Als Theaterstück für Jugendliche machte Jens Raschkes „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ Furore. Aus der Perspektive von Zootieren werden die Schrecken des NS-Terrors verhandelt. Nun wagt Dortmund das Stück als neue Oper für Menschen ab 12. Wie kann das gehen? Ein Gespräch mit Daniel C. Schindler. Der Chefdramaturg der Oper Dortmund hat die die Textfassung erstellt.

Ihre Jugendoper über den Holocaust kommt mit sprechenden Tieren als Fabel daher, aber ein Zoo gleich gegenüber vom KZ, das ist gar keine Erfindung …

Schindler: Tatsächlich lag der Tierpark von Buchenwald direkt gegenüber dem Krematorium des Konzentrationslagers. Eine Art Naherholungsziel, auch für Aufseher des KZs und ihre Kinder.

„Was das Nashorn sah“ erzählt das Grauen unter den Menschen dieser Zeit aus der Perspektive von Zoobewohnern. Die Menschen mit der KZ-Kleidung nennen die Tiere „die Gestreiften“, als seien es Zebras …

Das Stück zeigt die Wahrnehmung durch Tiere noch unbedarfter als sie es bei Kindern wäre. Sie entstammen zwar einer Welt, in der „fressen und gefressen werden“ archaischer Alltag ist, aber diese systematischen Mechanismen der Massenvernichtung sind für sie nahezu unerklärlich. Und sie reagieren verschieden: Der Pavian schaut weg, aus der Angst, zu Handschuhen verarbeitet zu werden. Der Bär begehrt auf …

Oper Dortmund mit Uraufführung „Was das Nashorn sah...“

Sie haben Jens Raschkes preisgekröntes Stück eingerichtet für eine Oper. Haben Sie im Theater Dortmund diskutiert, ob man diesen „tierischen“ Blick auf den Nazi-Terror in Form von Erniedrigung, Kopfschüssen, Leichen und all dem Zwölfjährigen schon zumuten kann?

Wir waren eher überrascht, dass unsere Zielgruppe aus der Schule heute nicht unbedingt das Wissen über die Gräuel des Nationalsozialismus mitbringt. Das war bei mir, Abi-Jahrgang 2002, noch anders. Eine Diskussion über die Zumutbarkeit gab es tatsächlich nicht. Der Autor Jens Raschke sagt selbst einen wichtigen Satz: Es ist kein Stück über Buchenwald. Es ist ein Stück über die Frage: Pavian oder Bär.

Was meint er damit?

Die nicht an eine Zeit gebundenen Möglichkeiten, wie man sich gegenüber Unrecht und Erniedrigung oder Mobbing verhält: wegschauen - oder reagieren. Davon wird auf sehr dichte, sehr poetische Weise erzählt.

 Daniel C. Schindler ist Chefdramaturg der Oper Dortmund und hat die Textfassung erstellt.
 Daniel C. Schindler ist Chefdramaturg der Oper Dortmund und hat die Textfassung erstellt.

Aber Sie legen die Latte noch höher, es wird bei Ihnen ab Montag zur Oper – und sicher kein Rolf-Zuckowski-Singsang …

Natürlich sinkt der Anspruch damit nicht, aber wir haben mit Edzard Locher einen Komponisten, der seine Musik an das junge Publikum richtet: Es setzt das Schlagwerk von Pauke bis Marimba in ganz vielen Facetten ein. Dieser großartige Text von Raschke ist wie ein Gedicht, unsere Musik begegnet ihm mit spannenden Mitteln. Sie wird für Jugendliche nicht völlig fremd sein, dass kann ich versprechen.

„Was das Nashorn sah , als es auf die andere Seite des Zauns schaute“. Ab 12. Ab 10. November im Operntreff (Hauptgebäude Oper Dortmund). Karten für Schüler 7, für Erwachsene 13€. Viele weitere Aufführungen bis Ende der Spielzeit. Alle Termine und Infos auf www.theaterdo.de