Im März war plötzlich Schluss: Vor etwas mehr als einem halben Jahr hat die Stadt Hagen das Männerasyl in der Tuchmacherstraße aufgrund baulicher Mängel und Brandschutzauflagen geschlossen. Die „Tuche“ war Anlaufstelle für Wohnungslose, bot ihnen ein Dach über dem Kopf. Aber auch eine echte Perspektive auf einen Neuanfang: In einer Wohnetage konnten jeweils zehn Männer dort bei einem Training lernen, wieder auf eigenen Beinen zu stehen – und darauf vorbereitet werden, ein eigenes Zuhause anzumieten.
Jetzt gibt es zum ersten Mal eine echte Perspektive. Als Zwischenlösung hatte die Stadt die Menschen zwar im ehemaligen Baumarkt Max Bahr an der Eckeseyer Straße untergebracht. Doch es war von vornherein klar, dass es sich – allein aufgrund der dezentralen Lage – dabei höchstens um eine Übergangslösung handeln kann. „Diese Zwischenlösung hat uns sehr geholfen, ist aber dauerhaft allein aufgrund der Größe und der geplanten Nachnutzung ungeeignet“, betont Dezernentin Martina Soddemann.
Wir haben nicht ohne Ende Immobilien, die infrage kommen – oder nur solche, die für ein Vermögen hergerichtet werden müssten. Wir können uns vor der Realität verschließen, aber es bringt nichts: Wir müssen die Menschen dort abholen, wo sie unterwegs sind.
Dennis Rehbein, Oberbürgermeister
Daher möchte die Stadt jetzt ein Hotel an der Hugo-Preuß-Straße in der Nähe des Hauptbahnhofs erwerben. Das Gebäude habe als Hotelbetrieb alle erforderlichen Voraussetzungen für die Unterbringung von Personen, erklärt die Stadt dazu in einer Vorlage, die nun in der Politik beraten wird. Die Eigentümer seien selbst auf die Stadt zugekommen und hätten einen Verkauf angeboten. Auf Nachfrage der Redaktion wollten sich die Eigentümer im Moment dazu noch nicht äußern.
Unterbringung von mehr als 60 Personen möglich
Aus Sicht der Stadt wäre das Gebäude optimal, vor allem durch die schon vorhandene Aufteilung in Einzel-/Doppelzimmer sowie eigene Badezimmer und die zentrale Lage. So könnten künftig „inklusive der im Gebäude vorhandenen drei Wohnungen bis zu 62 Personen untergebracht werden. Die vorhandenen Zimmer werden je nach Größe und Ausstattung mit ein oder zwei Personen belegt. Aufgrund der Unterbringungsform in Einzel-/Doppelzimmern verbessert sich die Betreuung der untergebrachten Personen erheblich“, so die Argumente der Stadt. Auch dort könnten künftig Trainingswohnungen eingerichtet werden, in denen die Menschen wieder lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Dass die Obdachlosen in das Gebäude an der Tuchmacherstraße zurückkehren können, hält man im Rathaus hingegen für ausgeschlossen. Aufgrund „fehlender Investitionen“ bestehe „ein erheblicher Sanierungsbedarf auf allen Etagen bzw. in allen sanitären Anlagen“. Hinzu kommen „erhebliche brandschutzrechtliche Missstände“, nicht genügend Platz, um alle Personen dort zu versorgen (die Tuche war ausgerichtet auf 39 Personen, zuletzt lebten dort 60 – Tendenz steigend). Eine Sanierung sei vor diesem Hintergrund kaum ausreichend, um künftig dort vernünftig arbeiten zu können.
Kritik von zwei Parteien
Kritik an den Plänen gab es von den Bürgern für Hohenlimburg und dem Hagener Aktivistenkreis (HAK). „Wir haben ehrliche Bedenken, ob die Unterkunft dort gut aufgehoben ist. Der Bereich soll ja aufgewertet werden – Stichwort ,Hagen-Pakt‘“, befand etwa Frank Schmidt (BfHo) und warb für eine dezentralere Lösung.
Im Haupt- und Finanzausschuss stimmte jedoch eine beträchtliche Mehrheit für den Ankauf des Hotels. „Etwas Besseres kann uns doch gar nicht passieren. Im Bahnhofsviertel herrscht hoher Kontrolldruck, die Unterkunft wäre sehr zentral, viele Beratungsangebote in der Nähe“, so Anja Engelhardt (SPD). Und auch Oberbürgermeister Dennis Rehbein (CDU) warb für den Vorschlag: „Wir haben nicht ohne Ende Immobilien, die infrage kommen – oder nur solche, die für ein Vermögen hergerichtet werden müssten. Wir können uns vor der Realität verschließen, aber es bringt nichts: Wir müssen die Menschen dort abholen, wo sie unterwegs sind. Und der Bahnhofsbereich wird immer ein Bereich sein, wo diese Menschen sich aufhalten werden.“
Die Idee wird nun zunächst in weiteren Gremien beraten, bevor eine finale Entscheidung im Rat (Anfang Oktober) fällt.
1965 eröffnet die „Tuche“
Die Einrichtung mit der Postadresse Tuchmacherstraße 2 hat eine lange Tradition. Das Gebäude hatte die Stadt Hagen im Jahr 1932 ursprünglich als Jugendherberge errichtet. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde das mehrstöckige Haus als Heim der Hitlerjugend genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war in der „Tuche“ zunächst ein Jugendheim untergebracht. Das städtische Männerasyl wurde dann 1965 in dem Gebäude eingerichtet.




