Auf dem Tauchboot haben Claudia Koch und ich unsere Neoprenanzüge, Tarierwesten und Luftflaschen angelegt und wären eigentlich bereit, jetzt mit einer Rolle rückwärts ins 28 Grad warme Wasser zu kippen. Doch noch fehlt eine Kleinigkeit, die bei Freizeittauchgängen nicht gebraucht wird. Claudia fixiert ein Bündel Kabelbinder an meinem rechten Arm. We Do Ocean, die Tauchschule von Claudia und Peter Koch, bietet „conservation dives“ an, bei denen der Taucher oder die Taucherin auch etwas für den Meeresschutz tut.

Mit den Kabelbindern, die sechseinhalb Meter unter Wasser mit Handschuhen gar nicht so einfach straff zu zurren sind, werden Claudia, ihre indonesische Mitstreiterin Cheni und ich bei diesem Tauchgang vor Padangbai an der Ostküste Balis einen sogenannten Reefstar mit Korallen bestücken und ins Meer setzen. Nicht als Solitär in einer Unterwasser-Sandwüste, sondern angedockt an mehrere Dutzend Reefstars, die die Tauchcrew im vergangenen Jahr schon „gepflanzt“ hat. Die Metallgerüste sind miteinander verklammert. Zusammen sollen sie ein neues, gesundes Korallenriff bilden, das ständig erweitert wird.   

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Tauchen für den Meeresschutz: Korallenfragmente werden am Metallgerüst befestigt

An dem sechseckigen Metallgerüst, das mit Sand und Bootsfiberglas ummantelt ist, werden wir insgesamt 18 Korallenfragmente festbinden – den Rohstoff haben wir beim Tauchgang davor gesammelt und in einem Eimer mit Salzwasser kurz auf dem Boot abgestellt. Damit sich die Korallenstücke mit dem Kabelbinder befestigen lassen, dürfen sie nicht zu groß sein. Claudia hat daher auch einen Hammer dabei.  

Bali 2025 Korallenrettung
Claudia Koch leitet mit ihrem Mann die Tauschschule We Do Ocean. Sie bieten Tauchgänge an, bei denen Korallen aufgeforstet werden. © Alejandro Moreno de Carlos Blanco | Alejandro Moreno de Carlos Blanco

Dieser Reefstar ist ein Stern, der meinen Namen trägt, zumindest für eine kurze Zeit. In ein paar Monaten wird die Gravur auf der Bambusplakette von den Gezeiten abgeschliffen und kaum noch lesbar sein. Wer einen eigenen Reefstar sponsern möchte, ist mit 30 Euro dabei.

Urlaubstaucher, die mitmachen wollen, müssen ein Mindestmaß an Erfahrung aufweisen. Claudia spottet im Interview über selbstgefällige Influencer, denen diese Routine abgeht: „Die pflanzen zwei Korallen. Mehr Zeit haben sie nicht, weil sie während des Tauchgangs dauernd Selfies machen müssen. Mit ihren Flossen treten sie hintendran fünf Korallen kaputt, posten aber nachher auf Instagram: ‚Ich habe die Welt gerettet.‘ Das funktioniert so nicht.“

Aufforsten der Korallenriffe: Schokoriegel-Hersteller Mars erfindet Methode

Um genügend Geldgeber zu finden, arbeiten die Kochs mit dem Reiseblog indojunkie.com zusammen, der die Aktion intensiv bewirbt und dokumentarisch begleitet. Der gemeinnützige Verein We Do Ocean, der in Karlsruhe registriert ist, der Heimatstadt der deutschen Tauchlehrer, ist das zweite Standbein, um Geld für die Riffrettung aufzutreiben. Im Jahr 2025 reichten die Spenden für knapp 450 Reefstars auf einer Fläche von 400 Quadratmetern.  

Bali 2025 Korallenrettung
Unser Autor Thorsten Keller auf dem Tauchboot mit seinem Reefstar. © CKoch | CKoch

Bruchkorallen mit Kabelbindern an Metallgestängen fixieren und auf Wachstum hoffen – das klingt zunächst abseitig. Doch die sogenannte Marrs-Methode (das Kürzel steht für „Mars Assisted Reef Restoration System“) wird in Indonesien seit 15 Jahren praktiziert, und es gibt wissenschaftliche Befunde, dass sie ziemlich gut funktioniert. Erfunden wurde die Methode, der Name deutet darauf hin, in der Nachhaltigkeitsabteilung des US-amerikanischen Schokoriegel-Herstellers Mars (Mars Sustainable Solutions).

Claudia Koch erzählt: „Mars hat bereits 2010 angefangen, auf einer abgelegenen Insel vor Makassar (Süd-Sulawesi) Riffe wieder aufzubauen, die durch Dynamitfischen zerstört worden waren.“ Natürlich geht es dabei auch um Imagepflege. Das Gebiet hieß zwischenzeitlich „Mars Hope Reef“ und wurde zuletzt umbenannt in „Sheba Reef“, nach der Katzenfutter-Marke des Konzerns. We Do Ocean arbeitet ebenfalls mit der bewährten Marrs-Methode und ist dafür offiziell zertifiziert.

Klimakrise: Ist der Kipppunkt bereits erreicht?

Das „Biorock“-System hat sich hingegen nicht durchgesetzt, weil es technisch zu kompliziert ist: Dabei werden Metallkäfige von Land aus mit schwachem Gleichstrom versorgt. Der Strom hinterlässt auf dem Metall Kalzide, die dann als Substrat dienen, auf dem die Korallen gut anwachsen können.  

„In erster Linie reden wir alle von der globalen Krise“, sagt Claudia, als wir nach den Tauchgängen vor der Schule zusammensitzen. In einem Klimabericht aus dem Oktober 2025 war zu lesen, dass der Kipppunkt für die weltweiten Korallenriffe bereits erreicht sein könnte. Mit apokalyptischen Aussagen wie diesen kann Claudia Koch jedoch nichts anfangen. Sie sagt: „Wenn du so etwas kommunizierst, schreckst du viele Menschen ab, selbst aktiv zu werden oder auch Geld zu geben, weil sie argumentieren, es ist ja eh zu spät. Was aber gar nicht der Fall ist.“

Sichtbare Erfolge: 90 Prozent der neu angepflanzten Korallen wachsen an

Sie spricht von sichtbaren Erfolgen in kurzer Zeit: „Wir haben Korallen, die nach wenigen Monaten schon den Kabelbinder überwachsen.“ Die Aufforstung bedeute aber auch sehr viel Arbeit. „Der größte Aufwand besteht in der Instandhaltung dieser Riffe. Ich vergleiche das gerne mit einem Gemüsegarten, da musst du auch nach den kleinen Pflanzen schauen.“

Bali 2025 Korallenrettung
Die Reefstars werden untereinander mit großen Metallstiften verklammert – dazu greifen die Taucher unter Wasser zum Hammer.  © Alejandro Moreno de Carlos Blanco | Alejandro Moreno de Carlos Blanco

Nicht jede neu angepflanzte Koralle wird überleben, aber etwa 90 Prozent wachsen an und werden wieder groß. Manche werden auch von Algen befallen. Diese müssen die Taucher dann entfernen. Am besten dafür geeignet seien Zahnbürsten, sagt Peter Koch. Wichtig sei auch, unterschiedliche Korallengattungen an die Reefstars zu binden und nicht nur die weitverbreiteten, schnellwachsenden Acroporen. „Wir wollen ein Ökosystem bauen und keine Monokultur.“

Im Gegensatz zu Sulawesi hat Dynamitfischen auf Bali zwar keine Tradition. Auf der am stärksten touristisch erschlossenen indonesischen Insel wurden Korallenriffe bis in die 1990er-Jahre aus anderen Gründen abgebaggert: um billigen Baustoff zu gewinnen für Hotels und Straßen. Vorausschauend war das nicht: „Damit haben sie auch ihre Küstengebiete kaputt gemacht“, sagt Claudia Koch, „und sich dann gewundert, als die Strände weggespült wurden.“  

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Vom Reefstar zum Riffhabitat: Meeresbiologe vertraut in die Methode

Der Konstanzer Meeresbiologe Prof. Christian Voolstra hält viel von den Reefstars. Der Experte sagte unserer Redaktion, Reefstars könnten „auf degradierten Trümmerfeldern in wenigen Jahren wieder ein funktional arbeitendes Riffhabitat mit hoher Korallenbedeckung erzeugen“. Dass die Korallenbruchstücke eben nicht tot sind, erklärt Voolstra wie folgt: „Korallen sind koloniale Organismen. Eine Koralle besteht aus vielen genetisch identischen Einzelpolypen, die gemeinsam einen Organismus bilden.“ Dadurch könnten sie Gewebeverlust oder Verletzungen lokal kompensieren. „Solange einige Polypen überleben, kann sich die Kolonie beziehungsweise das Fragment regenerieren.“ Die Reefstars imitierten diesen natürlichen Prozess.

Der Wissenschaftler, der auch Präsident der International Coral Reef Society ist, schränkt aber ein: „Es funktioniert lokal erstaunlich gut, ist aber kein globaler Ausweg aus der Klimakrise.“ Reefstars änderten nichts an „Temperaturspitzen, Ozeanversauerung oder chronisch schlechter Wasserqualität“.

Korallenriffe: Unentbehrlich fürs Ökosystem

Korallenriffe beherbergen ein Viertel der bekannten Arten im Meer. Sie bieten nicht nur Zuflucht, Nahrung und Lebensraum, sondern sind auch unentbehrlich für ein gut funktionierendes Ökosystem. Gut 40 Prozent der bekannten Korallenarten sind aktuell vom Aussterben bedroht. Ein pessimistisches Szenario geht davon aus, dass bis zum Ende des Jahrhunderts 90 Prozent aller Korallen verloren sein könnten.

Bedingt durch den Klimawandel nehmen Hartkorallen, wenn sie absterben, eine milchig-weiße Färbung an, beziehen zu wenig Nährstoffe und verhungern in aller Regel. In besonders warmen Jahren sind im Pazifik oft kilometerlange „Korallenfriedhöfe“ aus gebleichten Korallen zu beobachten. Neben der Erderwärmung setzen den Korallen auch die Übersäuerung der Ozeane, der Anstieg des Meeresspiegels, Überfischung und die intensive Bebauung der Küsten zu.  

Als zweites Projekt neben der Korallen-Restauration hat der We-Do-Ocean-Trägerverein in der Kleinstadt Padangbai, wohin die Karlsruher 2013 ausgewandert sind, eine Müllstation aufgebaut. Viele Umweltorganisationen, die die in Bali üblichen Beach-Clean-ups veranstalteten, stellten „sich nicht die Frage, was danach mit den Säcken mit dem gesammelten Müll passiert“, sagt Claudia Koch. Dabei ist Plastikmüll, der nicht getrennt und recycelt wird, sondern im Meer landet und später unweigerlich wieder an den Strand zurückkehrt, in Bali unübersehbar.