In den vergangenen Monaten haben Archäologen auf Spitzbergen die größte bekannte Walfängergrabstätte der Arktis untersucht. Die Analyse der dort entdeckten Skelette zeichnet das Bild eines kurzen und entbehrungsreichen Lebens. Zahlreiche Spuren an den Knochen deuten darauf hin, dass die Männer unter schweren körperlichen Belastungen litten und häufig von Krankheiten geplagt waren.

Typische Seemannskrankheit: Walfänger litten an Skorbut

Der Fundort trägt den Namen „Likneset“, was auf Norwegisch so viel wie „Leichenpunkt“ bedeutet, und gewährt seltene Einblicke in das Leben der frühen Walfänger des 17. Jahrhunderts. Die Skelette aus Hunderten flacher, mit Steinen markierter Gräber zeichnen ein eindrucksvolles Bild vom entbehrungsreichen Alltag der Walfänger des 17. und 18. Jahrhunderts. Der frühe arktische Walfang gehörte zu den ersten groß angelegten Rohstoffindustrien Europas und verlangte den Männern enorme körperliche Leistungen ab. „Die Arbeit war außerordentlich anstrengend“, erläutert die Archäologin Lise Loktu vom Norwegisches Institut für Kulturerbeforschung gegenüber „Live Science“.

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Die Folgen dieser harten Arbeit sind noch heute an den Knochen sichtbar. Stundenlanges Rudern, das Einholen lebender Wale, das Schleppen tonnenschwerer Kadaver, die Verarbeitung von Walfett und die Arbeit unter eisigen, nassen Bedingungen hinterließen deutliche Spuren. Die Forscher identifizierten schwere Verschleißerscheinungen an Schultern, Brustkorb, Wirbelsäule, Hüften, Knien und Füßen. Viele der Männer starben vergleichsweise jung, wiesen jedoch körperliche Schäden auf, wie sie sonst erst bei deutlich älteren Menschen auftreten.

Neben den Belastungen der Arbeit offenbarten die Skelette auch Hinweise auf weit verbreitete Krankheiten. Besonders häufig trat Skorbut auf, eine durch Vitamin-C-Mangel verursachte Erkrankung, die unter Seeleuten über Jahrhunderte gefürchtet war. Da frisches Obst und Gemüse auf langen Fahrten kaum verfügbar waren, litten die Männer unter Muskelschwäche, Zahnfleischbluten, Zahnverlust und Blutarmut.

Rauchen verstärkte den Mangel an Vitamin C

Auch die Zähne der Walfänger erzählen von ihrem harten Alltag. Bei den zahnmedizinischen Untersuchungen stellten die Wissenschaftler fest, dass viele der Männer regelmäßig rauchten. Typisch waren Tonpfeifen, die oft stundenlang zwischen den Zähnen gehalten wurden und charakteristische kreisförmige Abnutzungsspuren im Zahnschmelz hinterließen. Das Rauchen verschlechterte jedoch nicht nur die Zahngesundheit, sondern dürfte auch den Vitamin C-Haushalt des Körpers zusätzlich belastet haben.

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Gemeinsam mit den ohnehin entbehrungsreichen Lebensbedingungen beschleunigte dies den körperlichen Verfall vieler Walfänger. Ein geschwächtes Immunsystem erhöhte die Anfälligkeit für Infektionen, während Verletzungen und Erkrankungen deutlich schlechter ausheilten. Die archäologischen Befunde verdeutlichen, wie mehrere gesundheitliche Risikofaktoren zusammenwirkten und die Männer bereits in vergleichsweise jungen Jahren stark zeichneten.

Bemerkenswert ist zudem, dass die europäischen Walfänger offenbar kaum von den Erfahrungen der indigenen Bevölkerungsgruppen der Arktis profitierten. Diese ernährten sich unter anderem von Muktuk, einem traditionellen Gericht aus Walhaut und Walspeck, das wertvolle Mengen an Vitamin C und Vitamin D enthält. Eine stärkere Anpassung an diese bewährte Ernährungsweise hätte die Folgen von Mangelkrankheiten wie Skorbut möglicherweise deutlich abmildern können.

Archäologen unter Zeitdruck: Klimawandel verstärkt den Verfall

Die Untersuchung der über Jahrzehnte hinweg freigelegten Skelette brachte nicht nur neue Erkenntnisse über das Leben der Walfänger ans Licht, sondern offenbarte auch eine wachsende Bedrohung für die archäologische Forschung. Nach Einschätzung der Wissenschaftler setzt die rasche Erwärmung der Arktis den außergewöhnlich gut erhaltenen Fundstätten zunehmend zu.

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In ihrer Studie warnen die Forscher, dass steigende Temperaturen den Zerfall von archäologischen Stätten beschleunigen, die über Jahrhunderte im Permafrost konserviert wurden. Besonders gefährdet seien die Walfängergräber auf Spitzbergen, die zu den sensibelsten Kulturerbestätten der Arktis zählen. Mit dem Auftauen des Bodens gehen wertvolle Spuren der Vergangenheit unwiederbringlich verloren. Für Archäologen bedeutet dies einen Wettlauf gegen die Zeit, denn das Zeitfenster für Untersuchungen und die Sicherung wichtiger Funde wird von Jahr zu Jahr kleiner.