ebenfalls ein Präzedenzfall, nur in eine andere Richtung.
Clemens Schick kritisiert Deutschen Filmpreis für Wim Wenders
Schauspieler Clemens Schick kritisiert, dass Wenders überhaupt den Deutschen Filmpreis erhalten hat – „nach Jahren von me too“. In seiner Dankesrede sei es Wenders nur um seinen eigenen Schutz gegangen. „Und um die Diskussion um diesen Fall auf eine abstrakte Ebene über Zensur zu heben.“ Für Schick gehe es stattdessen um das persönliche Empfinden einer Frau, die versucht, nachträglich ihr 13-jähriges Ich zu schützen. Traurig finde er auch, dass sich niemand während der Veranstaltung auf die Seite von Nastassja Kinski gestellt hat.
Deutlich versöhnlicher zeigt sich Schauspielerin Lavinia Wilson. „Ich bin ehrlich gesagt erleichtert gewesen, dass Wim Wenders jetzt endlich darüber sprechen will“, schreibt sie auf Instagram. Er zeige damit deutlich mehr Lernfähigkeit als andere Männer. Sie wünsche sich eine ausführliche Diskussion, wie nun mit der Szene und dem Wunsch von Nastassja Kinski umgegangen werden soll. Aber: Bis dahin hätte man „die Szene in den verfügbaren Streams zumindest provisorisch rausnehmen müssen“.



