Urlaub auf Sizilien, das klingt für viele paradiesisch. Wer sich den Traum erfüllen will, erreicht die Insel per Flugzeug oder Fähre. Das könnte sich bald ändern, denn perspektivisch soll eine gigantische Hängebrücke das Festland mit der Insel verbinden. Eine Idee, die schon lange die Fantasie anregte, aber immer wieder ad acta gelegt wurde. Jetzt aber hat Italiens Regierung unter Giorgia Meloni und Matteo Salvini den Bau einer 3,7 Kilometer langen Brücke über die Straße von Messina genehmigt.
Mit dieser Brücke könnten Rekorde gebrochen werden, denn mit einer Hängespannweite von 3,3 Kilometern wäre sie die weltweit längste Brücke ihrer Art. Mehr als 40 Kilometer begleitende Straßen- und Schienenverbindungen sind geplant. Die Überfahrt soll jeweils weniger als zehn Euro kosten, womit ein Teil der 13,5 Milliarden Euro für den Bau der Brücke eingetrieben werden soll. Geplant ist, dass es im Oktober mit den ersten Arbeiten losgeht. Irgendwann zwischen 2032 und 2033 sollen erste Autos und Züge passieren können. Doch die Pläne stoßen auf Protest.
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Italiens Umweltorganisationen monieren: 1000 Menschen könnten Bleibe verlieren
Neu ist die Idee für die Riesenbrücke nicht, schon die alten Römer haben von einem solchen Bauwerk geträumt. Die ersten Pläne der Neuzeit stammen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Auch in jüngerer Zeit wurde eine Brücke immer wieder ins Gespräch gebracht, vor allem nach der Gründung des italienischen Nationalstaats im 19. Jahrhundert. Doch technische sowie natürliche Herausforderungen – starke Strömungen, große Wassertiefe, Erdbebengefahr – und die hohen Kosten verhinderten die Umsetzung. Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der vor seiner Karriere als Politiker und Medienmogul in der Baubranche tätig war, steckte seinerzeit Milliarden Euro in das Projekt. Doch auch er scheiterte, die Nachfolgeregierungen stoppten den Bau immer wieder.
Nun also greift sich die Regierung Meloni das Projekt, für das sie auch finanzielle Hilfen der EU auftreiben will. Doch, wie zu erwarten, bekommt sie heftigen Gegenwind. Umweltorganisationen, Wissenschaftler und die Opposition warnen vor seismischen Risiken, ökologischen Folgen und dem möglichen Einfluss der Mafia. Die angrenzende Festlandregion Kalabrien ist das Machtzentrum der ‘Ndrangheta, einer der einflussreichsten Mafiaorganisationen Europas.
Auch die EU-Kommission will das Projekt genauer unter die Lupe nehmen. Sie hat Italiens Umweltministerium in einem offiziellen Schreiben zu Klarstellungen aufgefordert. Hierbei gehe es insbesondere um Verfahren im Zusammenhang mit den Umweltauflagen, berichtete der Sprecher der italienischen Grünen, Angelo Bonelli, die sich gegen den Bau der Brücke wehren.

Bürgerinitiativen machen auf Erdbebengefahr in Italien aufmerksam
Das italienische Infrastrukturministerium erwiderte prompt, dass die Europäische Kommission die strategische Bedeutung der Brücke erkenne. „Brüssel wird alle erforderlichen Antworten erhalten“, hieß es in einem am Samstag veröffentlichten Schreiben des Ministeriums, das von Vize-Ministerpräsident Matteo Salvini geleitet wird. Pietro Ciucci, Geschäftsführer der Projektgesellschaft „Stretto di Messina“, die die Brücke plant, betonte, das Schreiben der EU gehöre zum normalen Dialog zwischen dem italienischen Staat und der Europäischen Union. Keine Aufregung, lautet also die Botschaft.
Umweltschutzverbände und Bürgerinitiativen sehen das anders. Sie hatten im August bei der EU Beschwerde gegen das Projekt eingelegt und dabei auf ernste Gefahren für die Umwelt hingewiesen. Dabei hoben sie den ökologischen Wert der Region und vor allem auch das Erdbeben-Risiko hervor, das die Gegend für eine solche Infrastruktur ungeeignet mache. Zudem befürchten sie jahrelangen Baulärm und -schmutz, der die Gegend unbewohnbar machen könnte.
Auch für Anwohner hätte das Projekt Konsequenzen: Mehr als 440 Grundstücke müssten auf der sizilianischen Seite sowie in der Region Kalabrien auf dem Festland enteignet werden, um Platz für die Brücke sowie die dazugehörigen Straßen- und Eisenbahnverbindungen zu schaffen. Aktivisten und Anwälte schätzen, dass rund 1.000 Menschen ihr Zuhause verlieren könnten. Auch verweisen sie auf möglicherweise rechtswidrige Kostensteigerungen seit der ersten Vergabe des Projekts – von ursprünglich 8,5 auf jetzt 13,5 Milliarden Euro.
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Italiens Minister verspricht Betroffenen großzügige Entschädigungen
Umweltaktivisten hoffen, das Projekt mit ihren Klagen noch zu stoppen. Das zuständige Unternehmen „Stretto di Messina“ will davon nichts hören und betonte, die Infrastruktur sei so konzipiert, dass sie auch sehr starke Erdbeben überstehen könne. Außerdem seien Maßnahmen geplant, um Lebensräume und Tierarten zu schützen. Vertragliche Verpflichtungen sollen sicherstellen, dass Lärm und andere Auswirkungen der Bauarbeiten streng kontrolliert werden.
Egal, was immer auch an Argumenten aufgefahren wird: Infrastrukturminister Matteo Salvini kündigte an, dass die Vorarbeiten für die Brücke nach Plan im Oktober beginnen sollen. Für alle, die ihr Eigentum abtreten müssen, versprach er großzügige Entschädigungen.


