Eigentlich ist Punta Marina ein Ort der Ruhe: Familien verbringen hier ihre Sommerferien zwischen Pinienwäldern. Doch die Idylle des kleinen Badeorts mit den herrlich breiten Sandstränden an der nördlichen Adriaküste nahe Ravenna wird seit Monaten von ungewöhnlichen Bewohnern gestört: Rund 120 frei lebende Pfauen haben sich in der Gemeinde ausgebreitet und sorgen zunehmend für Ärger unter den Einwohnern.

Die exotischen Vögel gehören inzwischen zum Straßenbild. Sie sitzen auf Hausdächern, bringen den Verkehr in Kreisverkehren zum Erliegen, stolzieren durch Vorgärten und picken in Blumenbeeten herum. Wer morgens das Haus verlässt, entdeckt die Tiere oft direkt vor der Haustür. Vor allem der Lärm sorgt für Beschwerden. Während der Paarungszeit zwischen März und Juni stoßen die männlichen Tiere laute, schrille Rufe aus, die schon in den frühen Morgenstunden durch den Ort hallen.

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Sorge in Italien: „Die Tiere schaden dem Tourismus“

Viele Anwohner klagen über schlaflose Nächte. Hinzu kommen Hinterlassenschaften auf Gehwegen und Terrassen, beschädigte Dachziegel sowie zerkratzte Autos. Manche tierische Genossen sind auch auf Krawall gebürstet: Aggressiv picken sie gegen spiegelnde Oberflächen oder verteidigen ihr Revier gegenüber Menschen und Haustieren. Anwohner berichteten, dass Feriengäste aus Angst vor der Pfaueninvasion die Ortschaft verlassen haben. „Diese Tiere schaden dem Tourismus“, heißt es von der zuständigen Behörde.

„Die Pfauen sind schön, aber inzwischen einfach zu viele“, sagt Claudio Ianiero gegenüber lokalen Medien, der gemeinsam mit Rosanna Golfarelli seit mehr als 40 Jahren die Konditorei „Cacao“ in Punta Marina betreibt. Direkt neben der Backstube halten sich regelmäßig mehrere Tiere auf. Einer der Pfauen sei fast schon zum Haustier geworden. „Wir nennen ihn Pirilampo“, erzählt Ianiero.

Über 100 Pfauen leben in Punta Marina

Woher die Pfauen ursprünglich stammen, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Experten gehen davon aus, dass einzelne Tiere vor mehr als zwölf Jahren aus privaten Haltungen entlaufen oder ausgesetzt worden waren. Anfangs lebten sie vor allem auf dem Gelände einer ehemaligen Ferienanlage der italienischen Luftwaffe nahe der Strandpromenade. Nach Umbauarbeiten in dem Gebiet breiteten sich die Tiere jedoch zunehmend im gesamten Ort aus.

Während der Corona-Pandemie nahm ihre Zahl offenbar nochmals deutlich zu. Wie viele Pfauen tatsächlich in Punta Marina leben, weiß niemand genau. Offizielle Zählungen gibt es bislang nicht. Schätzungen reichen von rund 100 bis zu 120 Tieren. Viele Einwohner sprechen sogar von deutlich mehr. „An manchen Tagen standen 30 Pfauen in meinem Garten“, klagt eine Bewohnerin.

Peacock (Pavo cristatus)
Die bunten Pfauen breiten sich zunehmend in dem kleinen Örtchen Punta Marina in Italien aus. (Symbolbild)© Getty Images | fotolinchen

Biologen warnen allerdings davor, vorschnell von einer invasiven Art zu sprechen. Als invasiv gelten Tiere erst dann, wenn sie heimische Arten verdrängen oder Ökosysteme nachhaltig schädigen. Dafür gebe es bei den Pfauen bislang keine Hinweise. Trotzdem könne eine große Population im urbanen Raum erhebliche Probleme verursachen. Denn ein weiteres Problem ist die ungeklärte Zuständigkeit für die Pfaue. Die Leiterin der Provinzpolizei, Lorenza Mazzotti, bezeichnet die Tiere als herrenlos. Frühere Fangversuche mit Netzen seien gescheitert. Zudem sei unklar, welche Behörde langfristig für die Kontrolle der Population verantwortlich sei und wer die Kosten tragen müsse.

Pfauen-Plage: Behörden wollen Tiere zur Adoption freigeben

Die Gemeinde versucht inzwischen, die Lage zumindest teilweise unter Kontrolle zu bringen. Informationsschilder fordern Einwohner und Touristen dazu auf, die Tiere nicht zu füttern. Experten beraten die Bewohner, wie sich Pfauen von Grundstücken fernhalten lassen. Dabei setzen die Behörden vor allem auf Abschreckungsmaßnahmen wie laute Geräusche, Wasserspritzer und Beseitigung möglicher Nahrungsquellen. Inzwischen versuchen die Behörden auch, Personen außerhalb der Gemeinde zu finden, die die Pfaue für ihre Gärten „adoptieren“ wollen.

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Nun soll zunächst ein offizieller Bestand erhoben werden. Die zuständige Stadträtin für Tierrechte kündigte an, die Tiere mithilfe von Drohnen und gezielten Zählaktionen zu erfassen. Erst danach soll gemeinsam mit Bürgern und Tierschutzorganisationen über weitere Schritte entschieden werden. Ein Gutachten bestätigt bereits, dass der Blaue Pfau in Italien nicht unter besonderem Schutz steht und Maßnahmen zur Bestandskontrolle grundsätzlich möglich wären.

Der Blaue Pfau stammt ursprünglich vom indischen Subkontinent und gehört zur Familie der Fasanenartigen. Besonders auffällig ist der starke Unterschied zwischen den Geschlechtern. Während die Männchen durch ihr metallisch blaues Gefieder und die fächerförmige Schleppe auffallen, sind die Weibchen deutlich kleiner und unauffälliger gefärbt. Die berühmte „Pfauenschleppe“ besteht nicht aus Schwanzfedern, sondern aus verlängerten Deckfedern mit irisierenden Augenmustern. Studien zufolge bevorzugen Weibchen Männchen mit besonders vielen dieser Augenflecken, da sie als Zeichen guter Gesundheit gelten.