Das Land, das so stolz ist auf seine Lebens- und Kochkunst, hält einen zweifelhaften Rekord: In Frankreich gibt es die meisten McDonald’s-Lokale in Europa. 1589 „McDo’s“, wie die Franzosen sie beiläufig nennen, verkaufen ihre in Kartons verpackten Einheitsmenüs. Nicht nur in Paris, sondern auch im kleinsten Dorf auf dem Land.

Tessancourt-sur-Aubette am Rande der Normandie zum Beispiel zählt nur 970 Einwohner – aber auch dort prangt seit 2024 ein gelbes „M“. Eine Brasserie, eine Boulangerie oder ein anderes traditionelles Restaurant gibt es in dem kleinen Ort nicht mehr. Nur noch einen Pizza-Kiosk – ein Apparat, der nach dem Einwurf einer Münze ein Fertiggericht ausspuckt.

Fast-Food-Boom in Frankreich: Immer mehr Ketten erobern den Markt

McDonald’s ist nur eine von vielen Ketten, die in Frankreich zulegen. Antiamerikanismus in der Grande Nation, das war einmal. Die „Malbouffe“ (übersetzt: mieser Fraß) französischer Fasson breitet sich immer stärker aus. Zahllose Ketten tragen Namen wie Big Fernand, Speed Burger, King Marcel, Burger Addict, Tasty Crousty oder Chicken Street. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Auch Influencer oder Basketballstars wie Victor Wembanyama gründen heute ihr eigenes Snack-Label.

Die Zahl der Fast-Food-Lokale hat in Frankreich in den letzten fünf Jahren um 4700 zugenommen. Heute sind es 51.600. Die Zahl herkömmlicher Restaurants ist dagegen laut den neusten Zahlen der Arbeitsversicherung Urssaf um 3100 auf 69.500 geschrumpft. In den Vororten der Großstädte, aber auch in den Zentren kleiner Provinzstädte ist das Phänomen besonders ausgeprägt. Den Rekord hält der Pariser Banlieue-Ort Argenteuil: 77 Prozent aller Verpflegungsstätten der Gemeinde lassen sich unter der Kategorie Fast Food einordnen.

Bestehende Restaurants müssen sich, wenn sie nicht ihrerseits verdrängt werden wollen, dem Trend anpassen. Kaum eine Menükarte kommt in Frankreich heute noch ohne Burger aus, keine Bäckerei ohne Sandwichs, Wraps oder Nuggets. Im gehobenen Pariser Vorort Montrouge hat die alteingesessene Brasserie „Le Rouge Gorge“ (Rote Kehle) den Namen in „Poulet Braisé“ (geschmortes Huhn) geändert. Darüber hinaus hat sie einen Take-away-Schalter in die Mauer gebohrt. Das Chicken-Menü für zehn Euro ist günstig und reichhaltig – vor allem an Zucker, Salz, Fett und Öl. Die Jugendlichen in der Warteschlange stört das nicht. Sie lecken sich die Finger ob der Frittier-Menüs und der großen Auswahl an Soßen.

Fettleibigkeit in Frankreich steigt durch schlechte Essgewohnheiten

Die französischen Mediziner stellen eine rasante Zunahme der Fettleibigkeit in Frankreich fest. Seit der Jahrtausendwende ist sie von neun auf 16 Prozent angestiegen. Ein Sechstel der französischen Erwachsenen ist heute übergewichtig. Die USA lassen grüßen. „Die Kalorienbomben der Malbouffe treiben Diabetes und Herzkrankheiten in die Höhe“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Claire Dubois. „Wein oder Käse sind zwar auch reich an Kalorien, doch war der Speisezettel früher viel ausgeglichener als heute.“ 

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Die Malbouffe geht mit einem generellen Verlust der Esskultur einher. Die sakrosankte Mittagspause von 13 bis 15 Uhr kommt in Frankreich aus der Mode. Unter Zeitdruck lassen sich junge Erwerbstätige ihren French Taco, der kaum etwas mit dem mexikanischen Vorbild zu tun hat, mit Fritten und sämiger Käsesauce an den Arbeitsplatz liefern. Es sei denn, sie holen sich ihren Burger mit dem Auto im Drive-in.

Dunkin’ Donuts eröffnet am Montmartre: Französische Esskultur im Wandel

Mit Bistrokultur oder exquisiter Kochkunst hat das nichts mehr zu tun. Entsprechend leidet auch der Nationalstolz, wenn am Fuße des typisch pariserischen Montmartre-Hügels der erste Ableger der größten US-Zuckerbäckerkette Dunkin’ Donuts eröffnet. So geschehen Mitte 2025. Oder wenn Jungbürger wohl wissen, was ein indisches Naan-Fladenbrot ist, aber nicht mehr, wie eine karamellisierte Tarte Tatin aus Boskop-Äpfeln mundet.

Langsam aber besinnt sich Frankreich auf seine Talente, erinnert sich an seine kulinarische Maxime: „Ich koche, also bin ich.“ Schulen organisieren Kochkurse, die vormachen, wie es auch ohne ein Übermaß an Zucker, Salz und Öl geht. Die Gastrostadt Lyon unterstützt ihre rustikalen Kneipen, die Bouchons, und lanciert ein Festival „A table!“ mit gesunden, nachhaltigen und lokalen Esswaren.

Frankreich denkt über ein Werbeverbot für Fast Food im TV nach

Wirte arbeiten mit nahe gelegenen Bauernhöfen zusammen und organisieren für die Gäste Besuche der Gemüsegärten, Reben oder Ställe. Die französische Regierung überlegt sich ein Werbeverbot für Fast Food im Fernsehen. Im Elysée-Palast kürt der Staatspräsident einmal im Jahr die besten Baguettes.

Doch die Fast-Food-Lawine lässt sich kaum mehr aufhalten. Als der südfranzösische Bauernführer José Bové das neue Wort der Malbouffe schuf und 1999 erstmals Landwirte ein McDonald’s-Lokal attackierten, gab es in Frankreich 700 Imbisse dieser Marke. Heute gibt es mehr als doppelt so viele.