Jahrhunderte lang musste jeder, der über Wetter in Richtung Bergisches Land und Niederrhein wollte oder von dort kam, die sogenannte „untere Fähre“ über die Ruhr nach Oberwengern beziehungsweise Wetter-Dorf benutzen. Eine Brücke – die Overwegbrücke – gibt es hier erst seit 1899. Vor etwas mehr als 200 Jahren wurde die Fähre auch immer wieder von fahnenflüchtigen Soldaten aus der Grafschaft Mark benutzt, die aus der Kaserne in Düsseldorf desertiert waren und zurück in ihre Heimat wollten. Das geht aus einem Schreiben vom 11. Dezember 1808 des Rittmeisters der Gendarmerie in der Grafschaft Mark, Friedrich von Krane, an den Magistrat der Stadt Wetter hervor. Es hat sich im Stadtarchiv Wetter erhalten.
Darin wurde der Magistrat ersucht, den Pächter der Fähre zu befragen, wie viele Deserteure an welchen Tagen mit der Fähre die Ruhr passiert hatten sowie, ob sie Uniform getragen und Waffen bei sich gehabt hatten. Gleichzeitig trug der Rittmeister dem Magistrat auf, an der Fähre einen Posten zu stationieren, um ein zukünftiges Passieren der Ruhr von Deserteuren zu verhindern. Der Bericht des Magistrats über die tatsächliche Befragung des Pächters der Fähre ist leider nicht erhalten.
Widerstand und Desertion
Bei den Deserteuren handelte es sich um Soldaten der großherzoglich-bergischen Armee. Seit dem Frühjahr 1808 gehörte die Grafschaft Mark nämlich zu diesem zwei Jahre zuvor von Napoleon als Satellitenstaat Frankreichs neu geschaffenen Großherzogtum Berg. Hier galt wie in Frankreich die allgemeine Wehrpflicht für alle jungen Männer im Alter von 20 bis 25 Jahren. Doch die wollten nicht für den fremden französischen Landesherrn in den Krieg ziehen. Ebenfalls seit dem Frühjahr 1808 hatte nämlich Napoleon die Regentschaft des Großherzogtums übernommen. Vor allem in der ehemals preußischen Grafschaft Mark gab es starken Widerstand gegen den allgemeinen Wehrdienst, denn den kannte man hier wie in ganz Preußen bisher nicht.
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Prompt brachen in dieser Region bereits bei der ersten Rekrutenaushebung nur zwei Monate nach der Eingliederung der Grafschaft Mark in das Großherzogtum im Juni 1808 Tumulte aus. In Lüdenscheid kam es dabei zu derart schweren Ausschreitungen, dass die großherzoglich-bergische Regierung in Düsseldorf die Aussetzung der Musterungen anordnete. Sie konnten erst Ende September 1808 wieder aufgenommen werden. Im Kanton Hagen, zu dem auch Wetter gehörte, fand die erste großherzoglich-bergische Musterung am 3. Oktober 1808 in der lutherischen Gemeindekirche am Hagener Markt statt.
Es waren dann auch die Rekruten aus der Grafschaft Mark, deren Bewohner überhaupt als besonders preußenanhänglich galten, die massenweise desertierten. Bereits im Dezember 1808, nur etwas mehr als zwei Monate nach der ersten Rekrutenaushebung, wurden 40 aus der Mark stammende Deserteure steckbrieflich gesucht. Zu Beginn dieses Monats hatte der Magistrat in Wetter zudem die Steckbriefe von sechs aus dem Kreis Wetter stammenden Deserteuren zugesandt bekommen, von denen fünf schon im Oktober desertiert waren. Der sechste folgte ihnen am 4. November. Andere Wehrpflichtige traten erst gar nicht zur Musterung an (sogenannte Refraktäre). Die Gendarmerie war daher zunehmend hauptsächlich mit dem Aufspüren von Deserteuren und Refraktären befasst.
Zweifacher Deserteur
Zu den 1809 gemusterten und für tauglich befundenen Rekruten gehörten auch die Brüder Conrad Johann Wilhelm und Johann Carl Quambusch aus Wetter. Während Johann Carl zum aktiven Dienst antreten musste, wurde sein Bruder der Reserve zugeteilt. Der eingezogene Bruder desertierte jedoch bereits kurz nach seinem Dienstantritt. Gemäß den Rekrutierungs-Bestimmungen wurde daraufhin sein Bruder Johann Wilhelm von der Rekrutierungsbehörde aufgefordert, an Stelle seines entsprungenen Bruders den Wehrdienst anzutreten. Doch der wollte ebenfalls nicht für Napoleon in den Krieg ziehen. Er leistete der Aufforderung der Rekrutierungsbehörde daher keine Folge und tauchte unter. Daraufhin wurde er mit Haftbefehl gesucht.
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Einige Tage blieb er in seinem Versteck, doch schließlich stellte er sich. Der fahnenflüchtige Johann Carl Quambusch ging schließlich Anfang August 1812 der Gendarmerie ins Netz und wurde am 11. August zur Kaserne in Düsseldorf zurückgebracht. Nur vier Tage später desertierte er jedoch erneut. Wie eine im NRW-Landesarchiv in Duisburg aufbewahrte Liste der im August 1812 desertierten großherzoglich-bergischen Soldaten ausweist, hatte er die Flucht zusammen mit einem Jürgen Schulte, genannt Stuckmann, aus Volmarstein unternommen. Auch Schulte war zuvor schon einmal desertiert.
Neue Wehrpflicht
Der von dem Major und Kommandanten der Kaserne in Düsseldorf ausgestellte Steckbrief des J. C. Quambusch befindet sich heute ebenfalls im NRW-Landesarchiv. Den darin gemachten Angaben zu seiner äußeren Erscheinung zufolge war er fünf Fuß und zwei Zoll groß (etwa 1,68 Meter), hatte ein längliches Gesicht, eine gewölbte Stirn, eine dicke Nase, einen mittelgroßen Mund, ein rundes Kinn, blaue Augen und blonde Haare. Vermerkt ist auch, dass er von Beruf Schreiner war. Mit Fahnenflucht in großem Umfang hatte die großherzoglich-bergische Armee vom Anfang bis zum Ende des Großherzogtums zu kämpfen, auch weil infolge der ständigen Kriege Napoleons die Rekrutierung immer radikalere Formen annahm.
Die Wehrpflichtigen in Wetter und auch andernorts in der Grafschaft Mark dürften daher erleichtert gewesen sein, als Anfang November 1813 das Großherzogtum Berg von den Truppen der verbündeten Mächte Preußen, Österreich und Russland besetzt wurde und die Grafschaft Mark an Preußen zurückfiel. Doch ihre Freude dürfte nicht lange gewährt haben. Auch in Preußen war zwischenzeitlich nämlich die allgemeine Wehrpflicht eingeführt worden. Wetteraner haben daher auch in der Folgezeit Wehr- und Kriegsdienst leisten müssen, nunmehr für ihren neuen alten Landesherrn.


