Für Pop-Sänger Xavier Naidoo scheint der Weg zurück in die Gesellschaft kein leichter zu sein. Der 54-Jährige hatte sich während der Corona-Pandemie zu einem prominenten Vertreter der sogenannten „Querdenken“-Bewegung entwickelt. Dabei verbreitete er unter anderem rechtsextreme und antisemitische Inhalte und Ansichten, etwa Ritualmordlegenden oder direkte Angriffe auf den Zentralrat der Juden, sprach Juden ihre Identität ab.

Später entschuldigte sich der Sänger und gab an, sich von allen extremistischen, rechtspopulistischen und nationalistischen Gruppen zu distanzieren. „Nationalismus, Rassismus, Homophobie und Antisemitismus sind mit meinem Weltbild nicht vereinbar“, sagte Naidoo in einem Video, sprach von „Irrwegen“ und „vielen Fehlern“, die er in der Vergangenheit begangen habe.

Er zog sich von den großen Bühnen zurück, RTL und die „Söhne Mannheims“ hatten da längst die Zusammenarbeit mit ihm eingestellt. Sein Versuch einer Entschuldigung wurde vielfach als oberflächlich und vage kritisiert. Die Expertin für Verschwörungsideologien Pia Lamberty etwa hob hervor, Naidoo habe nie konkret benannt, von welchen Ideologien er sich distanziert, während die Amadeu-Antonio-Stiftung seine Entschuldigung als „Versuch des Krisenmanagements“ bezeichnete.

Naidoo irritiert mit Kannibalismus-Aussagen

Sein Comeback gibt der Sänger nun offenbar in doppelter Hinsicht. Mehrere Konzerte Naidoos in Köln waren ausverkauft, eine größere Tournee wurde kommerziell sehr erfolgreich. Station machte Naidoo unter anderem in Hamburg, Wien und Berlin. In der Hauptstadt trat Naidoo am Dienstag erneut auf – und das in ziemlich irritierender Weise.

Vor dem Bundeskanzleramt tauchte er am Rande einer Demonstration gegen Kindesmissbrauch und für eine Aufarbeitung der Epstein-Akten auf. Mehrere Videos zeigen den Sänger, wie er in Mikrofone spricht und dabei bekennt: „Epstein interessiert mich nicht so“, er habe andere Themen. Unter anderem „Kinderfresser“ und Menschen, die „selber Kannibalen sind“. Die Menschen hätten Interesse daran, „dass wir alle Kannibalen werden, damit wir in die Hölle fahren“.

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Auch fielen Sätze wie: „Wir reden nicht von normalem Sex-Trafficking und jungen Frauen und so. Nee, die fressen unsere Babys“, und „Ich kann nicht mit Kinderfressern zusammenleben.“ Er sei sich sicher, „wir haben alle schon Menschenfleisch gegessen“. Unwissentlich hätten „wir bestimmt alle schon einen Mensch gefressen“.

Bei den Epstein-Akten geht es um Dokumente im Zusammenhang mit dem 2019 in Haft gestorbenen US-Finanzier Jeffrey Epstein, der über Jahre einen Missbrauchsring betrieb.

Zu der Demo hatten Frauen aufgerufen, die selbst Opfer sexualisierter Gewalt sind, darunter die Influencerin Lena Jensen, die als Kind missbraucht worden war. Gegen Ende der Demo allerdings kapertern rechte Youtuber und Blogger die Veranstaltung. Jensen erklärte bei RTL: „So viele rechte Medien haben das für ihre Zwecke instrumentalisiert und wir können einfach nichts dagegen tun.”

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Es scheint also, Naidoo ist zurück, nicht nur auf den Bühnen, sondern auch am extremen Rand. Zwar enthalten die zuletzt veröffentlichten drei Millionen Aktenseiten aus dem Epstein-Komplex Behauptungen, nach denen Jeffrey Epstein, der Jude war, oder sein innerer Zirkel rituelle Morde begangen haben sollen. Auch von Kannibalismus ist die Rede. Belastbare Beweise oder Zeugenaussagen, die solches Verhalten bestätigen, liefern die Akten nicht.

Antisemitismus bei Naidoo „nicht glaubwürdig aufgearbeitet“

Der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte bewertet Naidoos Wortwahl als radikalisierend. „In der Vergangenheit hat Xavier Naidoo mit sehr deutlichen Anspielungen wie „Tothschild“ die Spur zum Antisemitismus gelegt und dies leider nicht glaubwürdig aufgearbeitet“, sagte Michael Blume der Deutschen Presse-Agentur. „Ein großer Teil seiner Anhängerschaft wird daher auch die Begriffe „Kinderfresser“ und „Menschenfresser“ als antijüdische Verschwörungsmythen aufnehmen.“ Dies sei sehr gefährlich.

Seit Jahrhunderten gibt es die antisemitische Verschwörungserzählung, die besagt, dass Juden aus rituellen Gründen kleine Kinder töteten. Naidoos Management äußerte sich auf Anfrage zunächst nicht.

Am Landgericht Mannheim sind weiterhin zwei Verfahren wegen Volksverhetzung gegen Naidoo anhängig. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft geht es dabei um Inhalte mit den Holocaust leugnendem und antisemitischem Charakter, die über einen Telegram-Kanal verbreitet wurden. Ob ein Hauptverfahren eröffnet wird, ist noch offen, wie das Gericht bestätigte. Naidoos Anwälte bestreiten die Vorwürfe und beteuern die Unschuld des Musikers.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels konnte der Eindruck entstehen, Xavier Naidoo habe regulär an der Demo teilgenommen. Das ist nicht der Fall, wir haben die Passagen entsprechend angepasst.