Nirgendwo ist das Mittelmeer tiefer als im sogenannten Hellenischen Graben vor der Westküste der griechischen Halbinsel Peloponnes. 60 Kilometer vor der kleinen Hafenstadt Pylos bildet der Meeresboden eine schroff abfallende Schlucht. 5109 Meter liegt der tiefste Punkt unter dem Meeresspiegel, Fachleuten auch bekannt als Calypsotief.
In diese Meeresregion, die in ewiger Dunkelheit liegt, stießen Forscher mit dem U-Boot „DSV Limiting Factor“ vor. Das Tiefseetauchboot hat eine Hülle aus Titan, die dem immensen Druck von über 500 Bar standhalten kann, dem 500-fachen Luftdruck auf der Erdoberfläche. Es bietet Platz für zwei Personen und hat drei Bullaugen aus 20 Zentimeter starkem Acrylglas. Was die Besatzung im Calypsotief im Licht der zehn kleinen Bordscheinwerfer sah, überraschte sie. Es waren nicht etwa exotische Meerestiere, sondern Spuren der menschlichen Zivilisation: Plastiktüten, Flaschen, Becher, Trinkhalme, Papierabfälle und Aluminiumbehälter, darunter eine blau schimmernde Pepsi-Cola-Dose.
Müll auf dem Meeresboden: 90 Prozent sind Plastik
In der Fachzeitschrift „Marine Pollution Bulletin“ veröffentlichten die Forscher kürzlich die Ergebnisse dieser ersten jemals durchgeführten Studie des Müllaufkommens am tiefsten Punkt des Mittelmeers. Das Fazit: „Die Abfallmenge im Calypsotief ist mit 26.715 Gegenständen pro Quadratkilometern eine der höchsten, die jemals in einer Tiefseeumgebung gemessen wurde.“
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Die Forscherinnen und Forscher kamen zu dem Schluss, dass „die Tiefsee oft eine letzte Senke für Verschmutzungen ist“. Dominierend sind dort vor allem Plastikgegenstände, „da diese leicht sind und gut von Meeresströmungen transportiert werden können“. Der größte Teil des Mülls gelangt als anfangs auf der Meeresoberfläche treibender Abfall ins Calypsotief.
Plastik macht fast 90 Prozent des dort auf dem Meeresboden gefundenen Mülls aus. „Einige leichte Abfälle, wie zum Beispiel Kunststoffe, stammen von der Küste, wo sie ins Meer gelangt sind“, erklärt der spanische Ozeanologe Professor Miquel Canals, einer der Autoren der Studie. Leichter Plastikmüll wird von den Küsten durch den Wind und Strömungen ins offene Meer getragen. Sobald sich Algen und andere Organismen an dem Plastik festsetzen, wird es schwerer und sinkt ab. „Kunststoffe treiben knapp über dem Meeresboden, bis sie teilweise oder vollständig verschüttet werden oder in kleinere Fragmente zerfallen“, so Miquel Canals. Als Mikroplastik können diese Fragmente dann über Meerestiere wieder auf den Teller und in den Organismus des Menschen gelangen.
Forscher warnt: „Kein einziger Zentimeter ist sauber“
Nicht nur am Strand unbedacht weggeworfene Verpackungen landen im Calypsotief auf dem Meeresboden. Die Forscher fanden auch Hinweise darauf, dass Schiffsbesatzungen ganze Säcke voller Müll ins Meer werfen. Darauf deuten lineare Anordnungen von Abfällen hin, die diese Säcke beim Absinken hinterlassen. Diese Art der „Entsorgung“ birgt ein besonderes Umweltrisiko, denn damit gelangen auch Chemikalien und andere Giftstoffe ins Meer.
Die Forscher erwarten, dass der Müll im Calypsotief weiter anwachsen wird. Denn es ist ein geschlossenes Becken mit steilen Wänden. Diese Trichterform verhindert, dass Müll, der einmal hineingeraten ist, durch Bodenströmungen wieder hinausgetragen wird.
Orcas, Haie und Tiere im Meer
Die Müllansammlung im Calypsotief ist ein besonders krasser Fall, aber symptomatisch für die Entwicklung im ganzen Mittelmeer – ein geschlossenes Meer, umgeben von dicht besiedelten Küsten mit intensiven Freizeitaktivitäten und Tourismus, Schiffsverkehr und Fischerei. „Was das Mittelmeer betrifft, kann man leider sagen, dass kein einziger Zentimeter davon sauber ist“, sagt Miquel Canals.
Griechische Strände: WWF zählt alarmierend viel Plastikmüll
Ein großes Problem ist die Verschmutzung der Strände. Das bestätigt ein im vergangenen Jahr veröffentlichter Bericht des World Wildlife Fund (WWF). Zwischen 2021 und 2024 sammelten Forscher des WWF Daten an 192 Stränden in Griechenland. Das Ergebnis war alarmierend: Keiner der Strände kann nach den EU-Richtlinien als „sauber“ gelten. Der Richtwert dafür liegt bei maximal 20 Abfallstücken pro 100 Meter Küstenlinie. Die WWF-Mitarbeiter fanden jedoch im Durchschnitt 464 Müllteile pro 100 Meter.
Zum Vergleich: An deutschen Nordseestränden wurden im Mittel etwa 389 Müllteile, an Ostseestränden etwa 70 Müllteile pro 100 Meter Strandabschnitt gemessen. Der in Griechenland gefundene Müll bestand zu 83 Prozent aus Plastik, wobei Zigarettenfilter an erster Stelle stehen, gefolgt von kleinen Plastikteilen, Plastikverschlüssen, Trinkhalmen und Styroporstücken.





