Wissenschaftler haben Knochenfunde aus einem Höhlensystem bei Goyet in der Region Wallonien im Süden Belgiens untersucht und dabei eine verstörende Entdeckung gemacht: Diese legt nahe, dass es vor 45.000 Jahren kannibalistische Rituale unter Neandertalern gegeben hat. Das Forschungsteam arbeitet nun daran, die genauen Umstände dieser Ereignisse zu rekonstruieren.
Verstörende Funde: Die Höhlen von Goyet als archäologische Fundstätte
Das Höhlensystem in der Gemeinde Gesves in der Provinz Namur in Belgien erlangte durch bedeutende archäologische Funde internationale Aufmerksamkeit. Zu den herausragenden Entdeckungen zählen 101 Knochenfragmente aus der sogenannten troisième caverne, der dritten Höhle von Goyet, die auf ein Alter von rund 45.000 Jahren datiert werden und dem Neandertaler zugeschrieben werden.
Diese bislang größte Ansammlung von Überresten des Neandertalers in Nordeuropa konnte aufgrund ihres stark fragmentierten Zustands lange Zeit nicht umfassend wissenschaftlich untersucht werden, wie die Autoren einer aktuellen Studie betonen. Bisher ließ sich lediglich feststellen, dass die Knochen Spuren von Zerlegung und Schnittmarken tragen, wie sie typischerweise bei der Verarbeitung von Tieren entstehen.
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Grausame Entdeckung: Neandertaler verspeisten Frauen und Kinder
Aus der Studie geht hervor, dass es den Wissenschaftlern gelungen ist, die stark fragmentierten Knochenfunde zu rekonstruieren und eingehend zu analysieren. Dabei zeigte sich, dass die Überreste zu vier Frauen und zwei Kindern gehören, deren Körpergröße und Statur deutlich geringer und graziler ausfielen als bei anderen bislang bekannten Neandertalern.
Quentin Cosnefroy, biologischer Anthropologe an der Universität Bordeaux und Hauptautor der Untersuchung, betonte gegenüber Live Science, dass die Zusammensetzung dieser Gruppe zu spezifisch sei, um auf Zufall zu beruhen. Die genetischen Befunde wurden zudem mit Ergebnissen einer früheren Isotopenstudie verknüpft, die darauf hindeutete, dass die betroffenen Individuen aus einer völlig anderen Region stammten als jener, in der sie nun entdeckt wurden. Die Autoren der Studie leiten daraus die Hypothese ab, dass es sich um eine Form des sogenannten Exokannibalismus handelt, bei dem Mitglieder eines fremden Stammes getötet und verzehrt werden.
Die Forscher vermuten, dass vor allem körperlich schwächere Personen des konkurrierenden Stammes als Ziel ausgewählt wurden, möglicherweise um dessen Fortpflanzungspotenzial gezielt zu verringern. Unklar bleibt jedoch, ob die Knochenfunde auf ein einzelnes Ereignis zurückgehen oder ob die Überreste von verschiedenen Bevölkerungsgruppen stammen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten Opfer kannibalistischer Handlungen wurden.
Ebenfalls ungeklärt ist, auf welchem Weg die Knochen in die Höhle gelangten. Da es sich vorwiegend um Beinknochen handelt, geht Cosnefroy davon aus, dass die Individuen lebend in das Höhlensystem gebracht und dort getötet wurden. Ein solcher Vorgang wäre demnach logistisch einfacher gewesen als der Transport von Leichen oder Leichenteilen.

Wissenschaftler rätseln: Wer waren die Kannibalen?
Die Wissenschaftler konnten in diesem Zusammenhang nicht abschließend klären, ob die für die Tötungen verantwortlichen Gruppen Neandertaler oder frühe Vertreter des Homo sapiens waren, die in dieser Region vermutlich zeitgleich aufeinandertrafen. Die analysierten Knochenfragmente stammen jedoch von einigen der letzten Neandertaler Europas, zu einer Zeit, in der sich der Homo sapiens allmählich auf dem Kontinent durchsetzte.
Während beim Homo sapiens kannibalistische Handlungen überwiegend im Rahmen ritueller Bestattungspraktiken vorkamen, diente Kannibalismus bei Neandertalern nach Einschätzung der Autoren teilweise der unmittelbaren Sicherung des eigenen Überlebens. Entsprechende Hinweise liefern Funde aus Frankreich und Kroatien, die solche Praktiken überzeugend belegen. Vor diesem Hintergrund stellen die Überreste aus Goyet nach Einschätzung der Forschenden „den bislang überzeugendsten Hinweis auf Konkurrenzverhältnisse zwischen verschiedenen Gruppen der neandertalischen Populationen im späten Pleistozän“ dar.



