- Die Neujahrsfolge von „Das Traumschiff“ überrascht
- Statt seichter Unterhaltung geht es in der ZDF-Serie plötzlich um Suizid
- Unsere Autorin ist wenig begeistert
„Was ist Ihnen lieber, Steuerbord oder Backbord?“ Diese Frage stellen sich zwei Passagiere in der Neujahrsfolge „Das Traumschiff – Madikwe“ (ZDF, 1. Januar 2026, 20.15 Uhr), während Kapitän Max Parger (Florian Silbereisen) Kurs auf Südafrika nimmt. Sie überlegen, wie sie sich ungestört vom Schiff stürzen können, um sich das Leben zu nehmen.
Nein, das ist leider kein Scherz. Diese „Traumschiff“-Folge ist ein Skandal. Ist das ZDF-Format an Feiertagen sonst typischerweise für seichte Unterhaltung in Form dünner Dialoge und Bilder malerischer Traumstrände bekannt, baut der Spannungsbogen dieses Mal auf der Frage auf, ob die beiden Figuren nun wirklich springen oder nicht.
++ Spoilerwarnung: Im folgenden Abschnitt werden Teile der Handlung wiedergegeben ++
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„Traumschiff“ zieht Suizid ins Lächerliche: „Ich hab‘ Höhenangst“
Worum geht es genau? Ein Mann und eine Frau begegnen sich tragikomisch zu Reisebeginn, als sie unabhängig voneinander titanicmäßig im Stile Kate Winslets über die Reling kraxeln – Schuhe akkurat nebeneinandergestellt auf dem Deck. Sie werden gegenseitig Zeuge, wie sie sich in die eiskalten Fluten stürzen wollen und fühlen sich doch zu sehr gestört, um gemeinsam zu springen. Zu „intim“ sei die Situation. Die Hoteldirektorin, gespielt von Barbara Wussow, wittert anhand der Schuhe Gefahr, bietet Hilfe an. Die beiden gaukeln vor, ein Paar zu sein, um ihre Pläne zu verheimlichen. Und kokettieren damit, entweder beide Suizid zu begehen oder keiner.
Erfreulicherweise tritt Letzteres ein – zumindest vorerst. Nach 90 Minuten stehen beide wieder an der Reling, springen nicht und wollen sich gegenseitig zur Vernunft bringen. Schön und gut, da haben die Serienmacher gerade noch mal die Kurve gekriegt, könnte man denken. Doch dann wird es noch absurder. Sie bewahren am Ende auch noch Comedian Lutz van der Horst als lebensmüden Kellner davor zu springen. Der Dritte, der Suizidgedanken auf dem Schiff hegt. Und letztlich einlenkt: „Ich glaube, ich wäre eh nicht gesprungen. Ich hab Höhenangst.“ In einem Jahr wollen sie sich wiedersehen und neu entscheiden, ob sie ihrem Leben ein Ende setzen.
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Warum diese „Traumschiff“-Folge zu weit geht
Keine ernsthaften Hilfsangebote, keine Hinweise auf wirksame Therapien bei psychischen Problemen wie Depression oder Suizidgedanken. Immerhin: ein Disclaimer mit Hilfetelefon-Hinweis am Ende – direkt nach dem pompösen „Traumschiff“-Tortenmarsch. Das ist nicht nur geschmacklos, sondern brandgefährlich.
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Warum? Wegen des „Werther-Effekts“. Nach dem Erscheinen von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“, in dem die Hauptfigur Suizid begeht, kam es in ganz Europa zu Nachahmungstaten. Seitdem ist der „Werther-Effekt“ ein feststehender Begriff in der Wissenschaft. Er beschreibt laut Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention (SDD), dass bestimmte Formen medialer Darstellungen Nachahmungstaten auslösen können. Die SDD warnt deshalb: „Umso größer die Aufmachung eines Berichtes über Suizid und umso emotionaler der Inhalt, desto häufiger kann es zu Nachahmungen kommen.“ Es geht also in erster Linie um die Art und Weise der Berichterstattung. Nicht nur Journalisten, sondern auch Filme- und Serienmacher sind deshalb dazu angehalten, so zurückhaltend und ernsthaft wie möglich über Suizide zu berichten (das können Sie unserem Suizid-Disclaimer am Ende des Artikels entnehmen, Anmerkung. d. Redaktion).
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Womöglich wollen die „Traumschiff“-Macher mit einer ernsten Thematik einen Nerv treffen. Sie mögen versucht haben, an einigen Stellen Lebensfreude und Hoffnung der Figuren zum Ausdruck zu bringen, etwa als die weibliche Figur Giraffen auf einer Safari entdeckt und erkennt: „Wenn man das hier so sieht, kann man nicht sagen, dass das Leben einem hier nichts mehr zu bieten hat.“ Und trotzdem: Diese Folge geht zu weit. Sie verhöhnt ein sensibles Thema – und zieht Selbstmord ins Lächerliche. Wenn Suizid zum Klamauk wird: Happy New Year.
Anmerkung der Redaktion
Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über (mögliche) Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Suizidgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen.
Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.








