Am 14. Dezember 2025 verwandelte sich der idyllische Bondi Beach in Sydney in einen Ort des Schreckens: Ein Terroranschlag forderte mindestens 16 Todesopfer und hinterließ unzählige Traumatisierte. Unter den Augenzeugen waren Tascha und Hendrik Hoffmann, ein junges Paar aus Hannover, das eigentlich nur das australische Leben genießen wollte. In diesem Gespräch schildern sie, wie unbeschwerte Strandtage in puren Schrecken kippten – und wie die Gemeinschaft inmitten der Angst zusammenrückte.

Sie sind nach Australien gekommen, um Ihren Traum vom Work and Travel zu verwirklichen. Was hat Sie am Bondi Beach so fasziniert?

Hendrik Hoffmann: Für uns war Sydney immer ein Sehnsuchtsort. Seit dem 5. November sind wir hier und waren seitdem eigentlich jeden Tag am Bondi Beach. Wir arbeiten da beide, unsere erste Unterkunft war nur 50 Meter vom Strand entfernt. Bondi Beach war für uns das Paradies: bestes Wetter, Menschen, die den ganzen Tag lächeln, ein Ort ohne sichtbare Sorgen. Keine Armut, keine Kriminalität – nur dieser leichtlebige, sonnige Surfervibe, den man sich immer erträumt. Es ist schwer, einen Ort zu finden, an dem man sich so zu Hause fühlt. Die Community hier ist unglaublich stark – man unterhält sich täglich mit fremden Menschen und fühlt sich sofort verbunden.

Tascha und Hendrik Hoffmann machen ein Selfie vor einem Strand.
Tascha und Hendrik Hoffmann aus Hannover wurden Augenzeugen des Terrorangriffs am Bondi Beach.© privat | Privat

Sie haben den Anschlag am Bondi Beach miterlebt – waren nur rund 200 Meter vom Anschlagsort entfernt. Wie war das Gefühl, als die ausgelassene Stimmung am Strand plötzlich in Panik umschwenkte?

Tascha Hoffmann: Plötzlich war Bondi kein sicherer Ort mehr. Sonntags gibt es bei uns im Lamrock Café immer Livemusik bis etwa 18.30 Uhr. Die Stimmung war ausgelassen. Wir sangen gemeinsam mit den Gästen, trommelten mit Gabeln auf Töpfe und tanzten unbeschwert. Als der Musiker gerade fertig war, hörten wir etwas, das sich wie Feuerwerk anhörte. Was für ein schönes Ende des Tages, dachten wir noch. Doch am Himmel war kein Feuerwerk zu sehen. Dafür war es auch noch viel zu hell.

Hendrik Hoffmann: Erst kam ein erster Schuss, dann zehn Sekunden nichts, dann ganz viele Schüsse auf einmal. Als die Leute anfingen zu rennen, verstand man: Hier stimmt etwas nicht. Dann bin ich einfach mitgerannt.

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„Wo zur Hölle ist mein Ehemann“: Tascha Hoffmann über die Momente nach den ersten Schüssen

Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?

Tascha Hoffmann: Man wusste gar nicht, wie viele Täter es sind. Wo zur Hölle ist mein Ehemann? Kommt gleich einer den Berg runter? Das Schlimmste war: Wir kannten das Ende noch nicht. Wenn man solche Nachrichten liest, ist es vorbei. Wir waren dabei, als es noch nicht vorbei war und wir den Ausgang noch nicht kannten. Ich rannte durch die Küche in den Hinterhof und wählte Hendriks Nummer. Um diese Uhrzeit ist er normalerweise auf dem Weg zu mir, um mir beim Reinräumen der Tische zu helfen.

Sie haben sich in diesem Moment nicht sofort gefunden. Wie war das?

Tascha Hoffmann: Ich wusste nicht, wo er ist. Er hatte mir geschrieben, er komme zur Live-Musik ins Café, aber er kam nicht. Dann die WhatsApp: „Barbecue?“ – vielleicht war er doch woanders. Ich rief ihn an – keine Antwort. Mein Herz raste wie noch nie. Er ging nicht ans Handy. Ich hatte noch nie in meinem Leben so eine Angst. Ich wusste einfach nicht, wo er war. Um mich herum schrien Menschen, jemand rief, man solle das große Tor schließen. Und dann sah ich ihn: Ein blonder Mann sprintete noch hinein. Hendrik. Ich war noch nie so glücklich, ihn zu sehen.

Hendrik Hoffmann: Ich wusste, dass Tascha im Café war, das war ein gutes Gefühl. Aber andersrum, wenn du nicht weißt, wo dein Partner ist, der irgendwo safe da draußen ist – das ist ein richtiges Scheißgefühl.

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Als Sie sich endlich wiedergefunden haben, haben Sie sich eineinhalb Stunden in einem Tattoo-Studio versteckt. Was ist dort passiert?

Tascha Hoffmann: Die Hintertür eines Tattoo-Studios im Innenhof öffnete sich, und alle rannten hinein. Wir waren etwa 40 Leute in diesem Raum. Wir versteckten uns unter Tischen, hielten uns an den Händen, die vor Angst zitterten. Die Besitzerin des Studios kümmerte sich rührend um uns, bot Wasser aus den Kühlschränken an und versuchte, uns zu beruhigen. Viele haben geweint, gezittert. Wir waren noch mit die Stabilsten. Das Schlimmste war, dass teilweise an die Tür gerüttelt wurde, weil noch Leute reinkamen. Wir wussten nie: Wer ist das? Machen wir auf? Neben uns saß ein Mädchen, das an diesem Tag 30 geworden war. Ihr Tattoo wurde mitten im Stechen abgebrochen. Hendrik wollte sich auf unserer Reise eigentlich auch ein Tattoo in Bondi stechen lassen. An diesem Abend änderte sich seine Meinung schlagartig.

Hendrik Hoffmann: Die ganze Zeit erreichten uns Fake-Informationen über soziale Medien und WhatsApp. Nach zehn Minuten hieß es: „Alles sicher.“ Eine Minute später: „Doch nicht.“ Dann Nachrichten über Schüsse in den Nachbarstadtteilen Double Bay und Coogee – alles nicht wahr. Es hat sich angefühlt, als wären 30 Minuten lang Schüsse gefallen, dabei waren es wohl nur sechs Minuten. Das Schlimmste, wenn man mittendrin ist: Man kennt das Ende nicht.

Wie haben Sie die Zeit danach erlebt?

Tascha Hoffmann: Wir liefen die zehn Minuten nach Hause, bergauf. Auf dem Weg sahen wir durch Fenster hindurch überall flackernde Fernseher. Wir wussten immer noch nicht genau, was passiert war. Als ich am nächsten Tag wieder arbeiten war, konnte ich nicht mehr an der Straße sitzen. Ich hatte Angst, dass jemand das Fenster im Auto runtermacht und wieder schießt. Das klingt vielleicht krank, aber so eine Angst hatte man. Bei der Gedenkveranstaltung am Pavillon mit über 100 Polizisten fühlte ich mich in der Menschenmasse nicht sicher. Ich wollte nur weg.

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Gab es Momente der Anteilnahme, die Sie berührt haben?

Tascha Hoffmann: Ja, die Anteilnahme der Australier nach dem Anschlag war überwältigend. Als wir zum Bondi Beach runtergingen, war der Strand zum ersten Mal leer. Überall Absperrband, überall Security. Es war bewölkt, es nieselte – manchmal ist das Wetter der ehrlichste Spiegel der Gefühle einer Gesellschaft. An uns vorbei gingen unendlich viele Menschen mit Blumen. Die Menschen umarmten sich auf der Straße. Polizisten bekamen Kaffee von den Cafébesitzern, zwei Mädels versorgten die Arbeitenden an den Straßensperren mit Getränken und Schokolade. Die Anteilnahme am Bondi Beach Pavilion war unbeschreiblich. Gefühlt ganz Sydney kam nach Feierabend vorbei, um Blumen niederzulegen.

Hendrik Hoffmann: Auch Menschen, die wir kannten – unsere Gastmutter, der Café-Besitzer – waren erschüttert, teilweise mit Tränen in den Augen. Unsere Gastmama Paula weinte, als wir nach Hause kamen. Für sie war ihre sichere Heimat plötzlich nicht mehr sicher. „Warum haben sie uns hier gefunden?“, fluchte sie. „Warum auch hier?“ Zum ersten Mal schloss sie an diesem Abend die Haustür ab – eine Tür, die sonst immer offen steht.

Tascha und Hendrik Hoffmann am Bondi Beach.
Hendrik und Tascha Hoffmann am Bondi Beach.© privat | Privat

Nach dem Terroranschlag von Bondi Beach: Zwischen Arbeitsroutinen und Nachrichtenkonsum

Wie verarbeiten Sie das Erlebte?

Hendrik Hoffmann: Man muss das Leben weiterleben, so dumm wie es klingt. Ich versuche, Details nicht zu nah an mich ranzulassen. Wir haben Arbeit, eine Routine – das hilft. Über die Zeit wird es abnehmen.

Tascha Hoffmann: Ich bin anders. Ich google neue News, verliere mich in Details. Aber diese Details verankern sich im Kopf. Hendrik bricht Videos ab, ich gucke sie zu Ende und bereue es dann. Man belastet sich damit selbst. Ich schreibe aber über das Erlebte, spreche darüber und versuche so, die Routine zurückzugewinnen.

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Hat das Erlebte Ihre Pläne verändert?

Hendrik Hoffmann: Nein. Ich glaube, es ist nach wie vor ein sehr sicheres Land hier. Der Schock sitzt tief, aber in zwei, drei Wochen kommt wieder Normalität. Diese Unbeschwertheit ist jetzt weg, aber so etwas hätte uns auch woanders passieren können.

Tascha Hoffmann: Niemand sollte sich davon abhalten lassen, nach Australien zu kommen. Wir bereuen diese Reise nicht. Es war hoffentlich eine einmalige Aktion. Was am 14. Dezember passiert ist, ist schrecklich. Aber es hat auch gezeigt, wie stark diese Community ist. Und dass nichts – wirklich nichts – sie auseinanderbringen kann.