Durch den Klimawandel beginnt die Saison für allergene Baum- und Straucharten immer früher. Für Allergiker bedeutet das, dass sie noch früher im Jahr und länger von einer verstopften Nase und tränenden Augen geplagt werden. Doch auch Regengüsse und Frühlingsgewitter, wie jetzt während der Eisheiligen, können die Symptome verschlimmern. Wissenschaftler sprechen vom sogenannten Gewitterasthma („Thunderstorm Asthma“). Doch was ist das?
Deutschlandweit leiden etwa 15 Prozent der Menschen an Allergien. Das betrifft also 12 Millionen Menschen und ist somit weit verbreitet. Besonders viele sind dabei gegen Birken- und Gräserpollen allergisch, die derzeit im ganzen Land zu einer erhöhten Belastung führen können. Wenn die Blüte beginnt, ist das also für besonders viele Menschen lästig. Die Pollen verursachen juckende, tränende, gerötete Augen, Niesattacken, eine verstopfte Nase. Und: In diesem Jahr beobachten Experten aufgrund der ausgeprägten Baumblüte eine besonders heftige Saison. Das haben auch Krankenkassen festgestellt, da die Krankschreibungen aufgrund von Heuschnupfen bereits Mitte März deutlich gestiegen sind.
Gewitterasthma: Wie Stürme Pollen in winzige Allergiepartikel verwandeln
Bei Windstößen geben Gräser oder Bäume große Mengen ihrer Pollen in die Luft ab. Kommt mäßiger Regen hinzu, werden die Bedingungen besser, die Pollen werden zumeist weggespült. Anders jedoch bei Gewittern. Dann werden die Pollen aus oberen Luftschichten in Richtung Boden gedrückt und sammeln sich dort, wie die Pollenstiftung schreibt. Durch die abrupte Veränderung der atmosphärischen Bedingungen werden die Pollen in mikroskopisch kleine Partikel zersetzt.
Dabei sorgen die elektrostatische Aufladung und Feuchtigkeit dafür, dass Pollenkörner osmotisch aufquellen und platzen. Die ohnehin schon winzigen Pollen zerbersten in noch kleinere Partikel. Das hat zur Folge, dass die allergieauslösenden Bestandteile der Pollen in die Luft geschleudert und durch starke Fallwinde in großen Mengen bis auf Bodenhöhe gedrückt werden. Experten sprechen bei diesem Phänomen auch vom Gewitterasthma.
Dieses Phänomen haben laut der Zeitschrift „National Geographic“ Klimaforscher wie Corey Davis North Carolina State Climate Office aus den USA beschrieben. Bekannt ist es aber bereits seit einigen Jahrzehnten. Bei Gewitter mit Regen können die Symptome bei Allergikern also deutlich stärker auftreten.
Gewitter wirbeln Pollen und Staub auf und verstärken Allergiebelastung
Wie Meteorologe Dante Ricci aus West Virginia erklärt, können starke Winde eines Gewitters Schmutz und Partikel durch die Luft wirbeln. „Pollen, Staub, Schimmelpilzsporen – alles, was am Boden liegt, wird aufgewirbelt und verteilt. Es landet auf Autos, gerät in die Luftzirkulation, möglicherweise in Häuser, wenn Fenster offenstehen, und auf jeden, der draußen unterwegs ist.“
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Wie häufig und intensiv Frühlingsgewitter auftreten, kann sich, ebenfalls durch den Klimawandel bedingt, häufen. Mehr Feuchtigkeit in der Atmosphäre, stärkere Regenfälle und heftigere Winde können dazu beitragen, dass sich Pollen weiter und schneller verbreiten. Der Regen spült einen Teil der Pollen zwar davon, gleichzeitig regen die milden Temperaturen und die Feuchtigkeit die Pflanzen dazu an, neue zu produzieren. Ein weiteres Problem sind nach Deutschland eingeschleppte Arten: Wie der Allergische Informationsdienst erklärt, kann beispielsweise Beifußblättriges Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia) schlimme allergische Symptome auslösen und Bedingungen für Gewitterasthma begünstigen.
Kleine Pollenpartikel: Höheres Asthma-Risiko bei Allergikern
Wie sehr Allergiker durch Pollen belastet sein können, hängt von der Größe der Pollen ab. „Die Größe der Partikel ist entscheidend“, sagt William Anderegg, Professor an der School of Biological Sciences der University of Utah, der Zeitschrift „National Geographic“. Pollenkörner sind typischerweise 10 bis 100 Mikrometer groß. Werden die Partikel 2,5 Mikrometer oder noch kleiner, steigt das Gesundheitsrisiko deutlich. Denn diese Mikropollen dringen tiefer in die Atemwege ein und können bei Menschen mit Heuschnupfen Asthmasymptome verstärken oder überhaupt erstmalig auslösen.
Pollen von normaler Größe können nicht so tief in die Lunge vordringen. Werden sie aber durch Gewitter in kleinere Teile zersetzt, können sie dies sehr wohl und dabei schwere Asthmaanfälle auslösen. Der Körper reagiert darauf, und die Lunge produziert enorme Mengen zusätzlichen Schleims, der sich nur schwer abhusten lässt. Die Folgen können dramatisch sein.
Gewitterasthma führt 2016 in Melbourne zu Todesfällen und Massenansturm
Zieht sich die Muskulatur rund um die Atemwege krampfartig zusammen – was man auch als Bronchospasmus bezeichnet –, fällt das Atmen schwer; in besonders schweren Fällen kann es sogar zu Atemversagen kommen, so Stevens. Asthma kann Bronchospasmen auslösen, aber auch bestimmte Lungenerkrankungen oder eben heftige allergische Reaktionen.
Was das mit Allergikern machen kann, zeigt das Gewitterasthma im Jahr 2016 im australischen Melbourne. Der bislang schwerste dokumentierte Fall eines Gewitterasthmas. Mehr als 3400 Menschen mit Asthmasymptomen mussten damals in die Notaufnahme gebracht werden, zehn Menschen starben. Betroffen waren nicht nur Asthmatiker, sondern auch Menschen, die zuvor gar keine Beschwerden hatten. Seitdem wurden ähnliche Fälle in Asien, Italien, dem Nahen Osten, Nordamerika und Großbritannien registriert. Aus Deutschland sind derart schlimme Fälle bisher nicht bekannt.



