• Forscher stoßen vor Alexandria auf ein einzigartig gut erhaltenes Wrack
  • Das Schiff stammt aus der römischen Zeit und gibt Rätsel um seine Nutzung auf
  • Griechische Graffiti am Wrack liefern spektakuläre Hinweise

Im Hafen der königlichen Insel Antirhodos vor Alexandria, der heute vollständig im Mittelmeer versunken ist, haben Forscher ein außergewöhnliches Wrack entdeckt. Ein Team des Institut Européen d’Archéologie Sous-Marine (IEASM) unter Leitung des französischen Unterwasserarchäologen Franck Goddio legte gut erhaltene Holzreste frei, die wahrscheinlich zu einem der legendären Vergnügungsschiffe des antiken Ägypten gehörten.

„Es ist das erste Mal, dass ein solches Boot in Ägypten entdeckt wurde“, sagte Goddio in einem Interview mit dem „Guardian“. Zwar hätten antike Autoren wie Strabo diese Schiffe beschrieben, und auch in Bildquellen seien sie dargestellt. Doch ein reales Exemplar habe bislang gefehlt. Das macht den Fund zu einer kleinen Sensation der Unterwasserarchäologie.

Spannende Achäologie-Artikel – für Sie recherchiert

Antike Stadt Alexandria: Glanzmetropole am Wasser

Zur Zeit der Pharaonen und später unter den griechisch-ägyptischen Herrschern war Alexandria das Schaufenster einer Weltmacht. Paläste und Tempel drängten sich am Hafen, darüber ragte der rund 130 Meter hohe Leuchtturm von Pharos, eines der sieben Weltwunder der Antike.

Dass ausgerechnet hier ein mutmaßliches antikes Luxusboot auftaucht, wirkt deshalb fast wie eine archäologische Pointe. Alexandria war nicht nur eine Hauptstadt des Wissens und des Handels, sondern auch des Genusses. Schon der griechische Gelehrte Strabo, der die Stadt um 30 v. Chr. besuchte, schrieb über die prächtigen Ausflugsboote der Reichen: Sie seien „luxuriös ausgestattet und vom Hof für Feste genutzt“ worden, voll von Musik, Tanz und Ausschweifung.

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Wie diese Welt auf dem Wasser aussah, lässt sich nun genauer beschreiben. Laut der am „Oxford Centre for Maritime Archaeology“ veröffentlichten Studie war das gefundene Schiff etwa 35 Meter lang und bis zu sieben Meter breit – damit erreichte es beinahe die Dimensionen eines modernen Ausflugsschiffs. Gerade diese ungewöhnlichen Proportionen sorgten zunächst für Irritation. Goddio sagte dem „Guardian“, er habe anfangs sogar kurz vermutet, es könnten zwei übereinanderliegende Schiffe sein, „weil die Bauweise so seltsam war“.

Erst die genaue Analyse machte aus dem Rätsel ein Konzept. Der Rumpf – also der tragende Schiffskörper – war flach, der Bug kantig, das Heck dagegen rund. Diese Form war weniger ästhetischer Eigensinn als praktische Lösung: Sie erlaubte es, in sehr flachem Wasser zu manövrieren. Damit passt das Schiff genau in die Landschaft Alexandrias, die nicht nur aus offener See, sondern aus Kanälen, Hafenbecken und Lagunen bestand.

In der Schiffsmitte habe sich, so Goddio, ein Pavillon befunden – ein überdachter Bereich mit einer luxuriös ausgestatteten Kabine. Das Wrack war damit kein Frachter und kein Kriegsschiff, sondern ein schwimmender Salon. Die Forscher gehen außerdem davon aus, dass das Boot ausschließlich gerudert wurde. Bei dieser Größe, sagt Goddio, dürfte es mehr als 20 Ruderer gebraucht haben – eine Mannschaft, die nicht nur Antrieb lieferte, sondern laut dem Hauptautor auch den sozialen Rang des Schiffes unterstrich.

Schiffswrack in Alexandria: Holzspanten und Graffiti liefern die Datierung

Die Rekonstruktion dieses schwimmenden Salons stützt sich auf erstaunlich handfeste Indizien. Bei der Ausgrabung kamen Holzspanten von insgesamt 28 Metern Länge zum Vorschein – die tragenden „Rippen“ des Schiffes, an denen sich Form und Größe ablesen lassen. Dass diese Bauteile so gut erhalten sind, verdanken sie einem Zufall der Natur: Sand und Sediment legten sich über das Wrack wie eine Schutzdecke und konservierten das Holz über Jahrhunderte.

Den entscheidenden Zeitstempel lieferten jedoch nicht die Balken, sondern die Kritzeleien darauf. Auf einem zentralen Bauteil entdeckten die Forscher griechische Graffiti – eingeritzte Buchstaben, die wohl aus dem Umfeld von Bau oder Besatzung stammen. In der Studie werden diese Spuren in die erste Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. datiert. Damit fällt das Schiff in eine Epoche, in der Ägypten bereits zum Römischen Reich gehörte, Alexandria aber weiterhin eine der reichsten und kosmopolitischsten Städte des Mittelmeerraums war. Das passt zu der These, dass das Boot in Alexandria selbst gebaut wurde.

Kritzeleien aus der Antike: Griechische Graffiti am Carling-Balken
Griechische Graffiti, die auf dem zentralen Carling-Balken gefunden wurden, stammen aus der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr.© Christoph Gerigk ©Franck Goddio/Hilti Foundation

Isis-Tempel Antirhodos: War das Wrack Luxusboot oder Kultschiff?

Der Fundort eröffnet nun die Frage nach der eigentlichen Rolle dieses Schiffes. Das Wrack lag nur rund 50 Meter vom Isis-Tempel entfernt, den Goddio und sein Team auf Antirhodos bereits früher untersucht haben. In der Studie entwickelt der Forscher deshalb zwei mögliche Deutungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die naheliegende Erklärung knüpft an Strabos berichtetem Alltag der Hafenmetropole an. Das Schiff könnte ein Vergnügungsboot gewesen sein, genutzt von Mitgliedern des Hofes oder wohlhabenden Alexandrinern, um durch Kanäle, Lagunen und den großen Hafen zu fahren. Die Bauweise mit Pavillon und Kabine spricht dafür: Das Schiff war wohl für prunkvolle Ausfahrten und Feste gedacht – für einen Luxus, den man in Alexandria gern sehen ließ.

Doch die Nähe zum Heiligtum lässt auch eine zweite, religiöse Spur plausibel erscheinen. Goddio vermutet in der Studie, das Boot könnte Teil eines Kultes gewesen sein – womöglich im Rahmen der jährlichen „Navigatio Iside“, einer Prozession zu Ehren der Göttin Isis. Dabei sei ein reich geschmücktes Schiff, das Navigium Isidis, auf die Wasserwege hinausgefahren. Es habe die Sonnenbarke der Göttin symbolisiert und ihre Präsenz von Alexandria aus zum Osiris-Heiligtum in Kanopus getragen.

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Wie auch immer das Boot genutzt wurde – sein Ende könnte in einer Katastrophe gelegen haben. Um das Jahr 50 n. Chr. kam es in Alexandria zu schweren Erdbeben und Flutwellen, die ganze Stadtteile ins Meer stürzen ließen. Der Isis-Tempel auf Antirhodos wurde dabei zerstört, ebenso Paläste und Wohnviertel. Der Portus Magnus versank – und mit ihm vielleicht auch dieses Schiff. Das passt zum Fundort: Das Wrack liegt heute nur rund sieben Meter unter der Wasseroberfläche und ist etwa eineinhalb Meter von Sediment bedeckt.

Unterwasserarchäologie: Ein Fund, der eine Lücke schließt

Der Fund fügt sich ein in eine lange Reihe spektakulärer Entdeckungen, die Goddio seit den 1990er Jahren in den Gewässern vor Alexandria und der Bucht von Abu Qir gemacht hat. Im Jahr 2000 entdeckte er dort die versunkene Stadt Thonis-Herakleion sowie Teile der Stadt Kanopus. Zu den bekanntesten Funden gehören kolossale Statuen einer ptolemäischen Königin und eines Königs. 2019 entdeckten die Forscher zudem ein Wrack, dessen ungewöhnliche Bauweise an eine Beschreibung des Historikers Herodot erinnerte.

Der neue Fund in Alexandria schließt gewissermaßen den Kreis. Denn während viele der früheren Funde ganze Städte oder monumentale Skulpturen sichtbar machten, liefert dieses Wrack etwas anderes: einen direkten Blick auf die Wasserwelt Alexandrias im Alltag der Elite. Zum ersten Mal können Forschende einen Schiffstyp untersuchen, der bisher vor allem aus antiken Texten – etwa von Strabo – und aus Bildquellen bekannt war. In der Studie betont das Team, diese Entdeckung verspreche „neue Einblicke in das Leben, den Glauben und den Luxus auf den Wasserwegen des frühen römischen Ägyptens“.