Er habe das Bild der getöteten Frau immer noch im Kopf, sagt Akrem A. Die Frau, die sich auf dem Autodach des Amokfahrers festgeklammert hatte. Die vom Dach stürzte, als das Auto zum Stoppen kam – genau da, wo Akrem A. am Montagnachmittag in der Leipziger Innenstadt unterwegs war.

Akrem A., so erzählt er es im Gespräch mit dieser Redaktion, zögerte nicht lange. Gemeinsam mit anderen versuchte er zunächst, die Autoscheibe einzuschlagen. Als das nicht ging, zog ein Mann aus Algerien den Fahrer durch die Beifahrertür aus dem Auto. Akrem A. und ein Polizist brachten den Tatverdächtigen zu einem Polizeiauto. Der Fahrer, so erinnert sich A., habe wie neben sich gestanden, fast erschöpft gewirkt. Als A. zum Tatfahrzeug zurückkehrte, versuchten bereits andere, der Frau zu helfen. Ohne Erfolg: Die 63-Jährige wird eines von zwei Todesopfern, die zu beklagen sind, nachdem ein Mann am Montagnachmittag mit einem Auto in die Leipziger Fußgängerzone raste. Auch ein 77-Jähriger stirbt, zahlreiche andere werden verletzt, zum Teil schwer. Immerhin: Die Schwerverletzten sollen mittlerweile nicht mehr in Lebensgefahr sein.

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Der Tatverdächtige ging freiwillig in stationäre Behandlung in einer psychiatrischen Klinik

Zu dem 33-Jährigen, der am Steuer des hellgrauen VW Taigo saß, gibt es auch am Tag danach noch mehr Fragen als Antworten. Bekannt ist, dass der Mann deutscher Staatsbürger ist. Und auch, dass er ehrenamtlich als Boxtrainer bei einem Leipziger Verein aktiv war. Er hatte dort offenbar noch zu Beginn dieses Jahres Kurse für „Einsteiger“ angeboten. Mehrere Vorstandsmitglieder des Vereins wollen sich auf Nachfrage unserer Redaktion nicht zum Tatverdächtigen äußern oder reagieren nicht auf Anrufe.

Laut Medienberichten soll der Tatverdächtige mit seiner Ehefrau ein gemeinsames Kind haben und zuletzt als Haustechniker gearbeitet haben. Mitglieder des Boxclubs beschreiben ihn gegenüber „Focus“ als „loyal und zuverlässig“. Unklar ist bisher, wie die Familie zuletzt zusammenlebte.

Das ist die eine Seite. Die andere: Der Tatverdächtige ahnte offenbar, dass es um seine psychische Gesundheit sehr schlecht steht. Er ging freiwillig in Behandlung. Nach Informationen unserer Redaktion hielt sich der mutmaßliche Amokläufer noch vor Kurzem auf eigenen Wunsch in einer Klinik im Raum Leipzig auf. Er sei dort „stationär“ aufgenommen worden, heißt es vonseiten des Sozialministeriums in Dresden auf Nachfrage. Das Ministerium ist die Fachaufsichtsbehörde der psychiatrischen Klinik. Nach einem kurzen Aufenthalt wurde der nun Tatverdächtige Ende April 2026 entlassen. Manche Medien hatten berichtet, der Mann sei erst am Tag vor der Tat aus der Klinik gekommen. Dem widerspricht die Aussage des Ministeriums nun.

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Während der Zeit dieses Aufenthalts in der Klinik habe weder eine Selbstgefährdung noch eine Fremdgefährdung bestanden. Es hätten damit keine medizinischen Gründe vorgelegen, den Patienten, der freiwillig dort war, am Verlassen der Klinik zu hindern und damit gegen seinen Willen festzuhalten, hebt das Ministerium hervor. Details zur Therapie und der Behandlung nennt die Landesregierung nicht, aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht.

Was der Auslöser war für die Tat? Was ging vor im Kopf des Mannes? Von einem religiösen oder politischen Motiv geht die Polizei nicht aus. Die Sicherheitsbehörden haben nach Information unserer Redaktion bis Dienstagnachmittag keinen Hinweis auf einen terroristischen Hintergrund der Tat. Der Tatverdächtige ist zwar polizeibekannt, jedoch nicht mit politisch motivierten Straftaten. Laut Medienberichten und eigenen Recherchen soll der Tatverdächtige wegen häuslicher Gewalt aufgefallen sein. 2014 soll er durch das Amtsgericht wegen einer Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt worden sein, berichtet die „Welt“.

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Leipzig ringt um den Umgang mit der Amokfahrt

Auch für die Betroffenen brennt die Frage nach dem „Warum?“ oftmals auf der Seele. Nur: Antworten gibt es im Fall Leipzig bis jetzt kaum. Auch die Klinik selbst, etwa eine halbe Stunde außerhalb des Stadtzentrums, verweist auf das zuständige Ministerium. Das Büro des Boxvereins ist am Dienstagvormittag geschlossen. „Durchboxen und zusammenhalten“ steht auf einem alten Plakat an der Tür, das für ein Schautraining für Jugendliche wirbt. Niemand ist vor Ort.

Zusammenhalten, das versuchen auch die Leipzigerinnen und Leipziger. Die Flaggen sind auf halbmast, die Stimmung ernst: Die Stadt ringt am Tag danach um den Umgang mit der Tat. Zu einer Andacht in der Universitätskirche kommen am Mittag mehr als 1000 Menschen. Die Kirche ist direkt am Augustusplatz, wo die Amokfahrt begann. An der Mauer des Gebäudes hat sich ein spontaner Gedenkort gebildet, mit zahllosen Blumen und Kerzen.

„Es ist niemand mehr in Lebensgefahr“, sagt der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung vor Reportern, als er am Mittag zum Gedenkort an der Universitätskirche kommt. „Gestern war es gespenstisch still in der Innenstadt.“ Am Dienstag seien viele Menschen nachdenklich. „Ich hoffe, dass wir zusammenhalten.“

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Während Jung spricht, legen hinter ihm immer wieder Menschen Blumen, Kerzen oder Karten ab. Einer von ihnen ist Franz Léon Eckhardt, der im Westen der Stadt ein französisches Restaurant betreibt. Er ist mit seinem einjährigen Sohn zur Universitätskirche am Augustusplatz gekommen, um Blumen niederzulegen. „Es ist schwer zu ertragen“, sagt er. In der ganzen Stadt sei die Stimmung am Tag danach immer noch gedrückt. „Ich hoffe, dass das irgendwann aufhört.“ Ähnlich formulieren es auch andere, die man fragt: Die Amoktat fügt sich in eine Weltlage, die sich für viele zunehmend chaotisch anfühlt. Eine andere Leipzigerin hat eine Karte abgelegt, ein bunter Fisch ist darauf zu sehen und das Wort „Leben“. Sie hätte einfach das Bedürfnis gehabt, etwas Schönes zu hinterlassen, sagt sie.