„Benehmt euch mal wie Gentlemen und nehmt den Damen ihre Koffer ab!“, ruft der ältere Mann in der gelben Jacke am frühen Morgen über den Tempelvorplatz. Die Teilnehmenden sind noch müde, vor allem aber nervös, haben sich am Treffpunkt, einem Tempelgelände im Zentrum von Seoul, schnell in zwei Grüppchen aufgeteilt: links stehen die Männer, rechts die Frauen. Sie sprechen nicht miteinander, schielen aber immer wieder auf die je andere Seite. Ist da was Interessantes dabei?

„Na los!“, ruft der Organisator wieder. „Ihr wollt doch jemanden kennenlernen?“ Die ersten Herren trotten rüber zu den Damen, fragen höflich, ob sie sich nützlich machen können. Die Frauen nicken betreten. Rasch befinden sich sämtliche Gepäckstücke im Kofferraum des Busses, der gleich, pünktlich um 7.30 Uhr, gen Süden zum Jikjisa-Tempel aufbrechen wird. Und dann, so wird es der Organisator in der gelben Jacke, You Chul-in, auf der Busfahrt allen nochmal deutlich machen, soll geflirtet werden. Denn: In keinem Land ist die Geburtenrate so gering wie in Südkorea. Um das zu ändern, wird man erfinderisch. Unter anderem mit Kuppel-Events.

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„So!“, ruft You Chul-in, der altersmäßig der Vater all dieser Teilnehmenden sein könnte, per Mikrofon durch den Bus, „jetzt stellen wir uns alle mal vor!“ Der Herr, auf dessen Jacke groß der Name seines Arbeitgebers prangt, (auf Deutsch: „Buddhistische Stiftung für soziale Wohlfahrt Koreas“) blickt mit fordernder Miene durch die Reihen. Ein junger trottet Mann hervor: „Hallo! Ich bin aus Seoul, habe kein Auto, aber ein Einkommen, das für zwei reicht. Lasst uns alle Spaß haben!“ Gekicher auf den Plätzen. Was passiert hier?

Die Buddhistische Stiftung für soziale Wohlfahrt, ein in Südkorea renommierter Player im Buddhismus, der wiederum zu den wichtigsten Glaubensrichtungen im ostasiatischen Land zählt, ist auf Kuppelmission. „Uns ist egal, ob die Teilnehmenden Buddhisten sind“, wird You Chul-in später in einer ruhigen Minute flüstern. „Wir wollen einfach junge Menschen zusammenbringen. Die Jungen hier wissen das auch. Deswegen sind sie ja hier!“

In den meisten Ländern der Welt wäre es schwer vorstellbar, dass sich eine religiöse Institution ins Datingleben junger Menschen einmischt. In Südkorea ist so etwas zum neuen Standard geworden. Mit einer Fertilitätsrate von weniger als einem Kind pro Frau (0,72) bildet das Land weltweit das Schlusslicht in puncto Fortpflanzung. Seit 2020 schrumpft die Bevölkerung.

Story Tempeldating von Felix Lill
Doryn, oberster Mönch, öffnet den Jikjisa-Tempel in Seoul für Speeddating-Events.© Felix Lill | Felix Lill

Dating führt oft zu Frust: „Schwer, jemanden kennenzulernen“

Die Regierung ist alarmiert. Seit Jahren fördert sie Maßnahmen, die die Geburtenrate anheben sollen. In mehreren Städten haben schon Rathäuser Datingevents veranstaltet. Besonders beliebt aber ist dieser Wochenendausflug in einen buddhistischen Tempel. Auf 24 Plätze – je zwölf Männer und zwölf Frauen – haben sich diesmal 500 Personen beworben, samt eigens aufgenommenem Video und ausgefülltem Fragebogen. Ihre Hoffnung: Jemanden kennenlernen. Zum Heiraten, zum Kinderkriegen?

Um die Mittagszeit steigen die erfolgreichen Bewerberinnen, die über dreieinhalb Stunden bei wechselnden Sitzordnungen schon die ersten Gespräche geführt haben, aus dem Bus. Am Nachmittag treffen sich alle in einem Saal, auf Kissen im Kreis sitzend, sollen sich nochmal neu vorstellen. „Ich suche einen süßen Typen“, flüstert eine 27-jährige, die sich Yujin nennt. „Im Joballtag ist es schwer, wen kennenzulernen. Man arbeitet ja oft bis spät.“ Und im Fitnesscenter, wo die Versicherungsangestellte abends trainiert, sei es verpönt, das Gespräch zu suchen. „Wenn man aus der Uni raus bist, lernt man niemanden mehr kennen.“ Dating-Apps haben hier einen schlechten Ruf.

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Für das Kuppelwochenende bewarb sich Yujin, weil sie auf die Seriosität des Tempels vertraut. Jetzt wird sie aufgerufen, muss etwas vorführen. Eben hat einer mit der Gitarre gesungen, ein anderer machte mit einer Teilnehmerin auf dem Rücken Liegestütze, eine weitere stellte sich auf vier Sprachen vor. „Ich will für euch tanzen“, zittert Yujins Stimme. Ihr Tanz kommt bestens an. Wird der Buddhismus hier verballhornt? Doryn, der oberste Mönch, schmunzelt. „Unsere Organisation hat sich das Ziel gesetzt, sich nicht nur mit sich selbst hier im Tempel zu beschäftigen, sondern Probleme der Gesellschaft anzugehen.“

Nach einer kurzen Pause treffen sich die Teilnehmenden zum Speeddating. „Was machst du an deinem perfekten Wochenende?“, will eine 25-Jährige wissen. „Ausschlafen, Sport machen und dann ein gutes Buch lesen“, sagt der 32-Jährige gegenüber. Und locker geht es weiter. You Chul-in, der Organisator, muss schon längst nicht mehr den Einpeitscher geben. „Statistisch gesehen werden morgen die Hälfte unserer Teilnehmenden einen Partner gefunden haben.“ Seit 2023 veranstaltet sein Orden Datingevents in dieser Form. Fast eine Handvoll Hochzeiten haben sich daraus schon ergeben, bis zu den ersten Kindern, die daraus hervorgehen, sei es eine Frage der Zeit.

Story Tempeldating von Felix Lill
You Chul-in, Organisator des Kuppel-Events, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Paare zusammenzubringen.© Felix Lill | Felix Lill

.Jedenfalls fühlen sich die meisten derer, die hier Flirten und Baggern, allmählich wohl. „Das Miteinander ist richtig positiv“, sagt Taewook, als die Sonne schon untergegangen ist. Der Angestellte eines Zulieferers für die Waffenindustrie berichtet das, worüber die anderen auch klagen. „Die langen Arbeitszeiten sind ein Thema, viele hier arbeiten ja über 50 Stunden die Woche“, sagt er. „Außerdem ist das Leben teuer.“

„Geschlechterkrieg“ in Südkorea: Arbeitsmarkt spaltet Gesellschaft

Viele junge Menschen in Südkorea müssen sich hoch verschulden, um eine Wohnung zu finden, haben es zugleich schwer, einen festen Job zu landen ,mit entsprechendem Gehalt. Frauen haben es laut Untersuchungen besonders schwer. Schon länger ist vom „gender war“ die Rede, einem „Geschlechterkrieg“. Er spielt sich vor allem online ab, findet seine Extreme in Maskulinisten, die meinen, karriereorientierte Frauen nehmen Männern die knappen Arbeitsplätze weg und wollen nicht heiraten, und radikalen Feministinnen, die nach Missbrauchs- und gar Mordfällen manchmal Männer allgemein als Problem betrachten.

Nachdem die Nacht überm Jikjisa-Tempel hereingebrochen ist, und nach einer stundenlangen Stille schon um halb fünf Uhr morgens die Mönche mit Gonglauten und Om-Gesumme den Tag eingeläutet haben, sitzen die Hoffnungsvollen bald wieder auf Kissen im Versammlungsraum zusammen. Gestern Abend hatten die Herren auswählen können, mit wem sie den Spaziergang machen wollen. Nun ist Damenwahl. Yujin hat sich den Mann ausgesucht, der sie interessiert. Auch Taewook scheint Glück zu haben.

Auf der Rückfahrt nach Seoul haben sich feste Sitzpaare gebildet. Einige haben Telefonnummern ausgetauscht, wollen sich wiedersehen. Was das nun mit Buddha zu tun habe? Sungjin, ein 33-jähriger IT-Analyst, der keine Telefonnummer bekommen hat, sagt: „Es stimmt schon, dass es hier eigentlich gar nicht um buddhistische Themen ging. Hätte ich hier eine Frau gefunden, hätte mich das aber ehrlich gesagt gar nicht gestört.“