Es sind Bilder, die man nicht so schnell vergisst: Ein Affe, dem gewaltsam ein Schlauch in den Hals geschoben wird. Das Tier ist offensichtlich verängstigt, wimmert und versucht sich zu wehren, doch die Pfleger sind zu stark für den kleinen Makaken. Aufnahmen wie diese – gefilmt in einem britischen Versuchslabor – haben eine Debatte entfacht, die weit über die Grenzen Großbritanniens hinausgeht. Denn was man dort sieht, ist zumindest auf dem Papier keine Tierquälerei – sondern behördlich genehmigt.
Das Filmmaterial aus zwei Laboren wurde der „Daily Mail“ von einem Whistleblower zugespielt. Es dokumentiert Experimente, die dort täglich stattfinden: unter anderem Hunde, die gezwungen werden, Chemikalien einzuatmen, trächtige Kaninchen, welche in engen Plastikbehältern bewegungsunfähig gemacht werden, und eben Primaten, denen gewaltsam, durch sogenanntes „oral gavage“, Medikamente eingeflößt werden. Die Labore, aus denen die Aufnahmen stammen sollen, werden vom britischen Innenministerium reguliert und arbeiten im Auftrag großer Pharmaunternehmen.
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Oft werden Tierversuche mit der Entwicklung lebensrettender Medikamente gerechtfertigt, doch ein Teil der dokumentierten Versuche soll laut „Daily Mail“ nicht der Erforschung lebensbedrohlicher Erkrankungen dienen. Stattdessen würden in Laboren wie diesem auch Abnehmmedikamente entwickelt. Die Versuchstiere seien zunächst gemästet worden, bevor man ihnen das Mittel über einen Schlauch direkt in den Magen verabreichte.
Labormitarbeiter teilte Aufnahmen: „Fühlte sich wie Verrat an“
Besonders brisant: Der Mann, der die Aufnahmen machte, war kein Aktivist oder Tierschützer, er war Mitarbeiter im Labor – also jemand, der selbst täglich die grausamen Versuche an den Tieren durchgeführt hat. Irgendwann sei es ihm aber zu viel geworden: „Mein Gewissen ließ es nicht zu“, sagte er gegenüber der „Daily Mail“. „Ich fühlte, wenn ich einen Einblick in diese Welt geben kann, die vor der Öffentlichkeit verborgen ist, könnte sich vielleicht etwas ändern.“
„Toxicity.inc“ – eine Kampagnenseite der Tierschutzorganisation „Animal International“ – dokumentiert unter anderem Experimente an Primaten, die mit Fixiervorrichtungen um Hals und Taille gesichert und mit versiegelten Masken zur Inhalation von Testsubstanzen gezwungen werden. „Die Primaten wehren sich und schreien“, schilderte der Whistleblower der „Daily Mail“. Neben den Abnehmmedikamenten würden auch alltägliche Arzneimittel wie Kopfschmerztabletten, Cholesterinsenker, Antibiotika und Antidepressiva an ihnen erprobt.

Minischweine müssten unter anderem für die Testung von Hautmedikamenten herhalten: acht Schnitte am Rücken der Tiere, täglich Gel auf die offenen Wunden. „Ich werde niemals das laute Quieken vergessen“, so der Whistleblower weiter. Alle Tiere, die die Versuche überleben, würden am Ende getötet und seziert, heißt es im Bericht. „Es fühlte sich wie ein letzter Verrat an.“
Tierversuche in Deutschland: Rund drei Millionen Tiere starben 2024
Lyn White, Tierschützerin und strategische Leitung von „Animals International“, die von dem Whistleblower kontaktiert wurde, fasst es wie folgt zusammen: „Ihr Leid ist nicht vorübergehend – es ist anhaltend und kumulativ. Ohne Transparenz hatte die Öffentlichkeit nie die Möglichkeit, eine Stimme dazu zu erheben, ob dieses Leid fortgesetzt werden sollte.“ Doch nicht nur die Tiere leiden unter dem System. „Toxicity.inc“ beschreibt die möglichen Folgen des moralischen Konflikts für Labormitarbeiter: Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), sekundäre Traumatisierung, Depressionen.
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Das Ausmaß der Tierversuche ist riesig. Laut Informationen der „Bild“ wurden 2024 allein in Großbritannien rund 2,55 Millionen Tiere in etwa 2,64 Millionen Experimenten eingesetzt. In Deutschland nutzten Forscher laut Bundesinstitut für Risikobewertung im selben Jahr rund drei Millionen Tiere – darunter über eine Million sogenannte Überschusstiere, die gezüchtet, aber nie für Experimente eingesetzt und anschließend getötet wurden. Besonders häufig werden Mäuse eingesetzt, aber auch etwa Fische, Kaninchen oder bestimmte Affenarten. Tierversuche haben zum Beispiel bei der Entwicklung von Medikamenten gegen Brustkrebs, Narkosemitteln und Impfstoffen gegen Corona geholfen.
Kritiker: Tierversuche bleiben zu oft ohne Mehrwert
Für die Entwicklung von Kosmetikprodukten sind Tierversuche aufgrund wissenschaftlich anerkannter Alternativmethoden inzwischen bedeutungslos und seit 2013 in der EU verboten. Für die Sicherheitsbewertungen etwa bestimmter Arzneimittel und Chemikalien sind Tierversuche aber noch gesetzlich verpflichtend. So gibt es beispielsweise bei länger dauernden wissenschaftlichen Untersuchungen schädlicher Wirkungen von Substanzen auf Menschen bisher nur wenige anerkannte alternative Methoden.

Der bundesweite Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ setzt sich nach eigenen Angaben bereits seit 1979 für einen Verzicht ein. Sein Motto lautet: „Medizinischer Fortschritt ist wichtig – Tierversuche sind der falsche Weg!“ Der richtige Weg seien moderne Methoden, die etwa auf menschliche Zellkulturen und Organchips sowie auf Ursachenforschung und Vorbeugung von Krankheiten setzten. Tierversuche sind dem Verein zufolge veraltet, haben aber eine lange Tradition. Junge Forscherinnen und Forscher würden kaum in tierversuchsfreien Verfahren ausgebildet.
Die US-Arzneimittelbehörde FDA erklärt laut „Daily Mail“, dass über 90 Prozent der Medikamente, die in Tierversuchen sicher erscheinen, beim Menschen keine Zulassung erhalten. Auf „Toxicity.inc“ wird bekräftigt: „Tierbasierte Daten sind einer der Hauptgründe für das Scheitern neuer Wirkstoffe in der klinischen Praxis. Trotz offensichtlicher Unterschiede in Körperbau, Biochemie und Genexpression werden Tiere weiterhin Toxizitätstests unterzogen.“
mit dpa







