Kein Alkohol, kaum frische Lebensmittel, strenge Tagespläne – und vor allem: 100 Tage ohne echten Kontakt zur Außenwelt. Was nach einer extremen Strafe klingt, ist in Wirklichkeit ein hochkomplexes Experiment der Europäischen Weltraumorganisation Esa. Seit Kurzem leben sechs junge Erwachsene abgeschottet in einer Forschungsanlage in Köln. Ihr Alltag soll zeigen, wie Menschen mit monatelanger Isolation umgehen – eine Schlüsselfrage für künftige Missionen zum Mars.

Die Studie trägt den Namen „SOLIS100“ und wird im sogenannten „:envihab“ des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) durchgeführt. Hinter den verschlossenen Türen simuliert die Anlage eine Umgebung, wie sie Astronautinnen und Astronauten auf langen Raumflügen erwarten könnte: eng, abgeschieden und streng reglementiert.

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Leben wie im All – nur ohne Schwerelosigkeit

Die sechs Teilnehmenden – drei Frauen und drei Männer im Alter zwischen 26 und 32 Jahren aus mehreren europäischen Ländern – haben sich freiwillig gemeldet. Für ihre Teilnahme erhalten sie eine Aufwandsentschädigung von rund 23.000 Euro. Doch dafür müssen sie einiges in Kauf nehmen.

Ihr Alltag ist bis ins Detail durchgeplant. Schlafenszeiten sind fest vorgegeben, ebenso Arbeits- und Trainingsphasen. Täglich stehen wissenschaftliche Experimente auf dem Programm. Die Teilnehmenden sind dabei zugleich Versuchspersonen und Crewmitglieder, die Abläufe dokumentieren, Technik testen und ihre Umgebung instand halten.

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Die Bedingungen sind bewusst streng: Frisches Obst und Gemüse gibt es nicht, stattdessen abgepackte, rationierte Nahrung – ähnlich der Kost auf der Internationalen Raumstation. Geduscht werden darf nur zweimal pro Woche, jeweils maximal fünf Minuten. Der Kontakt zur Familie ist auf einen einzigen Videoanruf pro Woche beschränkt.

Selbst medizinische Untersuchungen laufen distanziert ab: Blutproben werden über spezielle Vorrichtungen in der Tür entnommen, ohne direkten Blickkontakt zum medizinischen Personal.

Langzeit-Experiment: Isolation als Risiko für Körper und Psyche

Im Zentrum der Studie steht eine entscheidende Frage: Was passiert mit Menschen, wenn sie über Monate hinweg isoliert und auf engem Raum zusammenleben?

„SOLIS100“ untersucht dabei nicht nur die psychischen Auswirkungen, sondern auch körperliche Veränderungen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beobachten unter anderem Stresslevel, Schlafqualität, kognitive Leistungsfähigkeit und Teamdynamik. Auch biologische Faktoren wie das Mikrobiom werden analysiert.

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Denn klar ist: Isolation kann gravierende Folgen haben. Frühere Experimente zeigen, dass sich bei längerer Abschottung Schlafrhythmen verschieben, Konflikte zunehmen und die körperliche Leistungsfähigkeit sinkt. Auch emotionale Abstumpfung wurde bereits beobachtet – ein Risiko, das auf langen Missionen fatale Folgen haben könnte.

Ein Vergleich drängt sich auf: Viele Menschen haben während der Corona-Pandemie zumindest ansatzweise erlebt, wie belastend eingeschränkter sozialer Kontakt sein kann. Doch die Bedingungen in Köln gehen deutlich darüber hinaus: kaum Außenkontakt, permanente Überwachung und eine Umgebung, die sich über Wochen nicht verändert.

Vorbereitung auf Reisen zum Mars

Der Hintergrund der Studie ist ambitioniert. Während ein Flug zum Mond nur wenige Tage dauert, müssten Astronautinnen und Astronauten für eine Mission zum Mars rund sechs Monate unterwegs sein – ohne Möglichkeit zur Rückkehr oder unmittelbare Hilfe von der Erde.

In dieser Zeit wären sie vollständig auf sich gestellt. Kommunikationsverzögerungen machen spontane Unterstützung unmöglich. Umso wichtiger ist es, dass Teams stabil funktionieren, Konflikte bewältigen und auch unter Stress leistungsfähig bleiben.

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Genau hier setzt „SOLIS100“ an: Die gewonnenen Daten sollen helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen und Gegenmaßnahmen zu entwickeln – etwa bessere Trainingsprogramme, Auswahlverfahren für Crews oder Strategien zur Stabilisierung des Biorhythmus.

Strenge Auswahl der Teilnehmenden

Entsprechend hoch waren die Anforderungen an die Freiwilligen. Gesucht wurden körperlich fitte, psychisch stabile Personen mit guter Ausbildung, sehr guten Englischkenntnissen und ausgeprägter Teamfähigkeit. Einzelkämpfer hatten keine Chance.

Denn im All – und auch in Köln – gilt: Wer auf engem Raum zusammenlebt, muss vor allem eines können – miteinander auskommen.

Ein Blick in die Zukunft der Raumfahrt

Schon frühere Studien haben gezeigt, wie herausfordernd solche Bedingungen sind. In einem Experiment der Esa lebten sechs Männer über 500 Tage isoliert – mit teils deutlichen psychischen und physischen Folgen. Auch die US-Raumfahrtbehörde Nasa führt derzeit ähnliche Tests durch.