Nach dem schlimmsten Brand in der jüngeren Geschichte Hongkongs ist Miles Kwan vor die benachbarte U-Bahnstation Tai Po Market gezogen. Ausgerüstet mit einem randvollen Jutebeutel, hat er jedem vorbeigehenden Passanten ein Flugblatt in die Hand gedrückt. Der 24-jährige Student warb für eine Petition, die bis zum Samstagabend bereits über 10.000 Unterstützer gewinnen konnte. Darin wird eine unabhängige Untersuchung der Unglücksursache gefordert, die nicht nur auf die weitverbreitete Korruption innerhalb der Baubranche eingehen soll, sondern auch mögliche Verstrickungen von politischen Entscheidungsträgern ermittelt.
 
Was in den meisten Demokratien ein selbstverständliches Anliegen wäre, stellt für die von Festlandchina installierte nationale Sicherheitspolizei eine „rote Linie“ dar: Mehrere Beamte in Zivil führten den Studenten am Samstagabend ab, ihm wird der schwerwiegende Strafbestand „Aufruhr“ vorgeworfen.

Hongkong: 146 Tote, etliche Vermisste – und die hitzige Diskussion nach dem Warum

Nur wenige Tage nach dem fürchterlichen Hochhausbrand wird auch die politische Dimension der Tragödie zunehmend sichtbar. In den sieben niedergebrannten Türmen des Wang Fuk Courts haben die Einsatzkräfte bis Sonntagabend bereits 146 Tote festgestellt, etliche Personen werden noch vermisst. Unter den Vermissten sollen sich zudem 80 Haushaltshilfen, philippinische und indonesische Staatsbürgerinnen, befinden – sie wurden überproportional stark von den tödlichen Flammen getroffen.

 
Auch wenn die dreitägige Trauerperiode noch nicht vorbei ist, wird in der Finanzmetropole bereits hitzig die Frage nach dem Warum debattiert. Dass bei den Renovierungsarbeiten der zu Beginn der 1980er errichteten Wohnanlage von der Baufirma gepfuscht wurde, scheint mittlerweile als gesichert. Doch entgegen ersten Medienberichten, wonach die Bambusgerüste ein ausschlaggebender Grund gewesen seien, haben wohl vor allem die grünen Schutznetze die rasante Ausbreitung der Flammen begünstigt. Diese waren nämlich – entgegen den Bestimmungen – aus einfachem Plastik. Hinzukommt, dass etliche Fenster von Styroporplatten verriegelt wurden – ein Material, das nicht nur leicht entflammbar ist, sondern auch chemische Giftstoffe freisetzt.

Nach Brand in Hongkong
Die Identifizierungseinheit der Polizei für Katastrophenopfer ist im Einsatz, nachdem ein Großbrand mehrere Wohngebäude im Wang Fuk Court in Hongkong zerstört hat.© Sirius/Nexpher via ZUMA Press Wire/dpa | Sirius

Hongkong: Elf Festnahmen gab es bereits – aber warum versagten die Aufsichtsbehörden?

Insofern überrascht es nicht, dass die Polizei und Anti-Korruptionsbehörden bereits elf Personen aus der Baubranche verhaftet haben. Die mindestens ebenso wichtige Frage wird von den Hongkonger Medien jedoch nur äußerst zaghaft gestellt: Wie kann es sein, dass die staatlichen Aufsichtsbehörden die offensichtlichen Missstände – trotz mehrerer, gut dokumentierter Beschwerden – über einen solch langen Zeitraum ignoriert haben?
 
„Was das Brandunglück betrifft, glaube ich, dass die Hongkonger Regierung eine große Verantwortung trägt. Aber über diese scheint niemand zu sprechen“, meint der renommierte chinesische Journalist Wang Zhian, der mittlerweile im japanischen Exil lebt und seine Analysen auf YouTube publiziert.

Sein Urteil zu den Zuständen in Hongkong fällt ernüchternd aus: Die Medien seien nahezu zum Schweigen gebracht, der Legislativrat zum Abnick-Parlament verkommen. Dementsprechend fehlt die Grundlage für einen politischen Rechenschaftsmechanismus. „Ist das nicht dasselbe tragische Muster, das wir immer wieder auf dem Festland gesehen haben?“, kommentiert Wang: „Und dieses Muster breitet sich nun auf Hongkong aus“.

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Hongkong: Die Zivilgesellschaft organisierte sich – zum Misstrauen der Autoritäten

Doch noch sind die Verhältnisse in der Sonderverwaltungszone andere. Die totgeglaubte Zivilgesellschaft, die seit der Implementierung des drakonischen nationalen Sicherheitsgesetz im Sommer 2020 stark gelitten hatte, zeigt sich nach dem Großbrand wieder quicklebendig: Etliche Bürgerinnen und Bürger organisierten sich spontan, um Spenden einzusammeln und Lebensmittel sowie warme Decken zu verteilen.

Hong Kong Grieves Vicitims Of Tragic Apartment Fire
Trauer und Entsetzen in Hongkong. Gleichzeitig organisiert sich aber auch die Zivilgsellschaft.© Getty Images | Anthony Kwan

Gleichzeitig wurde die Mobilisierung von den Autoritäten misstrauisch beäugt. So hat nicht nur die Polizei ihre Patrouillen rund um den Unglücksort verschärft. Auch das nationale Sicherheitsbüro für Hongkong erklärte am Samstag, dass „anti-chinesische Unruhestifter“, die „Hass gegen den Regierungschef und die Sonderverwaltungsregierung schüren“, mit aller Härte des Gesetzes bestraft werden. Der festgenommene Miles Kwan hat die staatliche Gewalt als erster zu spüren bekommen – ob weitere Personen verhaftet wurden, ist mit Stand Sonntagabend nicht bekannt.
 
Für die mittlerweile in den USA lebende Menschenrechtsaktivistin Yaqiu Wang wiederholt sich derzeit in Hongkong, was sie selbst während der Nullerjahre noch in Festlandchina erlebt hat: „Bürger, die nach öffentlichen Katastrophen staatliche Rechenschaft verlangen, erhalten keine Antworten, sondern werden festgenommen und eingeschüchtert“, kommentiert Wang auf der Online-Plattform X.