Ein kleines Mädchen steht am Beckenrand des großen Schwimmbeckens. Sie trägt eine quietschgelbe Winterjacke, eine hellblaue Hose und pinkfarbene Turnschuhe. Etwas zögerlich mustert sie das Wasser, bevor sie sich ein Herz fasst und sich mit einer Vorwärtsrolle in das türkisfarbene Becken fallen lässt. Kaum taucht sie wieder auf, dreht sie sich auf den Rücken, reckt ihr Kinn Richtung Decke und beginnt mit mühsamen Schwimmbewegungen – trotz Jacke und Alltagskleidung.

Vier- bis sechsjährige Kinder, die in voller Montur inklusive Pufferjacke und Winterstiefeln Bahnen schwimmen, durch Tunnel tauchen oder über ein Hindernis im Wasser klettern können – ähnliche Videos aus niederländischen Schwimmschulen finden sich häufig in den Social-Media-Feeds. Was steckt hinter dem Schwimmen in Winterkleidung? Und sollten deutsche Schwimmkurse sich bei den Nachbarn etwas abschauen?

Schwimmprüfung in den Niederlanden deutlich anspruchsvoller als in NRW

Wer in den Niederlanden ein Schwimmabzeichen ablegt, verbindet Begriffe wie „Seeräuber“, „Seepferdchen“ und Co. im Regelfall eher mit Gute-Nacht-Geschichten als mit dem Hallenbad. Stattdessen teilt sich die Schwimmausbildung dort pragmatisch in die Schwimmdiplome A, B und C. Und die haben es im Verhältnis zu Deutschland in sich. Während Kinder für das deutsche Seepferdchen eine Bahn schwimmen und einen Ring aus schultertiefem Wasser heraufholen müssen, ist die Liste für das A-Diplom, das erste der niederländischen Diplome, deutlich länger.

Das A-Diplom beginnt mit der „Survival-Übung“: ein Sprung ins Wasser, 15 Sekunden Wassertreten, eine halbe Bahn schwimmen und selbstständig aus dem Wasser klettern – alles in Alltagskleidung. Dann die „Orientierung unter Wasser“, also drei Meter Streckentauchen. Dabei bleiben die Augen offen. Um das nachzuweisen, tauchen die Kinder durch ein Loch in einer Plane, die unter Wasser aufgehängt wird. Es folgt das „Konditionsschwimmen“: vier Bahnen schwimmen – davon zwei auf dem Rücken und zwei im Bruststil. Dann je fünf Meter Kraul und Rückenkraul. Bevor es die bunte Urkunde gibt, weisen die Kinder nach, dass sie sich im Wasser wohlfühlen, ruhig bleiben und keine Angst bekommen. Dafür treiben sie an der Oberfläche. Fünf Sekunden auf dem Bauch, zehn auf dem Rücken. Zum Abschluss treten sie noch einmal 60 Sekunden Wasser, wobei sie sich zweimal um die eigene Achse drehen müssen.

Zem Diplomas in den Niederlanden
In den Niederlanden erhalten Kinder anstelle von Schwimmabzeichen zum Aufnähen farbenfrohe Urkunden. Nach Angaben des „Nationale Raad Zwemveiligheid“ bescheinigt jedoch keines dieser Diplome, dass sie sicher im Meer schwimmen können.© NRZ | Nationale Raad Zwemveiligheid

Entwickelt wurden diese Diplome vom „Nationale Raad Zwemveiligheid“ (NRZ), also dem Nationalen Rat für Schwimmsicherheit der Niederlande. Sicher schwimmen können Kinder nach dessen Angaben mit Diplom A aber noch nicht. Das Abzeichen reiche zum Schwimmen in Hallenbädern – ohne Rutschen oder andere Attraktionen. Um auch in Spaßbädern sicher zu schwimmen, bräuchten die Kinder laut NRZ das Schwimmdiplom B. Für ruhigere, offene Gewässer ohne viel Strömung oder Wellen ist das Diplom C empfohlen. Der landesweite Standard, um als sicherer Schwimmer zu gelten, ist das vollständige „Zwem-ABC“. In Deutschland reicht dafür das Bronzeabzeichen.

Was müssen niederländische Kinder für ihr Schwimm-ABC können?

Schwimmdiplom A – die Grundlage zum Schwimmen in regulären Hallenbädern ohne Attraktionen

  • Survival-Übung mit Kleidung: ein Sprung ins Wasser, 15 Sekunden Wassertreten, eine halbe Bahn schwimmen und selbstständig aus dem Wasser klettern
  • Orientierung unter Wasser: drei Meter Streckentauchen mit offenen Augen, inklusive Durchtauchen einer Plane
  • Ausdauerschwimmen: vier Bahnen schwimmen – davon zwei auf dem Rücken und zwei im Bruststil. Bei der zweiten Bahn Brust soll einmal der Boden berührt und danach weitergeschwommen werden.
  • Brust- und Rückenkraul: je fünf Meter
  • Wohlfühlen im Wasser: einige Schwimmzüge schwimmen, dann fünf Sekunden auf dem Bauch treiben. Weitere Schwimmzüge, dann zehn Sekunden auf dem Rücken treiben.
  • Orientierung an der Oberfläche: ein Sprung ins Wasser, gefolgt von 60 Sekunden Wassertreten. Dabei zwei Drehungen um die eigene Achse

Schwimmdiplom B – das Diplom zum Schwimmen in Spaßbädern mit Rutschen oder Strömungskanälen

  • Survival-Übung mit Kleidung: rückwärts ins Wasser fallen, 15 Sekunden Wasser treten, zwei Bahnen schwimmen, unterbrochen durch einmaliges Untertauchen unter einem schwimmenden Gegenstand, zum Schluss selbstständig aus dem Wasser klettern
  • Orientierung unter Wasser: sechs Meter Streckentauchen mit offenen Augen, inklusive Durchtauchen einer Plane
  • Konditionsschwimmen: abwechselnd eine Bahn Brustschwimmen, gefolgt von einer Bahn einfachem Rückenschwimmen, insgesamt jeweils drei Bahnen pro Schwimmstil. Dabei zweimal eine halbe Drehung (vom Rücken auf den Bauch und zurück)
  • Brust- und Rückenkraul: je zehn Meter
  • Wohlfühlen im Wasser: ein Sprung ins Wasser, 15 Sekunden auf dem Rücken treiben, 5 Meter Fortbewegung auf dem Rücken in Richtung eines schwimmenden Gegenstands, 20 Sekunden Treiben unter Einsatz eines schwimmenden Gegenstands
  • Orientierung über Wasser: Sprung ins Wasser, 60 Sekunden Wassertreten und sich dabei in verschiedene Richtungen bewegen, einmalig mit den Füßen voran in Richtung Boden tauchen

Schwimmdiplom C – der nationale Standard für Schwimmsicherheit (Gewässer ohne Strömungen oder starke Wellen)

  • Survival-Übung mit Kleidung: Vorwärtsrolle ins Wasser, 15 Sekunden Wassertreten, 30 Sekunden vertikales Treiben mithilfe eines Schwimmkörpers, 5 Meter Rückenschwimmen
  • Survival-Übung mit Kleidung: ins Wasser springen, wobei der Kopf über Wasser bleibt, 4 Bahnen schwimmen, unter einem Gegenstand hertauchen und über einen drüberklettern, selbstständig aus dem Wasser klettern
  • Survival-Übung mit Kleidung: ins Wasser springen, unter Wasser durch ein Loch in einer Plane schwimmen
  • Orientierung unter Wasser: sechs Meter Streckentauchen mit offenen Augen und durch eine Plane, beim Auftauchen durch einen Ring schwimmen
  • Ausdauerschwimmen: drei Bahnen Brustschwimmen, dabei einmal zum Boden tauchen, drei Bahnen Rückenschwimmen
  • Brust- und Rückenkraul: je 15 Meter

Bei Diplom A und Diplom B tragen die Kinder Badekleidung, eine lange Hose oder einen knöchellangen Rock, ein langärmliges Hemd und Schuhe. Bei Diplom C kommt dazu noch eine lange Jacke. Schwimmbrillen werden nicht benutzt. Die Schwimmschulen dürfen ihre Prüfungen abändern.

Eine Bahn bezieht sich auf ein 25-Meter-Becken, wie es in den meisten deutschen Hallenbädern üblich ist. Welche Aufgaben für das deutsche Pendant notwendig sind, lesen Sie auf der Website der DLRG.

Schwimmkurs in den Niederlanden: Kinder sind auf Alltagsunfälle vorbereitet

Die umfangreichen Prüfungen seien eine Reaktion auf die Lebensrealität in den Niederlanden, erklärt Zoë Okkinga vom Nationale Raad Zwemveiligheid (NRZ): „Weil es in den Niederlanden weitläufige Kanalnetzwerke, Flüsse, Seen und Küstengebiete gibt, wird die Schwimmfähigkeit als essenziell für die Sicherheit von Kindern und die Teilhabe an der Gesellschaft gesehen.“ Wer einen ungesicherten Kanal oder eine Gracht direkt vor der Tür hat, fällt auch wahrscheinlicher unvorbereitet hinein.

Die Schwimmfähigkeit wird als essenziell für die Sicherheit von Kindern und die Teilhabe an der Gesellschaft gesehen.

Zem Diplomas in den Niederlanden
Zoë Okkinga, Sprecherin vom Nationale Raad Zwemveiligheid (NRZ)

Deshalb sei gerade die Übung mit dem Schwimmen in Winterkleidung so wichtig. Die sogenannte „Survival-Übung“ macht ihrem Namen alle Ehre: „Diese Übung simuliert realistische Unfallszenarien, etwa unerwartet in Alltagskleidung ins Wasser zu fallen“, erklärt Zoë Okkinga. „Die Kinder lernen, wie Kleidung ihren Auftrieb im Wasser beeinflusst, in unerwarteten Situationen ruhig zu bleiben, zu treiben, sich zu orientieren und sich selbstständig in Sicherheit zu bringen.“

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Während die Kinder in Deutschland für Bronze stattdessen vom Dreimeter-Turm springen und mehr Aufgaben auf Zeit schwimmen, liegt der Fokus in den Niederlanden mehr auf Selbsthilfe, wenn die Kinder sich in gefährlichen Situationen wiederfinden. Woran liegt das?

Deutsche Schwimmausbildung setzt auf schrittweises Lernen

„Der ganz zentrale Unterschied zwischen Deutschland und den Niederlanden ist die alltägliche Nähe zum Wasser“, sagt auch Judith Bocklage, Referentin Schwimmen und Rettungsschwimmen bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG). Auch im Ruhrgebiet kommt es immer wieder zu Ertrinkungstoden, wenn Kinder versehentlich ins Wasser fallen. Zwar gibt es Flüsse und Kanäle, die sind aber nicht mitten in der Innenstadt. Anders als in den Niederlanden, wo der Schulweg für einige Kinder direkt am ungesicherten Kanal entlangführt. „Damit die Kinder darauf vorbereitet sind, steht die Selbstrettungskompetenz dort von Anfang an im Mittelpunkt der Schwimmausbildung. In Deutschland spielt sie ebenfalls eine Rolle, rückt aber erst später in den Fokus.“

Der Kerngedanke ist in beiden Ländern gleich: „Der Schwerpunkt ist die Sicherheit“, so Bocklage. Die Praxis unterscheidet sich allerdings. Das deutsche System setze auf kleinere Schritte, die motivieren sollen. Das Seepferdchen vermittelt grundlegende Kenntnisse und vor allem Freude am Wasser. Mit Bronze sollen Kinder das sichere Schwimmen lernen. „Für Silber und Gold zählen dann vermehrt Ausdauer, Schnelligkeit und Technik. Selbstrettung und einfache Fremdrettung kommen bereits dazu, werden aber ausschließlich theoretisch vermittelt und abgefragt.“

Der Schwerpunkt ist Sicherheit.

Judith Bocklage von der DLRG
Judith Bocklage, Referentin Schwimmen/Rettungsschwimmen bei der DLRG

Das Schwimmen in Kleidung wird in Deutschland trainiert, wenn die Rettung von anderen Menschen geübt wird. Zum ersten Mal ist es beim Juniorretter relevant für das Bestehen eines Schwimmabzeichens. Während Kleiderschwimmen in den Niederlanden schon ab vier Jahren geübt wird, müssen Kinder für den Juniorretter mindestens zehn Jahre alt sein. Der Grund: „Die Jugendlichen werden befähigt, andere Menschen zu retten“, erklärt Bocklage. „Dazu braucht es eine gewisse motorische Grundkompetenz, aber auch eine gewisse kognitive Kompetenz, um die Gefahrensituationen richtig einzuschätzen.“

Bronze statt ABC – das sind die Vorteile

Auch, wenn es erst einmal nicht so klingt: Dass das Bronzeabzeichen mit weniger Aufgaben auskommt, kann laut Judith Bocklage zurzeit ein Vorteil sein. Bäder schließen, Kursplätze fehlen, Familien warten jahrelang. Das setze Kinder und Lehrende zusätzlich unter Druck. „Wenn man sich die langen Wartezeiten für Schwimmkursplätze ansieht, kann es durchaus günstig sein, dass das sichere Schwimmen in relativ kurzer Zeit erlernbar ist.“

Noch wichtiger als das Abzeichen sei aber der Weg dorthin: „Was ein Kind auf Dauer sicher macht, ist eine gefestigte Wasserkompetenz. Die wird nicht unbedingt mit abgeprüft und festigt sich vor allem durch viel Zeit und Bewegung im Wasser, auch nach dem Abzeichen.“

So viele Kinder erreichen Schwimmabzeichen in Deutschland und den Niederlanden

Weniger Aufgaben und ein kleinschrittigeres Stufensystem sollen in Deutschland also motivieren und Lust auf mehr machen. Erhöht das anspruchsvolle ABC-System bei den Nachbarn dann vielleicht sogar die Schwelle für Kinder, überhaupt ein Abzeichen zu erreichen? Von den zwölf- bis 16-Jährigen in den Niederlanden hatten 2022 laut einer Umfrage des NRZ nur vier Prozent keines der Diplome. Zwölf Prozent konnten ein A-Diplom nachweisen, 47 Prozent ein A- und B-Diplom und 37 Prozent das gesamte „Zwem-ABC“. Nur diese 37 Prozent gelten in den Niederlanden als sichere Schwimmer.

Sichere Schwimmer sind Kinder nach deutscher Definition ab dem Erreichen des Bronzeabzeichens. Davon waren 2022 nach Angaben einer Studie von forsa im Auftrag der DLRG rund 42 Prozent der Kinder über zehn Jahren betroffen. 25 Prozent schwimmen mit Silber- und acht Prozent mit Goldabzeichen. Dagegen haben 67 Prozent von ihnen ihr Seepferdchen und 20 Prozent haben kein Abzeichen.

M. Kleinrensing WP Hagen
Neben Seepferdchen und Bronze gibt es auch noch Gold als Abzeichen. Aber, längst nicht alle Schülerinnen und Schüler in Deutschland haben die Möglichkeit, diese Abzeichen zu erreichen.© WP | Michael Kleinrensing/Archiv

Weil die deutschen Abzeichen einzeln und nicht wie in der niederländischen Befragung gesammelt abgefragt wurden, sind beide Zahlen nicht direkt vergleichbar. Anders als in den Niederlanden ist es in Deutschland möglich, einzelne Abzeichen zu überspringen. Außerdem sind die Prüfungsinhalte und Mindestvoraussetzungen zum Bestehen in den beiden Ländern zu unterschiedlich. Trotzdem fällt auf: Während es in den Niederlanden deutlich weniger Nichtschwimmer gibt, zählen in Deutschland mehr Menschen als sichere Schwimmer.

Von Kursgebühren bis Förderung: Schwimmenlernen kostet unterschiedlich

Auf diese Statistik wirkt zusätzlich ein wichtiger Faktor ein, der beeinflusst, welche Kinder überhaupt die Chance bekommen, sichere Schwimmer zu werden: der Preis. „Im Durchschnitt liegen die Kosten für das gesamte Schwimm-ABC bei 1.050 Euro“, erklärt Zoë Okkinga vom NRZ. Für Kinder aus finanziell schlechter aufgestellten Haushalten gebe es aber Fonds und Zuschüsse der Städte.

Und in Deutschland? Das Bronzeabzeichen ist deutlich günstiger erreicht. Bei der DLRG-Ortsgruppe in Dortmund-Hombruch beispielsweise kosten Seepferdchen- und Bronzekurs zusammen etwa 80 Euro. Beide Kurse finden je an zehn Terminen statt. Die Preise variieren teilweise je nach Ortsgruppe. Wer sich, zum Beispiel, um lange Wartelisten zu vermeiden, für die Schwimmausbildung stattdessen eine private Schwimmschule sucht, zahlt je nach Anbieter deutlich mehr. Die Dortmunder Schwimmschule Flipper nimmt beispielsweise 99 Euro im Monat – bis das Kind seine Abzeichen hat.

Den Schwimmkurs vorbereiten: Das können Sie tun, um ihr Kind richtig zu unterstützen

Egal ob niederländisches ABC-System oder deutsche Abzeichen – Lehrer und Eltern beider Länder eint der Wunsch, den Kindern eine möglichst gute Schwimmfähigkeit zu vermitteln und sie so mit einer hohen Sicherheit im und am Wasser auszustatten. Gerade in Zeiten, in denen Schwimmkursplätze oft rar oder teuer sind, ist wichtig zu wissen: Eltern können selbst zu einem schnell und erfolgreich absolvierten Schwimmkurs beitragen.

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„Wasserkompetenz müssen Eltern gar nicht in dem Sinne vermitteln“, erklärt Judith Bocklage. „Sie können mit den Kindern spielen und gemeinsam Spaß im Wasser haben. Die Kinder brauchen Vertrauen in das Wasser, sie müssen spüren, dass es sie trägt, dass sie gleiten können, besonders mit dem Kopf im Wasser. Das kann man spielerisch üben und es ist die beste Grundlage, die Eltern leisten können.“

Denn am Ende gebe es den einen Weg, auf dem Kinder im Schwimmkurs schneller und mit Freude zu sicheren Schwimmern werden können: „Indem sie sich im Wasser rundum wohlfühlen.“