Venedigs Zukunft ist düster: Viele Plätze in Italiens Lagunenstadt liegen nur knapp über dem Meeresspiegel. Mehr als die Hälfte des historischen Zentrums befindet sich zwischen 80 Zentimetern und 1,20 Metern über dem Wasser. Gleichzeitig steigt der Meeresspiegel weiter an – optimistische Schätzungen gehen von bis zu 0,8 Metern im Laufe des Jahrhunderts aus, in extremen Szenarien ist es deutlich mehr. Venedig dürfte langsam versinken.

Zu diesem Ergebnis kommt eine internationale Studie, die kürzlich im Fachjournal „Scientific Reports“ veröffentlicht wurde. Koordiniert wurde die Untersuchung von Piero Lionello, Professor für Klimatologie an der Universität Salento, einem Experten für den Anstieg des Meeresspiegels, extreme Wetterereignisse und deren Folgen für Küstenstädte. Was Lionello und andere Forscher zusammentrugen, zeichnet ein desaströses Bild von Venedigs Zukunft. Doch sie liefern auch Ideen zur Rettung der Stadt: vom Hochwasserschutz bis hin zur Umsiedlung.

Auch interessant

Italiens Schutzsystem gewinnt Zeit – ist aber keine dauerhafte Lösung

Venedigs drohender Untergang zeichnet sich schon lange ab: Die Stadt wurde auf weichem, sedimentreichem Untergrund in einer Lagune errichtet, der sich im Laufe der Zeit verdichtet und dadurch allmählich nachgibt. Zusätzlich trägt der steigende Meeresspiegel in der Adria dazu bei, dass das Wasser immer häufiger in die Stadt eindringt. Das führt dazu, dass Überschwemmungen, das sogenannte Phänomen des „Acqua alta“ (Hochwasser), immer häufiger auftreten und Gebäude sowie Infrastruktur zunehmend belasten. Besonders gefährdet ist etwa der Markusplatz, einer der tiefstgelegenen Punkte der Stadt.

Seit 2020 schützt das mobile Sperrwerk MoSE – ein rund sieben Milliarden Euro teures Hochwasserschutzsystem in Venedig – die Stadt vor Sturmfluten. Bei Hochwasser werden Barrieren an den Zugängen zur Lagune hochgefahren und halten das Meer zurück. Das System funktioniert – doch es stößt langfristig an seine Grenzen. Mit weiter steigendem Meeresspiegel müsste das Sperrwerk nämlich immer häufiger geschlossen werden. Das hat Folgen: Der Austausch von Wasser wird eingeschränkt, die Belastung für Technik und Ökosystem wächst. Nach Einschätzung der Forscher ist dieses Modell deshalb auf Dauer nicht tragfähig.

Barrieren, Deiche: Das sind die Vorschläge zur Rettung Venedigs

Das Forschungsteam hat verschiedene Strategien untersucht, wie Venedig langfristig geschützt werden könnte. Dabei zeigt sich: Mit jedem Anstieg des Meeresspiegels schrumpft der Handlungsspielraum. Eine Option ist die Weiterentwicklung des bestehenden Systems: Mobile Barrieren wie das MoSE-Sperrwerk könnten durch zusätzliche Maßnahmen ergänzt werden und so noch eine gewisse Zeit Schutz bieten. Allerdings betonen die Wissenschaftler, dass auch diese Lösung an ihre Grenzen stoßen wird.

Venedigs Dogenpalast und der Campanile: Der steigende Wasserspiegel bedroht die Lagunenstadt.
Venedigs Dogenpalast und der Campanile: Der steigende Wasserspiegel bedroht die Lagunenstadt.© Stefan Weißenborn/dpa-tmn | Stefan Weißenborn

Eine deutlich einschneidendere Variante wäre der Bau von Ringdeichen rund um die Stadt. Dabei würde das historische Zentrum gezielt vom übrigen Lagunenraum abgetrennt. Diese Maßnahme könnte Venedig zwar effektiver vor Überflutungen schützen, würde jedoch das Stadtbild verändern und die enge Verbindung zwischen Stadt und Wasser deutlich beeinträchtigen.

Noch weiter geht der Ansatz einer vollständig geschlossenen Lagune. Hierbei würde diese dauerhaft durch große Dämme vom offenen Meer getrennt. Die Lösung hätte zwar das Potenzial, auch bei stark steigenden Meeresspiegeln Schutz zu bieten, würde jedoch tiefgreifende ökologische Veränderungen nach sich ziehen und das empfindliche Gleichgewicht des Naturraums erheblich beeinflussen.

Ganze Stadt umsiedeln? Forscher halten es für möglich

Als letzte Option nennen die Wissenschaftler die Verlagerung der Stadt und ihrer Bewohner aufs Festland. Lionello hält es grundsätzlich für technisch möglich, zentrale Bauwerke wie den Markusdom oder andere historische Gebäude abzubauen und an einem weniger gefährdeten Ort wieder zu errichten. Eine solche Maßnahme wäre jedoch mit enormen Kosten verbunden – Schätzungen zufolge könnten sie sich auf bis zu 100 Milliarden Euro belaufen. Ein solcher Schritt käme erst bei einem Anstieg des Meeresspiegels um mehr als 4,5 Meter infrage – ein Szenario, das frühestens nach dem Jahr 2300 erwartet wird.

„Jede Entscheidung muss einen Ausgleich zwischen unterschiedlichen Interessen ermöglichen: die Sicherheit und das Wohlbefinden der Bewohner, wirtschaftlichen Wohlstand, den Schutz der Ökosysteme der Lagunen, die Erhaltung des kulturellen Erbes und die Bewahrung lokaler Traditionen. Wenn man bedenkt, dass der Bau großer Infrastrukturen zwischen 30 und 50 Jahre dauern kann, ist eine frühzeitige Planung jedenfalls entscheidend“, betonte Lionello. Auch finanziell sind die Unterschiede enorm. Während zusätzliche Deiche vergleichsweise „günstig“ wären, könnten großangelegte Sperrwerke viele Milliarden Euro kosten.

Die möglichen Maßnahmen unterscheiden sich nicht nur technisch, sondern auch in ihren Folgen. Es geht nicht allein um Kosten: Wie viel der historischen Substanz lässt sich bewahren? Welche Eingriffe sind für Natur und Lagune vertretbar? Wie verändert sich das Leben der Bewohner? Carlo Giupponi, Professor an der Universität Ca‘ Foscari Venedig und Mitautor der Studie erklärt: „Die Trends sind unumkehrbar und die Dynamiken der Phänomene in Venedig beschleunigen sich auch aufgrund unserer Trägheit bei der wirksamen Bekämpfung des Klimawandels.“