Zusammenfassung

  • Ein schweres Unglück auf der historischen Standseilbahn Elevador da Glória in Lissabon erschüttert Lissabon
  • Erste Hinweise deuten auf technische Fehler und Wartungsmängel hin
  • Die Standseilbahn, ein Wahrzeichen Lissabons, bleibt bis zur Klärung der Unfallursache außer Betrieb

„Die Bahn kam mit großer Geschwindigkeit die Straße herunter und krachte dann gegen die Hauswände“, berichtete ein Augenzeuge. „Wir sind alle hingerannt und haben geholfen, die Fahrgäste zu retten.” Die ersten Helfer sahen sich einem Horrorszenario gegenüber: Die Bahnkabine war komplett zertrümmert. In dem Wrack sahen sie Menschenleiber, die sich nicht mehr bewegten und Verletzte, die um Hilfe schrien.

Am Tag nach dem Unglück auf der weltberühmten und historischen Standseilbahnlinie mit dem Namen Elevador da Glória steht Lissabon immer noch unter Schock. Die Flaggen an städtischen Gebäuden hängen auf Halbmast. Es war das bisher schwerste Unglück in der Geschichte des Nahverkehrs der portugiesischen Hauptstadt.

Seilbahnunglück in Lissabon: Verwirrung um angeblichen deutschen Toten

Die abschüssige Straße Calçada da Glória, auf der sich die Tragödie am frühen Mittwochabend gegen 18 Uhr Ortszeit ereignete, ist auch am Donnerstag abgesperrt. Bis tief in die Nacht hatten die Bergungsarbeiten gedauert. Viele Opfer waren im Stahlgewirr und unter den Trümmern eingeklemmt worden. Nach dem Ende der Rettungsarbeiten begannen Spezialisten der Polizei mit der Spurensicherung und der Suche nach der Ursache des Unfalls. Erste Hinweise deuten auf einen technischen Fehler und auf Schlamperei bei der Wartung hin. Der Kripo-Chef in Lissabon, João Oliveira, sagte im portugiesischen Fernsehen, dass es keine Hinweise auf einen Sabotage- oder Terrorakt gebe. 

Die historische Standseilbahn war eine beliebte Touristenattraktion. Entsprechend sind unter den Opfern viele ausländische Urlauber. Nach unbestätigten Berichten sollen sich Deutsche unter den Opfern befinden. Ein deutscher Familienvater sei umgekommen, seine Frau und sein dreijähriges Kind sollen verletzt worden sein, berichtete das Fernsehen. Das Auswärtige Amt konnte dies nicht unmittelbar bestätigen. Im Gegenteil seien nach Kenntnis des Amts aktuell „Stand keine deutschen Staatsangehörigen unter den Todesopfern“, hießt es am Freitag aus Berlin. Später stellte sich heraus, dass der Vater in ein Krankenhaus eingeliefert worden war – da hatten ihn seine Eltern bereits im Leichenschauhaus gesucht.

Die offizielle Identifizierung aller Toten und Verletzten war am Donnerstag noch im Gange. Bestätigt wurde aber bereits, dass sich auch der portugiesische Bahnangestellte, der die Kabine steuerte, unter den Toten befindet. Das spanische Außenministerium meldete zwei verletzte Spanier.

Sicherheitsmängel? Früherer Unfall der Bahn ging glimpflich aus

Bei dem vom Unglück betroffenen Transportsystem handelt es sich um eine Standseilbahn, die erstmals im Jahr 1885 in Betrieb genommen wurde. Sie überwindet die steile Straße Calçada da Glória und verbindet den Platz Praça dos Restauradores im unteren Teil Lissabons mit dem höhergelegenen Garten Jardim de São Pedro de Alcântara – ein beliebter Aussichtspunkt mit schönen Panoramablicken über die Innenstadt, zu Lissabons Castelo de São Jorge und zum Fluss Tejo.

Standseilbahn  Ascensor do Lavra Lissabon Portugal Standseilbahn  Ascensor do Lavra Lissabon
Lissabons historische Standseilbahn ist eine der Touristenattraktionen der portugiesischen Hauptstadt.© imago/Schöning

Die Standseilbahn besteht aus zwei Wagen auf parallelen Schienen, die über ein Stahlseil verbunden sind. Während der eine Wagen talwärts fährt, zieht er den anderen bergauf – ein Gegengewichtssystem. Die Streckenlänge beträgt 265 Meter, die durchschnittliche Steigung liegt bei 18 Prozent. In jeden Wagen passen bis zu 45 Fahrgäste. Die Bahnstrecke mit dem Namen Elevador da Glória ist eines der Wahrzeichen Lissabons und ist seit 2002 als Nationaldenkmal geschützt.

Bereits 2018 entgleiste die Bahn aufgrund eines technischen Fehlers. Es gab keine Opfer, doch auch damals kamen schon Vorwürfe auf, dass die Seilbahn nicht sicher sei. Nach der Tragödie an diesem Mittwochabend berichteten Augenzeugen, dass zunächst der an der unteren Station stehende Wagen plötzlich einige Meter abgesackt sei. Kurz darauf raste der Gegenwagen von oben völlig außer Kontrolle die Steilstrecke hinab, schrammte an den Wänden entlang und krachte in der Kurve mit voller Wucht gegen ein Gebäude.

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Ursachenforschung läuft: War es Seil- oder Bremsversagen?

Vor allem die Wartung der Bahn steht nun im Fokus. Seit 14 Jahren wird sie nicht vom städtischen Bahnbetreiber Carris, sondern von einem externen Unternehmen durchgeführt. Carris verteidigt sich in einer Erklärung gegen Vorwürfe: „Das Wartungsprotokoll wurde gewissenhaft eingehalten.“ Gewerkschaften hingegen berichten von Beschwerden der Beschäftigten – etwa zur mangelnden Spannung der Stahlseile, mit denen die Bahnen gezogen werden.

Nach dem verheerenden Unglück bleiben also drängende Fragen, wie etwa diese: Hat ein Seil- oder Bremsversagen das Unglück ausgelöst? Waren die Sicherheitsprotokolle ausreichend und wurden sie korrekt umgesetzt? Wurden Warnsignale ignoriert? Bis die Ermittler für Klarheit sorgen, bleiben der Elevador da Glória und zwei weitere Stadtseilbahnen in Lissabon außer Betrieb. Unterdessen legten am Donnerstag Bürger und Stadtbesucher vor der Absperrung des Unglücksortes Blumen und Kerzen ab. Ein Bild, das Lissabons touristisches Symbol und Wahrzeichen zu einer Stätte der Trauer macht.