Innerhalb von nur 48 Stunden ereigneten sich an der Küste von New South Wales (NSW) im Osten Australiens vier Haiangriffe. Am schwersten traf es den zwölfjährigen Nico Antic, der am Sonntagnachmittag beim Schwimmen im Sydney Harbour von einem Bullenhai attackiert wurde. Laut einer Spendenseite hat das „herzzerreißende Ereignis zum schlimmstmöglichen Ergebnis geführt“. Der Junge, der als Nachwuchs-Rettungsschwimmer im North Bondi Surf Life Saving Club aktiv war, wird voraussichtlich nicht überleben.
Ebenfalls schwer verletzt wurde der 27-jährige Surfer Andre de Ruyter, dem nach einem Angriff am Manly Beach das rechte Unterbein amputiert werden musste. Er liegt auf der Intensivstation. Zwei weitere Surfer im Sydney-Vorort Dee Why und im nördlich von Sydney gelegenen Point Plumer kamen glimpflicher davon. In ihrem Fall biss der Hai ins Surfbrett. Die Hai-Expertin Amy Smoothey vom NSW Department of Primary Industries bestätigte lokalen Medien nach Analyse der Bisswunden: Bullenhaie waren für alle vier Angriffe verantwortlich.
Klimawandel verlängert gefährliche Saison
Bullenhaie können im Gegensatz zu den meisten anderen Haiarten sowohl in Salz- als auch in Süß- und Brackwasser leben. „Ihre Anwesenheit ist wahrscheinlicher, wenn die Gewässer im Sommer wärmer sind“, erklären die Hai-Forscherinnen Vic Camilieri-Asch und Bonnie Holmes. Doch die Tiere bleiben mittlerweile länger: Forscher stellten fest, dass Bullenhaie aufgrund steigender Meerestemperaturen durch den Klimawandel durchschnittlich einen zusätzlichen Tag pro Jahr in flacheren Küstengewässern, Flussmündungen und Flüssen verbringen.

Die jüngsten Attacken ereigneten sich nach einem heftigen Sturm. „In der letzten Woche haben starke Regenfälle den Sydney Harbour trüber und nährstoffreicher gemacht“, so Camilieri-Asch und Holmes. Der Nährstoffabfluss zieht Fische an – und damit auch größere Raubtiere wie Haie. Eine Studie aus dem Jahr 2019 ergab zudem, dass Tiger- und Weiße Haie nach starken Regenfällen eher angreifen.
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Verschmutzung könnte Hai-Verhalten beeinflussen
Shokoofeh Shamsi, eine Parasitologin der Charles Sturt University, geht noch weiter: „Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass die Schadstoffe, Pestizide und Parasiten, die wir vom Land ins Meer schicken, nicht nur beeinflussen könnten, wo und wann Haie und Menschen aufeinandertreffen – sondern auch das Verhalten der Haie“, schreibt sie in einer Analyse zum Thema.
Shamsi verweist auf Forschungsarbeiten, die zeigen, dass Chemikalien in aquatischen Umgebungen das Verhalten von Tieren beeinflussen können. Bei Süßwasserfischen wurden bereits Veränderungen bei Aggression, Gedächtnis und Stressreaktionen nachgewiesen. „Obwohl wir über diese Auswirkungen bei Meeresarten weit weniger wissen, ist das Muster klar“, so die Parasitologin.
Besonders besorgniserregend: Der Parasit Toxoplasma gondii, der durch Katzenkot ausgeschieden wird, kann in Küstengewässer gelangen. In Studien an Land wurde gezeigt, dass eine Toxoplasma-Infektion Angstreaktionen verringert und die Risikobereitschaft erhöht. „Neue Hinweise deuten darauf hin, dass ähnliche Effekte bei Meerestieren auftreten können“, erklärt Shamsi. Bei Haien wurde der Parasit allerdings noch nicht nachgewiesen – hauptsächlich, weil sie selten darauf untersucht werden.
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Zahlreiche Hai-Angriffe: Der Druck auf die Politik wächst
In der erschütterten Bevölkerung werden Rufe nach einer Hai-Keulung laut, die die Landesregierung bislang ablehnt. NSW-Premier Chris Minns fordert stattdessen verschärfte Warnungen, wenn das Wasser nach Regenfällen trüb, schmutzig und warm wird. Mindestens 20 Strände wurden für 48 Stunden geschlossen.
Die Hai-Forscherinnen Camilieri-Asch und Holmes empfehlen: trübes Wasser meiden, nach Starkregen nicht im Sydney Harbour schwimmen, Strände mit Anglern umgehen und Warnungen der Behörden beachten. Zugleich mahnen sie zur Besonnenheit: „Es ist wichtig, die Risiken nicht zu übertreiben.“ Die allermeisten Vorfälle seien Erkundungsbisse oder geschähen versehentlich – etwa beim Angeln.
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Shamsi sieht die wirklichen Lösungen „stromaufwärts – in Politik und Forschung“. Investitionen in Regenwassermanagement und Abwasserinfrastruktur könnten die Küstenbedingungen stabilisieren. Kurzfristig helfen laut Shamsi bereits einfache Maßnahmen: „Temporäre Strandschließungen und konsequente Warnungen nach starken Regenfällen sind kostengünstige, evidenzbasierte Maßnahmen, die das Risiko verringern, ohne auf Wildtiere abzuzielen.“
Laut der australischen Hai-Datenbank des Taronga Zoo waren Bullenhaie seit Beginn der Aufzeichnungen im frühen 19. Jahrhundert für über 200 Bisse verantwortlich – etwa 16 Prozent aller Vorfälle. Sie sind für ein Viertel der tödlichen Bisse verantwortlich. Queensländer haben sich bereits an die ganzjährige Präsenz der Tiere angepasst. Nun müssen auch die Bewohner und Bewohnerinnen Sydneys möglicherweise umdenken.







