Mathias Schneider aus Feudingen hat einen Herzenswunsch: „Ich möchte endlich wieder selbstständig am Leben teilhaben“, sagt er. Nach mehreren Sepsis-Erkrankungen, dem damit verbundenen Koma und offenen Wunden ist Schneider seit Ende 2023 ans Bett gefesselt. Zum Bäcker fahren, Freunde treffen oder sich in den Garten setzen – das könnte dank eines speziellen Elektrorollstuhls wieder möglich werden. Doch bringe der eine weitere Hürde mit sich.
Rückblick: Für den Feudinger, der seit Jahren an einer Autoimmunerkrankung leidet, begann der eigentliche Albtraum am 27. Dezember 2023. Der Grund: „Der Darm war durch die langjährige Cortisonbehandlung so geschädigt, dass er gerissen ist. Dadurch ergoss sich der Darminhalt in den Bauchraum, wo er natürlich nicht hingehörte.“ Eine Sepsis war die Folge. Nicht die letzte, wie sich später herausstellen sollte. Es folgten viele kräftezehrende Monate und eine lange Suche nach einem mobilen Pflegedienst, der die Wunden des Feudingers daheim versorgen kann. „Hier gibt es eine positive Nachricht: Seit März kommt ein Pflegedienst aus Marburg“, sagt er. Auch die Wunden selbst verheilen, „wenn auch langsam, aber es geht in die richtige Richtung“, sagt Schneider, der trotz Schicksalsschläge nach vorn blicken möchte: „Im Sommer spielt sich ein großer Teil des Familienalltags im Garten ab, es wäre schön, wenn ich dort wieder dabei sein könnte.“

Derzeit nutzt Schneider einen Leichtrollstuhl. „Da kann ich eine Viertelstunde lang drin sitzen, dann bin ich erschöpft“, berichtet er. Er müsse sich darin durchgehend selbst stabilisieren und immer wieder nach hinten drücken. An längere Wege oder echte Selbstständigkeit sei so kaum zu denken. Eine große Hürde im Alltag seien zudem die Treppen am Haus, die er derzeit nur mit einem „wackeligen Treppensteiger“ überwinden könne. Problem: Aufgrund des Gewichts und der schwierigen Handhabung könne dieser von seiner Frau nicht sicher bedient werden.
Durch Zufall habe er eine Werbeanzeige auf Facebook gesehen, die ihm Hoffnung machte: „Ich sah dort ein Werbevideo für einen Elektrorollstuhl, mit dem man selbstständig Treppen und andere Hindernisse meistern, mehrere Kilometer weit zurücklegen und in Geschäften sogar hochfahren kann. Damit könnte ich wieder in den Supermarkt, zum Bäcker oder auch zu Freunden fahren. Ich könnte sogar die Haustreppen hinabfahren, um in den Garten zu gelangen“, sagt Mathias Schneider. Der Rollstuhl selbst fahre auf zwei großen Rädern und werde per Joystick gesteuert. Für Treppen und andere Hindernisse kommen eingebaute Raupen zum Einsatz. „Die Raupe ist an der Unterseite des Scewo Bro (so die Bezeichnung des Elektrorollstuhls) angebracht und wird bei Bedarf über die Steuerung heruntergefahren.“
Auch interessant
Davon konnte er sich während einer Probefahrt bereits überzeugen. „Der Außendienstmitarbeiter hat ein Beweisvideo für die Krankenkasse gemacht, um einen Nachweis zu haben, dass ich ihn allein bedienen kann“, sagt er. „Denn genau darum geht es bei der Beantragung der Kostenübernahme: dass ich es selbstständig kann.“
Doch genau dort liege auch die nächste Hürde. „Man sagte mir von der Firma, dass man den Antrag auf einen solchen Elektrorollstuhl wahrscheinlich ablehnen werde, wenn ich nicht auch selbstständig die Tür öffnen und schließen kann.“ Dafür seien laut Schneider umfangreiche Umbaumaßnahmen nötig, die ihm ermöglichen, eigenständig und frei von Hilfe durch eine zweite Person, das Haus zu verlassen und auch wieder zu betreten.
Die Kosten für den Umbau müsse die Familie jedoch selbst tragen. „Mindestens bei 17.900 Euro – ohne Inbetriebnahme“, heißt es in einer Spendenaktion, die zwei ehemalige Kollegen von Schneider ins Leben riefen. „Ich musste ihn mehrere Wochen hierzu überreden, da er nicht als Bittsteller dastehen wollte. Er sagte immer, dass es anderen Menschen noch schlechter ginge als ihm“, berichtet Andree Habig, der gemeinsam mit Tim Solbach die Aktion auf Gofundme (www.gofundme.com/f/wir-brauchen-eure-hilfe-fur-eine-barrierefreie-haustur) eröffnete. „Mathias ist jemand, der sich immer für andere stark gemacht hat und anderen Menschen hilft. Nun möchten wir ihn unterstützen.“

Habig war früher Betriebsleiter bei Krantechnik Vetter in Haiger und damit Schneiders Vorgesetzter. Durch Bekannte erfuhr er, dass es Schneider nicht gut ging. Ein WhatsApp-Status des ehemaligen Kollegen machte sein Schicksal für Habig noch deutlicher. „Ich war erschüttert, welche Hürden und Rückschläge es für Mathias gab“, erzählt Habig. Besonders bewegt habe ihn, wie sehr Schneider sich über die Perspektive auf den Elektrorollstuhl gefreut habe – und wie niedergeschlagen er gewesen sei, als klar wurde, dass zunächst der teure Umbau der Haustür finanziert werden muss. Habig hoffe, dass durch die Aktion wieder mehr Freude in Schneiders Leben kehre.
Auch interessant
Schneider selbst zeigt sich überwältigt und dankbar durch die viele Unterstützung, die er durch die Aktion erhält. Doch bleibe neben der Selbstständigkeit ein weiterer großer Wunsch: eine Zahnarztbehandlung. Aufgrund der hohen Cortisoneinnahme seien seine Zähne einschließlich der Brücke abgebrochen. „Aufgrund der Keime, die teilweise auch im Mund und Rachen nachgewiesen wurden, lehnen viele Zahnärzte eine Behandlung ab. Lediglich die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in Siegen würde mich im Notfall behandeln, falls sich eine Stelle entzündet.“ Eine Versorgung mit Zahnersatz jedoch sei nicht möglich. „Dass man unter diesen Umständen nicht nur mit dem Aussehen kämpfen muss, sondern sich auch nicht mehr ausgewogen ernähren kann, belastet mich sehr. Vielleicht findet sich ja doch ein Zahnarzt, der bereit ist, eine Behandlung durchzuführen.“




