Als sich im November 1918 das Ende der mitteleuropäischen Monarchien abzeichnete, wusste Österreichs letzter Kaiser, was zu tun war: Der Familienschmuck des Hauses Hapsburg musste den Fängen der Revolution entzogen werden. Also ließ Karl I. die Vitrinen der Wiener Hofburg leeren und die Geschmeide in die Schweiz bringen.

Die diamantbesetzte Krone der Kaiserin Elisabeth („Sisi“), ein Smaragd der Kaiserin Maria Theresia, der prächtige Orden vom Goldenen Vließ verließen die untergehende Donaumonarchie – und mit ihnen auch der „Florentiner“, ein taubeneigroßer, tropfenförmiger Diamant, champagnerfarben, 137 Karat, aus dem Haus der Medici. Es soll damals der viertgrößte Diamant der Welt gewesen sein. Mit dem Aussterben des mächtigen italienischen Adelshauses in männlicher Linie war der Diamant an die Habsburger gegangen.

Mythen rankten sich um den „Florentiner“

Seinen Legendenstatus aber erhielt der „Florentiner“, als er wenige Jahre nach Kriegsende vom Erdboden verschwand, spurlos. Keiner wusste, was mit dem Stein geschehen war. Wohl rankten sich Mythen und Erzählungen um ihn. Er sei geklaut, zersägt, zu Geld gemacht, die Gerüchte wurden zum Stoff von Filmen und Büchern. Bis jetzt die Wahrheit über den Diamanten ans Licht kam – und die ist weit weniger verrucht, als es den Eindruck macht.

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Der sagenumwobene Stein lag fast 100 Jahre in einem Bankschließfach, in Kanada. Dorthin war die Familie in den Wirren des Zweiten Weltkriegs geflohen. Enthüllt hat das Geheimnis der Enkel des letzten Kaisers von Österreich, Karl Habsburg, beim Cappucino in Wien, wie der „Spiegel“ weiß. Die Witwe Karls I. habe den „Florentiner“ nach Nordamerika gebracht, in einem Lederkoffer, in die französischsprachige Provinz Quebec. Er habe sie selbst gesehen.

Gut gehütetes Familiengeheimnis

Tatsächlich, der Stein ist echt. Das belegt eine Expertise, die Christoph Köchert von A.E. Köchert, dem Juwelier des Kaiserhofes, für die „New York Times“ angefertigt hat. Der Stein passe in seine Fassung, sein Gewicht stimme mit den Angaben aus historischen Quellen überein, der Schliff ebenfalls.

Man habe das Geheimnis bewahrt, aus Respekt vor der Kaiser-Witwe, sagte Karl Habsburg. Zita Maria delle Grazie Habsburg-Lothringen habe nur zwei Menschen von dem Versteck erzählt, ihren beiden Söhnen Robert und Rodolphe und aus Sicherheitsgründen darum gebeten, dass es erst 100 Jahre nach dem Tod Karls I. preisgeben werde. Die Brüder wiederum gaben das Versteck weiter an ihre Söhne.

„Streng genommen war der Schmuck ja nie weg“, sagte Habsburg dem „Spiegel“ nun. „Es wussten halt nur sehr wenige Menschen, wo er war.“