Nach der Festnahme von Andrew Mountbatten-Windsor am Donnerstag war König Charles III. nicht in sentimentaler Stimmung. „Das Gesetz muss seinen Lauf nehmen“, ließ er schroff verlauten. Kein Wort der Unterstützung für den in Ungnade gefallenen Bruder, der wegen Verdachts auf Amtsverletzung in Polizeigewahrsam genommen wurde.

Zu groß ist das Risiko, dass das Staatsoberhaupt – und die gesamte Institution der Monarchie – durch die Affäre noch weiter in den Dreck gezogen wird. Adelsexperten in Großbritannien halten es für möglich, dass die Krise den König am Ende sogar zur Abdankung zwingen könnte. Sein eigener Bruder könnte Charles nach weniger als vier Jahren vom Thron stürzen.

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Britische Royals: Andrew galt schon immer als „unhöflich und rüpelhaft“

Sorgen um Andrews dubiose Freundschaften und sein problematisches Verhalten plagen Charles schon seit Jahrzehnten. Eine besonders enge Beziehung hatten die Brüder laut ihren Biografen nie. Dass Charles elf Jahre älter ist als Andrew, dürfte etwas damit zu tun haben. Zudem hätten die beiden Königssöhne völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. Während Charles als sensibel gilt, ist Andrew immer wieder als „rüpelhaft“ beschrieben worden, so heißt es von Königsexpertin Victoria Murphy.  

Zu einem Problem für die Royals wurde dies in den späten 1990ern, als Andrews Ehe mit Sarah Ferguson in die Brüche gegangen war und er immer mehr Zeit in zweifelhafter Gesellschaft verbrachte – allen voran mit dem US-Finanzier und später verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Im November 2000 berichtete die „Daily Mail“ von einer „Nutten-und-Zuhälter-Party“ in New York, an der Andrew teilgenommen haben soll. „Charles war von den Enthüllungen nicht überrascht“, schreibt Tom Bower in seinem Buch über den späteren König, „Rebel Prince“ (2018). „Er hatte schon lange befürchtet, dass die Eskapaden seines Bruders Folgen haben würden.“

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Sex mit Minderjähriger? Andrew redete sich um Kopf und Kragenn

Solche Bedenken hatte er auch, nachdem Andrew 2001 zum Handelsgesandten der britischen Regierung ernannt wurde. Es war eine Rolle, in der der Playboy-Prinz nicht eben glänzte. Diplomaten im Außenministerium beklagten sich, dass er Leute nicht gut einschätzen könne und „unfreundlich“ sei. Innerhalb des Königshauses sprach man zunehmend vom „Andrew-Problem“. Das habe es auch für Charles schwieriger gemacht, bei der Bevölkerung Unterstützung zu gewinnen, schreibt Bower – Andrew habe „die schlechtesten Aspekte des Adelsprivilegs“ verkörpert.
 
Den Job als Handelsgesandter wurde er 2011 wieder los – aber die Beziehung zu Epstein bereitete der Monarchie in den folgenden Jahren zunehmend Kopfschmerzen. Das Epstein-Opfer Virginia Giuffre beschuldigte den Prinzen, mit ihr Sex gehabt zu haben, als sie noch minderjährig war. Andrew wählte die Flucht nach vorn und stimmte Ende 2019 einem Interview mit der „BBC“ zu. Der Auftritt ist mittlerweile legendär. Andrew kam arrogant, hyper-privilegiert und realitätsfremd rüber, und seine Beteuerungen, dass an den Vorwürfen nichts wahr sei, klangen kaum überzeugend.

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Die Royal Family im Jahr 1968 (v.l.n.r.): Prinz Philipp, Prinzessin Anne, Prinz Edward, Königin Elisabeth II., Prinz Charles und Prinz Andrew.© picture alliance / empics | Pa

Die Royal Family musste handeln, und prompt wurde Andrew aus dem öffentlichen Leben verbannt. Charles habe voll hinter diesem Entscheid gestanden, weil er den „potenziellen Schaden für die Institution sofort erkannt hat“, schreibt Robert Hardman in seiner Biografie über Queen Elizabeth. 

Trotz Skandal: Andrew bleibt weiterhin auf Platz 8 der Thronfolge

In den Jahren seit seiner Thronbesteigung Ende 2022, als weitere Vorwürfe gegen seinen jüngeren Bruder laut wurden, zerschnitt Charles nach und nach alle Bänder, die Andrew mit dem Königshaus verbanden. Zuletzt nahm er ihm auch noch den Titel „Prinz“, und Andrew Mountbatten-Windsor musste in die bescheidene Wood Farm in Norfolk umziehen. Hier wurde er am Donnerstag verhaftet.
 
Die Frage ist jedoch: Wird die Verbannung Andrews ausreichen, um die Krise für die Monarchie einzudämmen? Trotz der drakonischen Degradierung bleibt Andrew weiterhin auf Platz 8 in der Thronfolge. Theoretisch könnte das Parlament verfügen, dass Andrew von der Thronfolge ausgeschlossen bleibt.

Das wäre ein „seismischer“ Schritt und „die klarste Demonstration, dass das demokratische über dem Erbprinzip steht“, schreibt der „New Statesman“. Es könnte den Weg bereiten für eine tiefere Reform – sprich: Verkleinerung – der britischen Monarchie. Wie die Nachrichtenagentur AFP am Freitagabend aus Regierungskreisen erfuhr, könnte ein entsprechendes Gesetz nach Abschluss der polizeilichen Ermittlungen gegen Andrew Mountbatten-Windsor auf den Weg gebracht werden.

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Ein ähnliches Erdbeben wäre eine Abdankung Charles III. Der König könnte den Thron räumen und seinem ältesten Sohn William vorzeitig die Krone übergeben; denn William ist in den Augen der Öffentlichkeit durch den Andrew-Skandal weit weniger belastet als der Rest der Royals.

Der Druck auf Charles, abzudanken, würde schlagartig wachsen, wenn weitere Enthüllungen ans Licht kämen, sagte Andrew Lownie, der mehrere Bücher über die Royal Family geschrieben hat, am Donnerstag. Sollte sich beispielsweise herausstellen, dass das Königshaus von weiteren Vorwürfen gegen Andrew wusste, aber eine Vertuschungsaktion aufzog – spätestens dann würden die Leute „reinen Tisch fordern“.