Kurz nach acht Uhr morgens liegt ein feiner Nieselregen über der Augustastraße. Auf dem nassen Asphalt schimmern die Piktogramme, die einst ein Fahrrad-Symbol zeigten – heute sind viele Konturen verblasst, an manchen Stellen bröckelt die Farbe ab. Ein Radfahrer schiebt sich vorsichtig zwischen zwei parkenden Autos hindurch, dahinter wartet bereits der nächste. Am Straßenrand stehen die Wagen dicht, manche halb auf dem Gehweg, andere fast schon in zweiter Reihe.
Ein Kombi setzt zum Überholen an. Der Abstand zum Rad wirkt knapp, kaum breiter als eine Armlänge. An der Einmündung Bergischer Ring steht das blaue Schild mit dem weißen Fahrrad – amtlich, unübersehbar, eindeutig. Direkt am City-Ring beginnt eine Fahrradstraße – sie endet an der Minervastraße. Ein zweites Schild darunter erlaubt Autos die Einfahrt, sofern sie Ziel oder Herkunft in der Straße haben – also klassische Anlieger sind.
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Am 9. Oktober 2023 wurde die Augustastraße in Wehringhausen als erste Fahrradstraße Hagens freigegeben. Sie sollte den Radverkehr zwischen Innenstadt und den westlichen Stadtteilen stärken. Rund 280.000 Euro investierte die Stadt in das Projekt. Ein Großteil davon floss in den überschaubaren Umbau zwischen Bergischem Ring und Södingstraße. Auf der übrigen Strecke blieb es bei Schildern, Markierungen und den Piktogrammen, die vielerorts längst verwittert sind oder nachgebessert werden mussten. Fast drei Jahre später ist die Augustastraße noch immer die einzige Fahrradstraße der Stadt.
Besondere Regeln sichern Schutz
Eigentlich soll hier das Fahrrad das Tempo vorgeben. Polizeisprecher Carlos Reilard beschreibt die Regeln so: „Die Fahrradstraße stellt den Radverkehr und die E-Scooter-Fahrer unter besonderen Schutz. Es gilt nicht bloß das Tempo-30-Limit, sondern auch der Mindest-Überholabstand von 1,50 Metern. Außerdem dürfen Radfahrer hier sogar nebeneinander fahren.“

Auf der Straße selbst sieht der Vormittag anders aus. Ein Lieferwagen hält kurz mit laufendem Motor, ein Autofahrer biegt zügig aus einer Seitenstraße ein, ohne den Blick auf ein herannahendes Rad zu richten. An einer Pflanzinsel verengt sich die Fahrbahn, ein wartendes Auto lässt kaum Platz für die Vorbeifahrt. Ein Entgegenkommender gibt richtig Gas, um den Radfahrenden nicht abwarten zu müssen. „Auch hier bestehen Gefahren durch das Ein- und Aussteigen, unachtsames Losfahren sowie die Unterschreitung des Mindestabstands beim Überholen“, skizziert Reilard die klassischen Risiken für Zweiradnutzer.
Ein Blick in die Statistik
Im Streifenwagen, der gelegentlich langsam durch die Straße rollt, sitzen Beamte, die genau auf solche Situationen achten. „Die Verkehrssicherheitsarbeit orientiert sich am Unfalllagebild. Die Augustastraße gilt als dahingehend unauffällig und nicht besonders risikobehaftet“, erklärt Reilard. „Dennoch sind hier regelmäßig Streifen unterwegs, um Verstöße zu ahnden. Außerdem möchten wir die Verkehrsteilnehmer sensibilisieren und zu einem Umdenken bewegen.“

Die Fahrradstraße stellt den Radverkehr und die E‑Scooter-Fahrer unter besonderen Schutz. Es gilt nicht bloß das Tempo-30-Limit, sondern auch der Mindest-Überholabstand von 1,50 Metern. Außerdem dürfen Radfahrer hier sogar nebeneinander fahren.
Carlos Reilard (POK), Sprecher der Polizei Hagen
Auf dem Papier also eine unauffällige Straße. Auf dem Asphalt: enges Nebeneinander von Auto und Rad, Sekunden, in denen sich Wege kreuzen, kurze Bremsmanöver, ein gelegentliches Hupen. Zwischen statistischer Unauffälligkeit und subjektiver Sicherheit besteht eben ein Unterschied. Knappes Überholen, dichtes Auffahren oder plötzlich geöffnete Autotüren müssen nicht zwangsläufig in der Unfallstatistik enden.
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Änderung zur Vorfahrtsstraße
Früher war die Augustastraße eine gewöhnliche Wohnstraße mit Rechts-vor-links-Regelung. Dennoch nutzten Autofahrende sie zur Stoßzeit als Abkürzung, um dem stockenden Verkehr auf der Wehringhauser Straße zu entgehen.
Mit der Umwidmung zur Fahrradstraße wurde die Strecke zugleich zur Vorfahrtsstraße. Radfahrende profitieren von einer gleichmäßigeren Fahrt ohne ständiges Abbremsen an Kreuzungen. Autos rollen inzwischen ebenso ohne Unterbrechung durch – mal im Schritttempo hinter einem Radfahrer, oft deutlich zügiger, während am Straßenrand ein Kinderwagen vorbeigeschoben wird und ein Nachbar seine Mülltonne zurückstellt.

An der Einmündung Bachstraße stehen heute wieder umklappbare Pfosten. 2024 hatte die Stadt hier einen sogenannten modalen Filter getestet: Poller, die Autos aussperren, während Fahrräder ungehindert passieren. Ein Autofahrer bremst vor der Sperre ab, wendet, fährt zurück in Richtung Minervastraße. Ein Radfahrer trampelt derweil mühelos vorbei – so soll es sein. Am westlichen Ende der Fahrradstraße ist die Beschilderung unmissverständlich: Nur Anlieger sind noch willkommen. Dennoch rollen ungezählte Autos ungeniert durch. Kaum anzunehmen, dass sie alle der einsamen Großmutter das Essen vorbeibringen.
Wo der Weg endet
An der Kreuzung zum Bergischen Ring verändert sich das Bild schlagartig. Die ruhige Fahrradstraße mündet in eine breitere, stärker befahrene Verbindung. Wer die Augustastraße in Richtung Innenstadt verlässt, bewegt sich rasch wieder im gewohnten Hagener Straßenbild: Radwege, die abrupt enden, Kreuzungen ohne klare Führung, Straßenzüge, auf denen sich Rad und Auto den Raum teilen müssen. Die Fahrradstraße selbst bleibt ein wenige hundert Meter langes Stück, ein Übergang, kein durchgängiger Weg – eher eine fahrradpolitische Insel.





