Zugausfälle, Umleitungen, Verspätungen: Die Bahnstrecke Köln–Wuppertal–Hagen ist nach der Generalsanierung nur eingeschränkt nutzbar. Statt der erhofften freien Fahrt auf quasi neu gemachter Strecke müssen die Reisenden nun erleben: Zwei von drei Regionalexpresslinien fallen in Wuppertal aus, die Regionalzüge nach Köln fahren nur stündlich statt halbstündlich. Und Verspätungen sind an der Tagesordnung. Wann die Route regulär nutzbar ist, hat die Bahn noch nicht mitgeteilt.

Bahn-Generalsanierung: Kritik auch vom Bundesverkehrsministerium

Am Freitagmittag hatte sich die Bahn noch für eine pünktlich beendete Generalsanierung mit einem Festakt in Leverkusen feiern lassen. Als um 21 Uhr der Verkehr aufgenommen wurde, wurden die vorzeitig gehaltenen Sonntagsreden zur Makulatur. Landesverkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) teilte mit, hätte er diesen Zustand geahnt, wäre er nicht zum Festakt erschienen. „Das ist das, was der Bahn seit langem schiefläuft: Man macht eine Kommunikation, die nicht dem entspricht, was ist“, sagte er dem WDR. Auch vom Bundesverkehrsministerium gab es einen Rüffel.: „Die DB InfraGO AG wurde von uns bereits sehr klar und deutlich aufgefordert, künftig frühzeitiger und transparent bei Planabweichungen zu unterrichten“, sagte eine Sprecherin des Bundesverkehrsministeriums der Funke-Mediengruppe.

Zwei Hauptgründe gibt es, dass die Deutsche Bahn und insbesondere die für Trassen zuständige Tochter DB InfraGO auch diese Chance hin zu einem besseren Image gründlich in den Sand, besser gesagt: in den Schotter gesetzt hat. Der erste: Wird eine Bahnstrecke grundsaniert, also Schienen, Schwellen und Schotter ausgetauscht, muss sich dieser so genannte Oberbau erst festgefahren werden. Das geschieht durch so genannte Belastungsfahrten.

Diese hat man vor Wiedereröffnung nicht hinbekommen. Erst am Montagnachmittag teilte die Bahn mit, dass die Strecke jetzt quasi im laufenden Betrieb eingefahren wurde und nunmehr mit planmäßiger Geschwindigkeit gefahren werden kann. Zuvor war auf weiten Teilen der neuen Trasse Tempo 70 (statt bis zu 160 km/h) angesagt. Die Züge sammelten auf der sanierten Strecke rund 20 Minuten Verspätung ein.

Zugverkehr gestört: Tempolimit und Brückenschaden führen zu Verspätungen

Als weit langwieriger könnte sich ein Schaden in Opladen entpuppen. Hier, ungefähr 20 Kilometer nördlich von Köln, ist eine Brücke der angeblich frisch sanierten Strecke defekt, das Gleis von Wuppertal nach Köln kann nicht genutzt werden. Die Züge müssen sich in beide Richtungen über rund fünf Kilometer ein Gleis teilen. Verspätungen und Ausfälle sind die Folge. Um das ein wenig in Griff zu halten, fährt d Regionalexpress RE7, der eigentlich Hagen und Wuppertal mit Köln verbindet, vorerst über Düsseldorf zum Endbahnhof Krefeld. Nach Bahnangaben ist die betroffene Brücke zuletzt 2025 inspiziert worden. Jetzt entdeckte ein Prüfer offenbar zeitgleich zum Festakt so gravierende Mängel, dass die Brücke vorerst gesperrt wurde.

Auch interessant

Ob die Brücke komplett ersetzt werden muss oder zumindest mit verminderter Geschwindigkeit wieder genutzt werden kann, müssen jetzt Prüfingenieure ermitteln. Eine defekte Brücke kann lange zum Hindernis werden: Auf der Strecke Duisburg–Düsseldorf müssen die Züge auf zwei der vier Gleise seit mittlerweile 15 Monaten auf 30 km/h runterbremsen, wegen Brückenschäden. Bislang ist noch nicht einmal ein Termin für eine Reparatur in Sicht.

Am Freitagmorgen indes hatte die Bahn sich für eine angeblich gelungene Sanierung noch auf die Schulter geklopft beziehungsweise klopfen lassen. Stolz darauf, dass in NRW gelungen war, was in Bayern nicht geklappt hatte: Bei der zeitgleich laufenden Korridorsanierung zwischen Nürnberg und Würzburg, die ebenfalls am Sonntag enden soll, fahren für mindestens drei weitere Wochen keine Züge.

Leverkusen - Generalsanierung der Bahnstrecke Kölm/Düsseldorf/Wuppertal-Hagen
Freitagmittag ließ die Bahn sich noch feiern zur Beendigung der Generalsanierung der Bahnstrecke Köln- Wuppertal - Hagen.© FUNKE Foto Services | Lars Heidrich

In Leverkusen zog man am Morgen nur ein positives Fazit, kein Wort zur nicht eingefahrenen Strecke: Philipp Nagl, Vorstandsvorsitzender der DB InfraGO betonte: „Es war ein Kraftakt, aber wir haben es geschafft.“ Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) ließ per Video verlauten: „Das Ergebnis sind erste Maßnahmen für attraktive, leistungsfähige und ganzheitlich modernisierte Bahnhöfe mit vielen neuen Gleisen, Weichen, Schallschutzwänden und noch vielem mehr. Darauf dürfen alle zurecht stolz sein.“ 81 Kilometer Gleis, 51 Weichen sowie über 21 Kilometer der Oberleitung wurden erneuert.

Da tröstet es wenig, dass am Ende der Bauarbeiten noch Geld über ist. Man werde mit weniger als den geplanten 800 Millionen Euro auskommen. Die Rede ist von einer Kostenunterschreitung von rund zehn Prozent. Vielleicht kann man ja noch in eine neue Brücke für Opladen investieren. Und für die fehlenden zehn Prozent der Schallschutzwände: Da hat man 3,6 von geplanten 4 Kilometern geschafft. Bei den Sanierungen der Stationen ist man auch noch mitten drin.

Was Bahnnutzer im Wuppertal noch weiter nerven dürfte: Bis zum 4. September mindestens wird an der Strecke noch weiter an Bahnsteigen und Schallschutzwänden gearbeitet. Die S-Bahnen der Linie 8 zwischen Düsseldorf-Gerresheim, Wuppertal und Hagen entfallen weiter, die Regiobahn S28 fährt nur bis Wuppertal-Vohwinkel statt bis zum Hauptbahnhof. Auch die Linie S9 von Essen stoppt bereits im Vorort, der RE49 fällt zwischen Essen und Wuppertal komplett aus. Immerhin, so ist zu hoffen, kennen sich die Ersatzbusfahrer mittlerweile nach 6,1 Millionen gefahrenen Kilometern in der Region aus.

Auch interessant

Das Versprechen, nach einer Generalsanierung sei eine Bahnstrecke zunächst mal für einige Jahre baustellenfrei rund um die Uhr nutzbar, es stimmt also nicht. Bei der Sanierung dieses Korridors wurden zudem die störanfälligen Stellwerke nicht erneuert. Das wichtige Stellwerk in Vohwinkel war jüngst für zwei Wochen defekt. Was Auswirkungen sogar bis an den Niederrhein hat, weil die störanfälligen Züge der Rhein-Ruhr-Bahn nicht zu ihrer Werkstatt in Mettmann kamen.

DB InfraGO-Chef Philip Nagel versucht zu beruhigen. Ja, die Stellwerke seien jetzt nicht saniert worden. Auch, weil es in NRW noch weit ältere gebe. So wird gerade bis 2028 von kurz vor Köln bis Ratingen entlang der Güterzugstrecke und auf der Linie S6 Richtung Ratingen Technik aus Kaisers Zeiten durch elektronische Stellwerke ersetzt. Da müssen die erst gut 50 Jahre alten Schätzchen entlang der Wupperschiene noch durchhalten. „In den 2030er Jahren gehen wir das an“, so Nagl. Was auch eine gute Nachricht sein kann. Denn der Einbau neuer Technik wird mit einer erneuten Sperrung einhergehen.

M. Kleinrensing WP Hagen Deutsche Bahn Verkehr
Bleiben ein gewohntes Bild zwischen Hagen, Wuppertal und Düsseldorf: Mindestens bis September sind Ersatzbusse im Einsatz, weil S-Bahnhöfe saniert werden.© WP | Michael Kleinrensing

Es bleibt also was zu tun nach der Generalsanierung. Eine Erfahrung, die man auch am Niederrhein gemacht hat. Nach der 80-Wochen-Sanierung der Betuwe-Linie Oberhausen – Emmerich ist es nicht gelungen, ein wichtiges Bahnhofsgleis in Wesel wiederherzustellen. Zahlreiche Verspätungen sind die Folge. Die Pünktlichkeitsquote der Bahnstrecke Hamburg–Berlin, wo sich die Generalsanierung um Monate verlängert hatte, ist auf sechs Prozent gesunken.

Bahnstrecke Köln-Bonn: Sanierung könnte wegen gesperrter Brücke verschoben werden

Kein Wunder, dass man die feierliche Wiedereröffnung nicht mit einer Eröffnungsfahrt auf die Probe stellen mochte, sondern schlicht in einem Festzelt am Rande der Strecke feierte. Landesverkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) formulierte dort vorsichtiger: „Das Ziel ist eine zuverlässigere Strecke. Daran muss weitergearbeitet werden: weniger Verspätungen, Störungen und Engpässe für eine Rückkehr zur Qualität, die die Fahrgäste zu Recht erwarten.“

Bahn Generalsanierung Wuppertal
InfraGO-Chef Philipp Nagl befürwortet die umstrittenen Generalsanierungen: „Mit Trippelschritten kommen wir nicht weiter!“© FUNKE Foto Services | Gerd Wallhorn


Auch die Bahn selbst dämpft Erwartungen: „In der ersten Phase der Inbetriebnahme nach einer Sanierung dieses Ausmaßes kann es anfänglich noch zu Anlaufschwierigkeiten kommen. Fachteams der DB InfraGO sind an der Strecke unterwegs, um etwaige einzelne Störungen schnellstmöglich zu beseitigen“, heißt es von Unternehmensseite. Gegen eine defekte Brücke sind diese allerdings auch machtlos. Was bei einer durchsanierten Strecke alles schiefgehen kann, hatte sich nach zweijähriger Zwangspause der S6 zwischen Düsseldorf und Essen gezeigt, wo sich Ausfälle und technische Defekte auch ein halbes Jahr nach Wiedereröffnung fast täglich in Defekten an Weichen, Signalen und Bahnübergängen zeigen..

Jetzt startet direkt die nächste Sanierung von Troisdorf bis Wiesbaden

Für die Bahn geht es im Süden NRWs weiter: Jetzt wird die rechtsrheinische Bahnstrecke von Troisdorf bis Wiesbaden saniert. Für den leidgeprüften Köln-Bonner-Raum eine weitere Arterienverstopfung kurz vor dem Verkehrsinfarkt. Immerhin, so bestätigte InfraGO-Chef Philipp Nagl unserer Zeitung, gibt es einen regen und engen Austausch zwischen dem Verkehrsministerium und Bahn, ob es nicht möglich ist, die für Anfang 2028 angedachte Sanierung der Strecke Köln-Bonn zu verschieben.

So lange, bis in zweieinhalb Jahren wenigstens behelfsmäßig die Bonner Nordbrücke befahren werden kann. „Wir müssen allerdings schauen, in welchem Zustand unsere Infrastruktur ist. Der Sanierungsdruck ist auch bei uns groß“, so Nagl. Für ihn sind die zunehmend umstrittenen Generalsanierungen weiterhin das Mittel der Wahl. „Der Zustand der Bahninfrastruktur ist so, dass wir da mit Trippelschritten nicht mehr vorwärtskommen“, betonte er. Wichtig wäre allerdings auch, nicht zu behaupten, man habe Ziele erreicht, während man de facto noch auf halber Strecke festhängt.