Ein Staat, den niemand anerkennt. Ein Präsident im Exil. Ein Territorium, das niemand betreten darf. Und trotzdem: mehr als 400 Staatsbürgerinnen und -bürger. Daniel Jackson ist 21 Jahre alt und regiert seine „Freie Republik Verdis“ von Dover aus, einer Hafenstadt im Süden Englands. Das Land selbst liegt Tausende Kilometer entfernt – auf einem schmalen Streifen an der Donau zwischen Kroatien und Serbien, etwa so groß wie 75 Fußballfelder. Niemand lebt dort. Die kroatische Polizei patrouilliert rund um die Uhr an der Grenze.

Jackson stört das nicht: „Selbst im Exil haben wir immense Fortschritte gemacht“, sagt er. Rund 2800 Menschen haben sich bislang um eine Staatsbürgerschaft beworben, mehr als 400 gelten bereits als anerkannte „Verdisianer“. Es gibt Pässe, eine Flagge, eine Verfassung – und Vorstellungsgespräche für alle, die dazugehören wollen. Einwandfreier Charakter ist Voraussetzung.

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„Verdis“ als souveräner Staat: Eine Idee mit humanitärem Anspruch

Die Ursprünge von „Verdis“ reichen ins Jahr 2019 zurück. Inspiriert wurde Jackson nach eigenen Angaben durch „Liberland“, ein ähnliches Projekt weiter nördlich an der Donau. Mit dessen Ausrichtung war er jedoch nicht einverstanden. Er wollte etwas anderes schaffen: „Ein Land mit einem humanitären Fokus und einer normalisierten, demokratischen Regierung.“ 2023 wurde aus der Idee ein Versuch – als Jackson mit Unterstützern anreiste, um eine Siedlung zu gründen.

Der Versuch scheiterte. Kroatische Behörden griffen ein, die Gruppe wurde festgesetzt und ausgewiesen. Jackson selbst erhielt ein lebenslanges Einreiseverbot. Die kroatische Regierung bezeichnete das Vorhaben als „provokative Aktion ohne jegliche Rechtsgrundlage“. Seither regiert der Präsident aus dem Exil.

Umstritten: Konzept „Niemandsland“ polarisiert

Dennoch hält Jackson an seinem Anspruch fest. Er argumentiert, „Verdis“ erfülle alle Voraussetzungen eines souveränen Staates nach der Konvention von Montevideo: Ein Territorium, ein Staatsvolk, eine Staatsgewalt und die Fähigkeit, internationale Beziehungen zu führen. „Kein anderes Land beansprucht ‚Verdis‘ für sich, weder Kroatien noch Serbien“, betont er. Inzwischen hat Verdis Repräsentanzen eröffnet, darunter eine in Serbien, und leistet nach eigenen Angaben humanitäre Hilfe.

Australier, der in Europa einen eigenen Staat gegründet hat
Offizieller Pass der „Freien Republik Verdis“. Wer zum „Verdisianer“ werden darf, entscheidet der persönliche Eindruck im Vorstellungsgespräch.© Daniel Jackson | Privat

Völkerrechtliche Analysen kommen jedoch zu einem ernüchternden Urteil: Projekten wie „Verdis“ fehlt es demnach an einer dauerhaft ansässigen Bevölkerung im beanspruchten Gebiet – und vor allem an einer effektiven Staatsgewalt vor Ort. Beides sind Kernvoraussetzungen der Montevideo-Konvention, auf die Jackson sich beruft. Auch das Argument des „Niemandslands“ trägt rechtlich kaum: So zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass die klassische Doktrin der Okkupation von sogenanntem „terra nullius“ im modernen Völkerrecht kaum noch praktische Bedeutung hat – und Privatpersonen sich darauf schlicht nicht berufen können.

Lange Tradition: Australien und seine kuriosen Staatsgründer

Jacksons Projekt erinnert an eine Tradition, die vor allem in Australien gepflegt wurde. Das Land hat eine bemerkenswerte Geschichte mit sogenannten Mikronationen – selbst ernannten Staaten, die nie international anerkannt wurden, aber mitunter jahrzehntelang existierten. Das bekannteste Beispiel ist das Fürstentum „Hutt River“, 600 Kilometer nördlich von Perth gelegen. 1970 spaltete sich Leonard Casley, bald bekannt als „Prinz Leonard“, von Westaustralien ab – aus Protest gegen eine Weizenquote der australischen Regierung. Er druckte eigene Währung, stempelte Pässe von Besuchern und herrschte über 75 Quadratkilometer Land, etwas größer als San Marino.

Australien erkannte den Fantasiestaat nie an. Trotzdem hielt sich das Fürstentum 50 Jahre lang – bis die Corona-Pandemie dem Projekt ein Ende bereitete. Ausbleibende Touristen und ein Schuldenberg gegenüber dem australischen Finanzamt zwangen Prinz Graeme Casley, den Sohn des inzwischen verstorbenen Gründers, zur Aufgabe. Das Land wurde 2020 wieder ein Teil Australiens. Ebenfalls aus Australien stammt Kaiser George – bürgerlich George Cruikshank –, der sein Kaiserreich „Atlantium“ bereits 1981 als Teenager gründete, zunächst in einem 61 Quadratmeter kleinen Apartment in Sydney. Inzwischen besitzt er ein Stück Land westlich der Stadt, hat dort eine Pyramide gebaut und vermietet Schlafplätze an Besucher. Latein ist offizielle Amtssprache.

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Staatsgründer Jackson: „Auf keinen Fall ein PR-Gag“

Jackson distanziert sich von solchen Projekten. „In meinen Augen ist eine Mikronation oft nur eine Einheit, die den Hinterhof eines Hauses beansprucht“, sagt er. „Verdis“ betrachte sich selbst nicht als Mikronation, sondern als ernsthaften Staat mit internationalem Rechtsanspruch.

Ob die Welt das jemals anerkennen wird, bleibt offen. Doch Jackson zeigt sich entschlossen: „Wir haben jahrelang daran gearbeitet, noch bevor wir große öffentliche Aufmerksamkeit erhielten – und oft viel aus eigener Tasche bezahlt.“ Sein Ziel: „Verdis“ als neutrales Land zu etablieren, das als „unvoreingenommener Vermittler in Konflikten oder bei der Bereitstellung humanitärer Hilfe“ dienen kann. Polizeiblockade, Exil, lebenslanges Einreiseverbot – und trotzdem weitermachen. „Wir haben jahrelang daran gearbeitet, noch bevor wir große öffentliche Aufmerksamkeit erhielten – und oft viel aus eigener Tasche bezahlt“, sagt er. „Es ist auf keinen Fall ein PR-Gag.“