Der Wissenschaftler Victor Gysembergh von der französischen Forschungsorganisation „Centre National de la Recherche Scientifique“ entdeckte im Musée des Beaux Arts de Blois bei der Untersuchung historischer Handschriften eine bemerkenswerte Abschrift, die unter einem späteren griechischen Text verborgen war. Die darin erkennbaren geometrischen Abbildungen lieferten entscheidende Hinweise und führten den Forscher schließlich auf die Spur eines antiken Gelehrten.

Lange verschollene Archimedes-Abschrift entdeckt

Die Analyse der Zeichnungen und Schriftspuren führte Victor Gysembergh schließlich zu einem bedeutenden historischen Objekt, dem Archimedes-Palimpsest. Ein Abgleich mit Fotografien aus dem Jahr 1906 bestätigte die Vermutung des Historikers: Er hatte die lange verschollen geglaubte Seite 123 dieser Handschrift identifiziert, die im Laufe der Jahrhunderte eine bemerkenswerte Überlieferungsgeschichte durchlaufen hat. Auf dem Blatt befindet sich ein Abschnitt aus dem ersten Buch des Werkes „Über Kugel und Zylinder“ des antiken Mathematikers Archimedes, ergänzt durch mehrere geometrische Diagramme.

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Die Abschrift ist stark verblasst, bleibt jedoch noch lesbar. Auf der Rückseite des Blattes befindet sich eine spätere christliche Illustration, die die Szene von Daniel in der Löwengrube darstellt. Mithilfe moderner bildgebender Verfahren sowie Röntgen-Synchrotron-Analysen können Forscher inzwischen auch jene Textpassagen sichtbar machen, die bislang unter späteren Übermalungen verborgen geblieben waren.

Die Odyssee des Archimedes-Palimpsests

Der byzantinische Gelehrte Isidor von Milet, der unter anderem als einer der Architekten der Hagia Sophia gilt, bemühte sich darum, die mathematischen Schriften von Archimedes für die Nachwelt zu bewahren. Zu diesem Zweck ließ er vor etwa 1500 Jahren Abschriften der damals noch verfügbaren Manuskripte anfertigen. Als Kreuzfahrer während des 4. Kreuzzugs im Jahr 1204 Konstantinopel eroberten, gingen viele dieser wertvollen Handschriften verloren oder zerstreuten sich.

Die Inhalte selbst verschwanden jedoch nicht vollständig. Im 13. Jahrhundert überarbeitete ein Mönch die Handschrift und beschrieb sie erneut. Da Pergament im Mittelalter ein äußerst kostbares Material war, wurden ältere Texte häufig abgeschabt oder abgewaschen, um die Seiten erneut zu verwenden. Diese Praxis gab dem Dokument seinen Namen, der sich vom griechischen Begriff „palimpsestos“ ableitet und so viel wie „wieder abgekratzt“ bedeutet. Die Mönche entfernten den ursprünglichen Text, drehten die Blätter um 90 Grad und schrieben darüber ein christliches Gebetbuch. So entstand das heute bekannte Archimedes-Palimpsest.

Seite des Archimedes-Palimpsests wiederentdeckt
Historiker spürt lange verschollenes Blatt der spätantiken Abschrift in Frankreich auf
Verborgener Text auf der lange verschollenen Seite des Archimedes-Palimpsests© Blois, Musée des Beaux-Arts, | Inv. 73.7.52. Photography IRHT-CNRS

Im Jahr 1906 identifizierte der dänische Philologe Johan Ludvig Heiberg den verborgenen Text in Istanbul. Während der politischen Wirren des Erster Weltkrieg verschwand das Manuskript jedoch erneut. In den folgenden Jahrzehnten wurde es unsachgemäß gelagert und erlitt erhebliche Schäden durch Feuchtigkeit und Schimmel. Zusätzlich fügte ein privater Sammler später künstliche Goldverzierungen hinzu, um den materiellen Wert zu erhöhen, wodurch der ursprüngliche Text weiter beschädigt wurde.

Erst in den späten 1990er Jahren wurde das Manuskript für rund zwei Millionen US Dollar versteigert. Der anonyme Käufer stellte es anschließend der wissenschaftlichen Forschung zur Verfügung. Mithilfe moderner bildgebender Verfahren gelang es schließlich, große Teile des ursprünglich verborgenen Inhalts wieder sichtbar zu machen. Heute sind die Abschriften im Walters Art Museum in Baltimore zu finden.