Live-Streaming trifft auf Lebensgefahr: Extremkletterer Alex Honnold will am 23. Januar das für Millionen Menschen Unmögliche möglich machen. Wieder einmal. „Free Solo“, also ohne Seil und ohne Sicherung, will der Kalifornier den Taipei 101 in Taiwan erklimmen, eines der mit 508 Metern höchsten Gebäude der Welt. Unter dem Titel „Skyscraper“ wird das Extremerlebnis live bei Netflix übertragen. Wer ist dieser Mann, für den Angst scheinbar nicht existiert?
Alex Honnold beschreibt die Besteigung des Taipei 101 in etwa so, wie viele Menschen mit mäßiger Kondition eine mittelschwere Wanderung definieren würden. „Es ist möglich, zwar herausfordernd, aber nicht wahnsinnig herausfordernd“, sagte der 40-Jährige in seinem letzten großen Interview vor „Skyscraper“ im „Jay Shetty Podcast“. „Für ein TV-Projekt willst du ein Projekt haben, das in der Goldenen Mitte liegt. Es sollte nicht das Schwerste sein, was du je gemacht hast, aber trotzdem herausfordernd.“
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Alex Honnold: Beim Taipei 101 stehen Kraft und Ausdauer beim Klettern im Fokus
Übersetzt heißt das wohl, dass er mit dem Taipei 101 ein ehrfürchtiges Gebäude für das Netflix-Event gewählt hat, dessen schiere Größe schon zum Staunen einlädt. Aber eben auch eines, das er aufgrund jahrelanger Erfahrung kontrolliert und gut vorbereitet besteigen kann. Bereits 2013 wollte Honnold den Wolkenkratzer für ein anderes TV-Event besteigen, aber das Projekt scheiterte. Diesmal, so Honnold, wollte er die Chance nutzen.
Honnold ist für seine extremen Kletteraktionen seit Jahren bekannt. Als erster Mensch kletterte er im Juni 2017 die technisch extrem anspruchsvolle „Freerider“-Route hinauf zum „El Capitan“ im Yosemite Nationalpark in Kalifornien. Thomas und Alexander Huber, bekannt als die „Hubebuam“, bezeichneten Honnolds Leistung als „Meilenstein in der Klettergeschichte“.
Damals ebenfalls dabei: zahlreiche Filmkameras, die den US-Amerikaner bei diesem wahnwitzigen Unterfangen begleiteten. Der daraus entstandene Film „Free Solo“ wurde 2019 mit einem Oscar als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Es passt in das Streaming-Zeitalter, dass nun Netflix von Honnolds Risikolust profitieren will – und den Extremsportler im Gegenzug wohl fürstlich dafür bezahlt, wenngleich keine Zahlen öffentlich bekannt sind.
Schon damals betonte Honnold, wie wichtig eine gute Vorbereitung für extreme Kletter-Projekte ist. „Ich wusste die gesamte Route über genau, was ich zu tun hatte. Eine Menge Griffe fühlten sich wie alte Freunde an“, sagte Honndold bei „alpin.de“. Beim Taipei 101 wird es weniger auf unterschiedliche Klettertechniken, sondern vielmehr auf Kraft und Ausdauer ankommen. Es wird darum gehen, die immer gleichen Bewegungen fast schon monoton abzuspulen, ohne dabei die Konzentration zu verlieren.
Extremsportler lebte jahrelang ohne festen Wohnsitz im eigenen Van
Der „Free Solo“-Spezialist fing im Alter von zehn Jahren mit dem Klettern an, in einer Zeit, in der die Sportart noch nicht olympisch war und keine großen Sponsoren um die Gunst der Kletterer buhlten. In Sacramento lebend, verbrachte Honnold seine ersten acht Kletterjahre überwiegend in der Kletterhalle. Erst nach und nach entdeckte er das Felsklettern in der Natur für sich und lebte jahrelang ohne festen Wohnsitz in seinem Van, immer auf der Suche nach dem nächsten Kletterspot. „Irgendwann kamen dann Sponsoren, ich musste meine Kletterausrüstung nicht mehr selbst kaufen und fing an, davon leben zu können“, so Honnold.
Wer ihn in Interviews beobachtet, sieht einen grundgelassenen Mann. Immer wieder zuckt der Extremkletterer bei Fragen nach den extremen Risiken seiner Sportart mit den Schultern. So, als könne er die ganze Aufregung und das weltweite Interesse an etwas, das schlichtweg seine Leidenschaft ist, kaum nachvollziehen, sie aber eben nutzen, um die Freiheit zu genießen, das zu tun, was er will.
Auf die Frage von Jay Shetty, was Honnold beim Klettern antreibt, antwortete der Familienvater gewohnt bescheiden: „Es ist die Bewegung beim Klettern, das ist im Kern der Spaß.“ Zudem reize ihn die Herausforderung, die eigene Angst immer wieder zu überlisten.
Wissenschaftler untersuchen Honnolds Gehirnareale: Spürt er keine Angst?
Wissenschaftler wollten 2016 genauer wissen, ob Honnolds Gehirnareale besonders beschaffen sind und maßen die Angstreaktion seines Gehirns mithilfe eines MRT-Bildgebungsverfahrens. Der US-Amerikaner musste sich dabei 200 aufregende und teils grausame Bilder anschauen.

Das Ergebnis: Honnold besitzt zwar eine Amygdala, also ein Angstzentrum im Gehirn, doch scheinbar reagiert es weniger stark bzw. kaum auf extreme Bilder und Situationen. „Aber es kann auch sein, dass sein Regulierungssystem so gut ist, dass er sagen kann ‚Ok, ich fühle das alles, meine Amygdala arbeitet‘, aber sein Frontalkortex ist so stark, dass er sich beruhigen kann“, erklärte die Neurowissenschaftlerin Jane Joseph gegenüber dem Portal „bergsteigen.de“.
Die Besteigung des Taipei 101 am 23. Januar (Ortszeit) sei für ihn körperlich absolut im Bereich des Machbaren, so Honnold, „aber es ist das erste Mal, dass ich an einem Gebäude hochklettern werde, es ist also schon eine neue Sache für mich“. Es sei daher schon ein „bisschen aufregend“ und ist sich sicher, kurz vor dem Aufstieg „ein wenig nervös“ zu sein.
Frau des Extremkletterers: „Das ist nun mal das, was Alex auszeichnet“
Das dürfte auch und vor allem für seine Frau Sanni McCandless und Tochter June gelten. Wenn er den Taipei am 23. Januar erklommen hat, freue sich Honnold demnach darauf, aus dem Auszug zu steigen und seine Frau zu sehen. Im Netflix-Trailer zu „Skyscraper“ sagte sie, dass viele Menschen seine Leidenschaft fürs Freiklettern hinterfragen würden, seitdem Honnold Vater ist. „Aber das ist nun mal das, was Alex auszeichnet“, so McCandless, die ebenfalls Kletterin ist.
Das wohl größte Netflix-Streamingereignis des Jahres beginnt in der Nacht zu Samstag (also am 24. Januar) um 2 Uhr deutscher Zeit. Es wird damit gerechnet, dass Honnold rund 90 Minuten für den Aufstieg benötigt.



