Während Deutschland darüber streitet, ob Schwarzfahren weiter eine Straftat sein soll, und auch Österreich und die Schweiz über bezahlbare Mobilität diskutieren, testen Spaniens Inseln seit Jahren ein anderes Modell: Auf den Balearen, vor allem auf Mallorca, und auf den Kanaren können Einwohner Busse und Bahnen kostenlos nutzen.
Die Bilanz klingt eindrucksvoll: Rekordzahlen, neue Fahrgäste und mehr Mobilität für Menschen mit wenig Geld. Doch der Erfolg hat seinen Preis: volle Busse, überlastete Netze und wachsende staatliche Zuschüsse. Spanien zeigt damit nicht nur, was möglich ist, sondern auch, woran Gratisnahverkehr scheitern kann, wenn der Ausbau nicht Schritt hält. Was kann Deutschland dennoch von Spanien lernen?
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Nahverkehr auf Mallorca kostenlos – aber nicht für alle
Mitte April lehnte der Deutsche Bundestag Vorstöße von Grünen und Linken ab, das Fahren ohne Fahrschein zu entkriminalisieren. Deutschlands Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) von den Sozialdemokraten will dennoch prüfen, ob Schwarzfahren künftig noch als Straftat verfolgt werden soll. Denn viele Fälle betreffen Menschen, die sich Tickets oder Geldstrafen kaum leisten können.
Wer solche Strafen nicht zahlen kann, kann in Deutschland – und ähnlich auch in Österreich oder der Schweiz – im Extremfall im Gefängnis landen. Für Verkehrsunternehmen, Polizei, Justiz und Strafvollzug entsteht ein hoher Aufwand – wegen Fällen, die meist mit einem vergleichsweise geringen Fahrpreis beginnen, am Ende aber Geldstrafen und Verfahrenskosten nach sich ziehen können.
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Auf Mallorca hat man das Problem anders angefasst. Dort ist der öffentliche Personennahverkehr für Inselbewohner nicht nur günstiger geworden, sondern seit einigen Jahren tatsächlich kostenlos – allerdings nicht für Touristen und nicht für alle Nutzer automatisch. Gratis fahren können Residenten – also alle, die hier ihren festen Wohnsitz haben – mit einer entsprechenden Mobilitätskarte. Wer nur gelegentlich fährt, als Urlauber auf Mallorca unterwegs ist oder ohne die Nutzerkarte einsteigt, muss weiterhin zahlen. Kern des Modells ist die „tarjeta única” (Einheitskarte). Mit ihr können Bewohner der Insel kostenlos die Regionalbusse, die Nahverkehrszüge, die Metro und auch die Stadtbusse in der Inselhauptstadt Palma nutzen.
Mallorca meldet Rekordzahlen dank Gratisnahverkehr: Wer zahlt das?
Die spanische Regierung unter dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez und die konservative Regionalregierung der Balearen haben die vollständige Preisermäßigung für 2026 erneut verlängert. Damit geht die Maßnahme ins vierte Gratisjahr. Sie war 2023 eingeführt worden, wurde 2024 und 2025 fortgesetzt und gilt nun auch 2026.
Tödliches Drama am Strand
Die Wirkung zeigt sich in den Fahrgastzahlen. Der öffentliche Regionalverkehr auf Mallorca erreichte 2025 einen neuen Rekord: 41,3 Millionen Fahrten wurden in den Überlandbussen, Zügen und der Metro gezählt. Das waren fünf Prozent mehr als im Vorjahr und 23 Prozent mehr als zwei Jahre zuvor. Die städtische Busgesellschaft EMT in Palma, wo knapp 500.000 Menschen leben und jedes Jahr Millionen Touristen durchreisen, meldete 2025 sogar mit 65,5 Millionen Fahrgästen einen historischen Höchststand. Gegenüber 2019 entspricht das einem Plus von mehr als 50 Prozent.
Doch kostenlos heißt nicht kostenfrei. Bezahlt wird das Modell aus öffentlichen Mitteln – teils vom spanischen Zentralstaat, teils von der Regionalregierung. Für 2025 stellte Madrid den Balearen 63 Millionen Euro an staatlicher Finanzierung für den Gratisnahverkehr zur Verfügung. Nach Angaben der Balearen-Regierung deckte das jedoch nicht einmal die Hälfte der tatsächlichen Kosten. Der Gesamtaufwand für die Inseln wird auf mehr als 150 Millionen Euro beziffert.
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Mallorca & Kanaren: Frust über kostenlosen Nahverkehr wächst
Auf Mallorca wächst mit dem Erfolg auch der Frust: Besonders in der Sommersaison geraten einzelne Linien an ihre Grenzen. In Urlauberorten wie zum Beispiel in Sóller und Alcúdia sowie auf stark frequentierten Linien rund um Palma berichten Residenten immer wieder, dass sie nicht einmal in die Busse einsteigen können, weil die Fahrzeuge voll seien. Die Gratisregel ist dabei nicht die einzige Ursache für die hohe Auslastung. Der Massentourismus verschärft die Lage zusätzlich. Touristen zahlen zwar weiter für ihre Fahrten, nutzen aber ebenfalls die öffentlichen Busse, etwa zu Stränden, Hotels und Ausflugsorten.
Ähnlich sieht es auf den Kanarischen Inseln aus. Dort wurde der kostenlose öffentliche Nahverkehr ebenfalls Anfang 2023 eingeführt. Auch dort handelt es sich nicht um eine Freifahrt für Urlauber auf den Kanaren, sondern um ein Modell für Residenten. Die Fahrgastzahlen stiegen auf den Kanaren ebenfalls stark – zugleich wuchsen die Klagen über eine Überlastung des Nahverkehrs. Der Gratisverkehr hat aber auch viele Menschen wieder in die „Guaguas“, wie die Busse auf den Atlantikinseln heißen, gebracht. Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass knapp ein Drittel der Nutzer ihr Privatauto häufiger stehen lässt.
Luxus-Tourismus boomt
Gratisnahverkehr: Was kann Deutschland von Mallorca und den Kanaren lernen?
Unter dem Strich bleibt die Erkenntnis: Wer Tickets abschafft, muss zugleich das Angebot ausbauen. Sonst wird aus dem Nulltarif schnell ein neues Ärgernis – mit vollen Bussen, überfordertem Personal und enttäuschten Fahrgästen. Mallorca und die Kanaren zeigen damit beides: die Chancen eines Nahverkehrs, der Mobilität nicht am Geldbeutel scheitern lässt – und die Grenzen eines Systems, das am eigenen Erfolg zu ersticken droht.



