Es war ein sonniger Herbsttag, als die Bauarbeiten am Busbahnhof neben der Holy Trinity Catholic Church auf Rottnest Island jäh zum Stillstand kamen. Arbeiter hatten menschliche Überreste freigelegt. Die Polizei leitete Ermittlungen ein, ein staatlicher Anthropologe wurde hinzugezogen – und es überraschte kaum jemanden, als Experten kurz darauf bestätigten: Es handelt sich um die Gebeine eines indigenen Menschen. Wieder einmal hat die Insel ihre Toten nicht schweigen lassen.
Rottnest Island – oder Wadjemup, wie das Aborigine-Volk der Noongar sie nennt – liegt 19 Kilometer vor der Küste von Fremantle. Mehr als 800.000 Menschen kommen jedes Jahr. Sie radeln durch die Sommerhitze, schnorcheln in türkisfarbenem Wasser, lassen sich mit Quokkas fotografieren: den kleinen, immer lächelnd wirkenden Beuteltieren, die das Internet verzücken. Was kaum jemand weiß: Unter diesem Postkartenidyll liegt eine der dunkelsten Geschichten, die Australien zu erzählen hat. Es ist der Ort eines der größten Massensterben von Aborigines in Gewahrsam in der Geschichte Australiens.
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Gefangene bauten Insel einst aus
Seit mindestens 65.000 Jahren sind die Aborigines die Hüter des australischen Kontinents. Als die Briten 1788 ankamen, begannen Jahrzehnte gewaltsamer Konflikte. Wadjemup wurde 1838 zum Gefängnis für Aborigine-Männer und -Jungen. Insgesamt wurden rund 3700 indigene Männer und Jungen auf die Insel verschifft – manche gerade einmal acht Jahre alt, andere bereits 70. Die ersten Häftlinge kamen per Boot – und schliefen in einer Küstenhöhle, während sie Kalkstein brachen und das Gefängnis errichteten, das sie selbst einsperren sollte.
Die meisten waren beschuldigt worden, Vieh oder Mehlrationen gestohlen zu haben – angeklagt und verurteilt in einer Sprache, die sie nicht verstanden. Manche kamen aus dem Kimberley, über 2000 Kilometer entfernt, viele von ihnen in Halseisen und Fußketten transportiert, Menschen aus der Wüste, die zuvor noch nie das Meer gesehen hatten. Auf Wadjemup mussten sie im Steinbruch arbeiten, Kais bauen, Straßen anlegen.
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Campingplatz über dem Massengrab
Das Leben im überfüllten, seuchengeplagten Gefängnis war brutal. Der sogenannte Quod war zeitweise mit fast 170 Männern belegt – obwohl er für höchstens 106 Gefangene ausgelegt war. Überfüllung, mangelnde Hygiene, Unterernährung, extremes Klima sowie körperlicher und seelischer Missbrauch forderten viele Todesopfer. Besonders berüchtigt war Aufseher Henry Vincent, ein einäugiger Veteran der Napoleonischen Kriege, der Häftlinge ankettete, schlug und auf sie schoss – und dafür nie zur Rechenschaft gezogen wurde. Bis 2022 trug eine Straße auf der Insel seinen Namen. 1902 wurde die Schließung des Gefängnisses verkündet. Von den rund 3700 indigenen Männern und Jungen starben 373 – die meisten wurden in nicht markierten Gräbern verscharrt. Nur kurz darauf begann die Insel ihr zweites Leben als Touristenziel.
Der Zellenblock wurde 1911 in Ferienwohnungen umgebaut. Jahrzehnte lang buchten Urlauber und Urlauberinnen Zimmer in den Räumen, in denen Gefangene gestorben waren. Das Begräbnisfeld mit den namenlosen Gräbern wurde zum Campingplatz namens Tentland. 90 Jahre lang schliefen Feriengäste nur wenige Dezimeter über einer der größten indigenen Grabstätten Australiens, ohne es zu wissen. Im Interview mit dem US-Sender CNN erinnerte sich Glen Stasiuk, Dozent an der Murdoch University und Regisseur eines Dokumentarfilms über die Insel, wie er in den 1970er Jahren als Kind Tentland besuchte und zweimal so schwer erkrankte, dass er ins Krankenhaus musste. Die Ärzte fanden keine Erklärung. Seine Großmutter hatte sofort eine: „Es ist warra“, sagte sie. „Es ist schlecht.“ Skelettfunde auf dem Gelände wurden bereits 1970 dokumentiert – aber erst 2007 wurde der Campingplatz geschlossen. 2018 stellte auch das einstige Gefängnisresort seinen Betrieb ein.
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„Stell dich dem Land vor, unseren Vorfahren“
Heute bemüht sich die Rottnest Island Authority um Aufarbeitung. Seit 2020 läuft das Wadjemup-Projekt: eine Initiative zur Wahrheitsfindung, zum Gedenken und zur Heilung. Die westaustralische Regierung stellte dafür 2023 insgesamt 27,5 Millionen australische Dollar, knapp 17 Millionen Euro, bereit. Ziel ist es unter anderem, den Quod zu sanieren, das Wadjemup Aboriginal Burial Ground vollständig zu kartieren – auch mithilfe von Bodenradar – und der mindestens 373 dort bestatteten Männer und Jungen würdig zu gedenken. 2024 fand der Wadjemup Wirin Bidi – der Geisterpfad – statt: Rund 200 Aborigines aus ganz Australien kamen zu privaten Zeremonien zusammen, um die Toten der Insel zur Ruhe zu betten und ihre Geister zu befreien.
Wer als Tourist nach Wadjemup reist, kann heute das Wadjemup Museum besuchen oder kulturelle Führungen mit Noongar-Guides buchen. Casey Kickett, lokale Führerin und Mitglied der Wadjemup Aboriginal Reference Group, organisiert Malworkshops und Buschpfad-Touren für Kinder – als Brücke zwischen der schönen Insel und ihrer schweren Vergangenheit. Und sie hat einen schlichten Rat für alle Ankömmlinge: „Wenn du vom Steg steigst, wirf etwas Sand ins Wasser. Stell dich dem Land vor, unseren Vorfahren.“




