Die drei Hyänen Shenzi, Banzai und Ed aus Disneys „König der Löwen“ prägten für viele Menschen das Bild der gefährlichen, hinterlistigen Raubtiere. In äthiopischen Städten wie Harar oder Mekelle dagegen gehören Hyänen seit Generationen zum Alltag.
In Videos ist zu sehen, wie sich bei Einbruch der Dunkelheit Dutzende Tüpfelhyänen vor den Mauern der Altstadt versammeln. Wenig später tritt ein Mann mit einem Korb voller Fleischreste aus einer Seitengasse und beginnt, die wilden Tiere zu füttern – teilweise direkt von Mund zu Schnauze.
Was für viele wie eine Szene aus einem Abenteuerfilm wirkt, ist in Harar längst Tradition und wurde inzwischen millionenfach im Internet aufgerufen. Die Hyänen der Stadt gelten dort nicht nur als Touristenattraktion, sondern laut neuen Studien auch als unerwartete Helfer im Kampf gegen Müll, Krankheiten und die Klimakrise. Forschende der University of Sheffield haben den Einfluss urbaner Aasfresser auf Umwelt und Abfallmanagement in äthiopischen Städten untersucht und sind dabei zu erstaunlichen Erkenntnissen gelangt.
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Studie aus Äthiopien: Hyänen verhindern Tausende Tonnen CO₂
Im Fokus der Studie stand die drittgrößte äthiopische Stadt Mekelle mit mehr als 660.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Hier werden jedes Jahr über eine Million Hühner, Ziegen und Schafe in Privathaushalten geschlachtet. Die nicht verwerteten Tierreste landen häufig im öffentlichen Raum. Laut der Untersuchung werden rund zwei Drittel des organischen Abfalls an Straßenrändern oder auf offenen Flächen entsorgt.
Für die Studie befragte das Forschungsteam mehr als 400 zufällig ausgewählte Haushalte zu ihren Entsorgungsgewohnheiten. Hochgerechnet auf die gesamte Stadt ergab sich, dass jährlich etwa 1.058.200 Tiere in Privathaushalten geschlachtet werden. Dadurch entstehen rund 1240,6 Tonnen Fleischabfälle – ungefähr das Gewicht von 310 ausgewachsenen Elefanten.

Laut den Forschenden verhindern Aasfresser jährlich mehr als 1000 Tonnen CO₂-Emissionen. Denn ohne Hyänen, Geier oder streunende Hunde würden die Abfälle verrotten und große Mengen klimaschädlicher Gase freisetzen. Gleichzeitig spart die Stadt über 100.000 US-Dollar an Entsorgungskosten ein.
Besonders auffällig: Etwa 90 Prozent dieser „Reinigungsarbeit“ werden von Tüpfelhyänen übernommen. Nachts ziehen die Tiere aus ihren Rückzugsgebieten am Stadtrand in Richtung Müllhalden und Straßenränder. Der Wildtierökologe und Hauptautor Gidey Yirga beschreibt die Tiere als „extrem anpassungsfähig“. Hyänen leben in matriarchalen Gruppen, jagen kooperativ und wechseln opportunistisch zwischen Jagd und Aasfressen.
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Hyänen schützen offenbar auch vor Krankheiten
Die Tiere reduzieren laut Wissenschaft nicht nur Emissionen, sondern offenbar auch erhebliche Gesundheitsrisiken. Fleischreste und Tierkadaver, die offen in Städten liegen bleiben, können Krankheiten verbreiten. Schon in früheren Studien wurde untersucht, wie Hyänen dabei helfen, die Ausbreitung von Krankheiten wie Milzbrand oder Rindertuberkulose einzudämmen.
Yirga spricht deshalb von „Ökosystemleistungen“, die von den Bewohnenden vielerorts durchaus geschätzt würden. Rund 72 Prozent der befragten Haushalte bewerteten Hyänen und andere Aasfresser als nützlich. „Die urbanen Aasfresser profitieren vom Müll der Bewohner – und die Bewohner profitieren von den Reinigungsdiensten der Tiere“, sagte Yirga gegenüber CNN. Es handle sich um eine „gegenseitig vorteilhafte Beziehung“.
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Die „Hyänenmänner“ von Harar
Besonders sichtbar wird dieses ungewöhnliche Zusammenleben in Harar. Die Altstadt gehört zum Unesco-Weltkulturerbe und gilt neben Mekka, Medina und Jerusalem als viertheiligste Stadt des Islams.
Dort leben Menschen und Hyänen offenbar seit über 500 Jahren nebeneinander. Die Stadtmauer aus dem 16. Jahrhundert besitzt sogar an mehreren Stellen kleine Öffnungen, die lokal als „waraba nudul“ – Hyänenlöcher – bekannt sind. Nachts kommen die Tiere durch diese Durchgänge in die Stadt, um Fleisch- und Essensreste zu fressen.
Der bekannteste Mann in Harar wird wohlmöglich Abbas Yusuf, der sogenannte „Hyänenmann“, sein. Oder es ist sein Vater Yusuf Mume Salleh, der mit der täglichen Hyänen-Fütterung in den 1950er-Jahren begann, um Angriffe auf seine Ziegen und andere Nutztiere zu verhindern.

Heute kommen Touristen aus aller Welt, um die nächtlichen Fütterungen zu beobachten. Abbas hat für die Tiere sogar eigene Namen. Eine Hyäne heißt zum Beispiel „Kamariya“ – „wie der Mond“, wie CNN berichtet. Seine Lieblingshyäne nennt er „Jarjaraa“, „die Eilige“. Teilweise balanciert er Fleischstücke auf einem Stock zwischen seinen Zähnen, während die Tiere sie vorsichtig herausziehen. Dabei entstehen unfassbare Szenen.
Hyänen sollen Geister vertreiben und Nachrichten überbringen
Der Anthropologe Marcus Baynes-Rock, der das Zusammenleben von Menschen und Hyänen jahrelang erforschte und darüber das Buch „Among the Bone Eaters“ schrieb, beschreibt die Beziehung als langsam gewachsenes Vertrauensverhältnis. Die Tiere seien nicht domestiziert worden, vielmehr hätten sich Mensch und Tier gegenseitig aneinander angepasst.
In Harar gelten Hyänen zudem nicht nur als ökologische, sondern auch als spirituelle „Reiniger“. Nach lokalem Glauben vertreiben sie sogenannte Dschinn – übernatürliche Wesen aus der islamischen Tradition. Im lokalen Harari, einer Sprache, die nur noch von wenigen Zehntausend Menschen gesprochen wird, heißt die Hyäne „waraba“. Laut CNN lässt sich dieser Begriff sinngemäß mit „Nachrichtenüberbringer“ übersetzen.
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Hyänen: Schlechter Ruf durch Filme und Konflikte
Trotz ihrer Rolle im Ökosystem haben Hyänen weltweit ein schlechtes Image. Forschende sehen darin inzwischen sogar ein Problem für den Artenschutz. Die Hyänen-Spezialistengruppe der International Union for Conservation of Nature stuft ihre negative öffentliche Wahrnehmung als direkte Gefahr für das Überleben der Tiere ein.
Laut Baynes-Rock reicht die Konkurrenz zwischen Mensch und Hyäne Millionen Jahre zurück. Moderne Popkultur habe dieses Bild weiter verstärkt – etwa durch die Darstellung als hinterhältige, lachende Bösewichte in „Der König der Löwen“. In dem Klassiker wohnen die Tiere sogar auf dem „Elefantenfriedhof“ – einem Ort des Todes. Dabei zeigt die Forschung in Äthiopien, dass Menschen Raubtiere durchaus komplexer wahrnehmen können. Während Hyänen in Mekelle oder Harar als nützliche „Straßenreiniger“ gelten, werden sie andernorts weiterhin als Problemtiere betrachtet.
Gleichzeitig warnen Forschende davor, die Tiere zu sehr an Menschen zu gewöhnen. Durch zunehmende Urbanisierung verschwinden Lebensräume und natürliche Rückzugsorte. Zu viel Nähe könne dazu führen, dass Hyänen ihre Scheu verlieren – und dadurch Konflikte mit Menschen oder Nutztieren zunehmen. Abbas Yusuf glaubt nicht, dass die Tradition verschwinden wird. „Diese Fütterung wird von Generation zu Generation weitergegeben“, sagte er gegenüber CNN. „Ich arbeite daran, sie auf schöne Weise an meinen Sohn weiterzugeben.“








