Bereits am Freitagmorgen gab es Entwarnung für weite Teile Nordrhein-Westfalens und Berlin. Das vorhergesagte Chaos, vermeintlich ausgelöst durch den Wintersturm „Elli“, werde dort wohl ausbleiben, so der Deutsche Wetterdienst (DWD). Während es im Norden, in Niedersachsen, Bayern oder Teilen von Thüringen Zugausfälle, gesperrte Autobahnen, Unfälle und viel Schnee gab, blieb es in der Hauptstadt und in NRW ruhig. Wie konnte das passieren?

Schon im Vorfeld von Wintersturm „Elli“ gab es einen öffentlich ausgetragenen Streit mehrerer Meteorologen – über die Vorhersagen und deren Auslegung. Während Karsten Brand oder Dominik Jung in den Medien die Menschen angesichts der Aussichten vor Lebensgefahr warnten und diese sogar dazu aufriefen, lieber zuhause zu bleiben, drückten deren Kollegen Jörg Kachelmann oder Georg Haas auf die Alarm-Bremse.

Auch interessant

Das bevorstehende Sturmtief in Deutschland sei zwar außergewöhnlich, „aber nicht lebensgefährlich“, sagte Georg Haas, Meteorologe beim Online-Wetterportal wetter.com, dieser Redaktion. Im Vergleich zu den vergangenen Wintern bezeichnete er die aktuelle Wetterlage zwar als „extrem“. Sie sei aber weit von den verheerenden Ausmaßen der Schneekatastrophe von 1978/1979 entfernt. „Im Vergleich zur Winterwelle von 1978 ist dieses Sturmtief nur die 2. Liga“, so Haas weiter. Damals kamen 17 Menschen ums Leben.

Kachelmann übers Wetter: „Wenn Schlimmes kommt, nimmt es niemand mehr ernst“

Besonders kritisch über die drastischen Vorhersagen und Warnungen äußerte sich Meteorologe Jörg Kachelmann: „Kein Modell rechnet mit 40 Zentimetern Neuschnee am Freitag. Das Ereignis hat nichts mit dem zu tun, was zum Jahreswechsel 78/79 zu sehen war, woraus auch keine unmittelbare Lebensgefahr resultiert“, schrieb er auf seinem Kanal beim Kurznachrichtendienst X. Und weiter: „All die täglichen Lügengeschichten und Weltuntergangsmärchen führen unweigerlich dazu, dass es niemand mehr dann ernst nimmt, wenn was wirklich Schlimmes kommt.“

EXCLUSIVE Moderator Joerg Kachelmann
Warnt vor Wetter-Alarmismus: Meteorologe Jörg Kachelmann.© picture alliance / zb | Kirsten Nijhof

Der Deutsche Wetterdienst äußerte sich auf Anfrage nicht zu den Meinungsverschiedenheiten. Stattdessen beschrieb Sprecherin Teresa Grimm, wie es zu den regionalen Abweichungen von Vorhersage und realem Wetter kommen konnte. Laut Grimm arbeitet der DWD mit einer Vielzahl internationaler und eigener Wettermodelle. Diese „liefern, abhängig von Modelltyp, initialen Messdaten und dem prognostizierten Zeitraum, unterschiedliche Wahrscheinlichkeitsprognosen“ so Grimm weiter. Und diese Prognosen könnten je nach Berechnungsansatz und Datenbasis leicht abweichende Ergebnisse liefern. Unsicherheiten würden transparent kommuniziert.

Entscheidend für das Wetter und dessen Vorhersage sind nach Angaben des DWD die Verhältnisse in der Atmosphäre, einer dünnen Schicht, die die Erde umspannt. In ihr entscheidet sich das gesamte Wettergeschehen, angetrieben durch die Sonnenstrahlung. Diese beeinflusst die Meeresströmungen, Wind, Wolken, Hoch- und Tiefdruckgebiete.

Winterwetter in Deutschland: Globale Verhältnisse spielen eine Rolle

Das Wetter vor Ort ist global bestimmt. Deshalb müssen die Voraussagen für Deutschland laut DWD auch Beobachtungen aus Nordamerika, der Arktis und Asien berücksichtigen, mitunter spiele sogar die Atmosphäre der Südhalbkugel eine Rolle. Die Vorhersagen basieren auf Millionen von Messwerten, die von Wetterstationen, Satelliten, Schiffen oder Wetterballons übermittelt worden sind. In den meisten Fällen müssen die Anfangswerte allerdings geschätzt werden. Dann berechnen Computer die Wechselwirkungen.

Auch interessant

Mit dem Wissen, wie die Atmosphäre in dieser und jener Situation normalerweise reagiert, kann man voraussagen, wie das Wetter mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten Tagen sein wird, erklärt der DWD. Doch ein „wahrscheinlich“ bleibe – allein wegen der Masse an Daten. Um diese zu beherrschen, müsse das Modell vereinfachen und Informationen weglassen. „Wettermodelle sind heute sehr leistungsfähig, insbesondere bei kurzfristigen Vorhersagen für ein bis drei Tage. Für mittelfristige Zeiträume von vier bis sieben Tage sind die Unsicherheiten naturgemäß größer“, erklärt Grimm.

Der DWD bewertet die Leistung der Wettermodelle fortlaufend, validiert dann die Vorhersagen auf Zuverlässigkeit anhand realer Messwerte. Und er arbeite aktiv an Verbesserungen, so Grimm. Mit dem Ziel, dass die Vorhersage noch näher an die Wahrheit heranrücken. Für den nächsten Tag liegt die Genauigkeit dem DWD zufolge bisher bei 92 bis 95 Prozent.