Worauf kann sich dieses Land eigentlich noch einigen? Die Deutschen streiten in Talk-Shows, sie streiten im Parlament, sie streiten mit ihren Nachbarn und sie streiten auf Elon Musks asozialem Netzwerk „X“. Sie beschweren sich darüber, dass man nichts mehr sagen darf und empören sich über den nächsten Tabubruch irgendeines rechtsextremen AfD-Politikers. Und selbst der Sport, selbst der Fußball ist, angesichts einer Nationalmannschaft deren größte Erfolge inzwischen schon mehr als zehn Jahre zurückliegen, kein Garant mehr für Einigkeit.

Im Gegenteil: 2024 sorgte sogar das pinke Auswärtstrikot der Nationalelf für Kontroversen und Kritik im Netz. Nun scheint es, hat der Deutsche Fußball-Bund die Zeichen der Zeit erkannt und setzt auf eine altbewährte Strategie: Nostalgie.

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WM-Trikot 2026: Rudi Völler ist zurück

Das neue Heim-Trikot der Deutschen Nationalelf ist eine Hommage an die Neunziger, verkündete der DFB am Mittwoch. Das in traditionellem Weiß gehaltene Jersey mit quer über die Brust laufenden Streifen in Schwarz, Rot und Gold erinnert tatsächlich stark an das Weltmeister-Trikot von 1990. Die „Zickzack-Optik“ sei indes an das Modell aus dem Jahr 1994 angelehnt, als erstmals eine WM in den USA stattfand, teilte der DFB mit.

Beim Anblick des Trikots hat man unmittelbar einen schnaubenden Jürgen Klinsmann und die Schnurrbart-Vokuhila-Kombi eines Rudi Völlers vor Augen. „Ich mag diesen Look wirklich sehr, der ist so schön retro“, ließ der DFB auch Stürmer Nick Woltemade (Jahrgang 2002) laut Mitteilung zum Besten geben. Er habe selten ein Trikot „cooler“ gefunden. Die Neunziger, darauf kann sich offenbar fast jeder einigen, wurden nicht nur mit dem Weltmeister-Titel eingeleitet, sie waren überhaupt ein goldenes Jahrzehnt.

Adidas stellt neues DFB-Heimtrikot vor
Fußball-Nationalspieler Florian Wirtz trägt das neue DFB-Heimtrikot. Es ist das vorerst letzte Trikot, das Adidas bereitstellt.© -/Adidas/dpa | -

Wirtschaftlicher Aufschwung und politische Stabilität, Helmut Kohl wird im Oktober 1994 zum vierten Mal zum Bundeskanzler gewählt. Die Mauer ist Geschichte, der Kapitalismus hat gesiegt und im Fernsehen läuft Forrest Gump. Ein Film, der im Grunde nur eine Botschaft hat: Jeder Depp kann es in dieser wunderbaren Welt zu etwas bringen. Und wenn ein Trikot dieses Gefühl vermittelt, dann können Fans vielleicht auch mit ein bisschen Hoffnung auf die kommende WM 2026 blicken.

Retro-Trikot für die WM: Eine Flucht vor der Gegenwart

Doch es ist eine vertrackte Sache mit der Nostalgie. Die Vergangenheit wird oft verklärt. Die Neunziger waren auch das Jahrzehnt von Treuhandanstalt, Arbeitslosigkeit, Jugoslawien-Krieg und dem tragischen Ende von Kurt Cobain. Und überhaupt speist sich die Sehnsucht nach vermeintlich besseren Zeiten oft aus Identitätskrisen und der Unsicherheit gegenüber der Zukunft. Was wiederum zum Zustand der Nationalelf heute passt.

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Die Romantisierung der Vergangenheit ist also leider nicht viel mehr als Ablenkung vor der bitteren Gegenwart und der unvermeidlichen Zukunft. Und die sieht so aus: Ab 2027 rüstet Nike den Verband aus. Das Adidas-Trikot wird vorerst das letzte sein, dass der deutsche Hersteller für den DFB bereitstellt. Die Deutsche Nationalelf hat zuletzt eher mäßig (1:0) gegen Nordirland überzeugt und die Frisur von Florian Wirtz kommt an den Rudi Völler-Look nicht ran.