Die ersten heißen Tage des Jahres hängen Silke Behrendt und ihren Kolleginnen in den Altenheimen noch nach. Wenn draußen 30 Grad und mehr herrschen, staue sich in den Gebäuden die Hitze in einem für die oft hochbetagten Bewohner kaum erträglichen Maß.

„Die Gebäude sind früher oft hell und offen gebaut worden, die vielen Fenster begünstigen jetzt die Wärme, vor der wir unsere Bewohner kaum schützen können“, sagt Behrendt. In den Heimen greife man zu den einfachsten Mitteln: Pflegekräfte verteilten viel Wasser und kalte Handtücher, aus kleinen Flaschen werde kühlende Flüssigkeit in die Luft gesprüht.

Hitze in Deutschland
Abkühlung ist für Senioren wichtig.© Sebastian Kahnert/dpa | Sebastian Kahnert

Einfach mal die Klimaanlage im Zimmer eines Heimbewohners anzuschalten, das dürfte indes selten möglich sein – denn für solche technischen Anschaffungen oder gar umfangreiche Umbauten zum Hitzeschutz haben wohl die wenigsten Altenheime das nötige Geld.

Hoffnung aufs Sondervermögen

Betreiber der Freien Wohlfahrt, Gewerkschaften und Beschäftigte fordern Abhilfe und sehen das Land NRW in der Pflicht. Gemeinsam mit Sozialverbänden fordern sie das Gesundheitsministerium auf, Gelder aus dem Sondervermögen Infrastruktur der Bundesregierung freizumachen. Von den insgesamt 500 Milliarden Euro erhält NRW bis 2036 rund 21,1 Milliarden Euro. 8,4 Milliarden Euro will NRW für eigene Infrastruktur- und Klimaschutzprojekte ausgeben – die Pflege will davon etwas abhaben. Denn allein könnten die Betreiber die notwendigen Investitionen nicht stemmen.

Ich habe schon erlebt, dass Kolleginnen und Kollegen im Dienst kollabiert sind.

Silke Behrendt, Fachkommissionsvorsitzende Altenpflege bei Verdi NRW
Silke Behrendt, Fachkommissionsvorsitzende Altenpflege bei Verdi NRW

„Die Landesregierung muss jetzt handeln“, sagt Dagmar Acosta Navarro, Gewerkschaftssekretärin bei Verdi NRW, am Mittwoch vor Journalisten. Alte Menschen können der Hitze kaum entfliehen. Die Rede ist von einem alljährlichen Ausnahmezustand, in dem sich die Alteneinrichtungen in Hitzeperioden befänden.

Beschäftigte: „Wir stehen hintan“

Und das gelte auch für die Beschäftigten. „Ich habe schon erlebt, dass Kolleginnen und Kollegen im Dienst kollabiert sind“, sagt Silke Behrendt. „Mit der Hitze kommt viel Arbeit auf uns zu. Die Bewohner müssen viel trinken, sie wollen anders und mehr gewaschen werden.“ Nach einer Woche mit 30 Grad falle vielfach Personal aus. „Wir geben immer alles, aber viele Beschäftigte haben auch ihr Alter und sind bei diesen Temperaturen nicht mehr so belastbar. Wir stehen hintan.“

Der Investitionsbedarf in deutschen Pflegeheimen ist groß. Einer Studie des Beratungsunternehmens Curacon zufolge sind sechs von zehn dieser Häuser älter als 25 Jahre, vielfach sogar noch älter und entsprechend sanierungsbedürftig. Um sie alle energetisch auf Vordermann zu bringen, wäre Curacon zufolge eine Milliardensumme nötig.

125 Millionen Euro gefordert

In NRW wäre man schon mit 125 Millionen Euro zufrieden, um in den kommenden fünf Jahren die drängendsten Baustellen abzuarbeiten. Mit den Geldern sollen die Häuser nicht nur fit gegen Hitzeperioden gemacht werden, wie Marc Schué, Vorsitzender des Evangelischen Verbandes für Altenarbeit in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, erklärt. Nötig seien energetische Sanierungen, um die Gebäude nachhaltiger zu machen und langfristig Betriebskosten zu sparen. „Das kommt den Bewohnerinnen und Bewohnern und auch den Städten zugute.“

Zwar gibt es bereits gute Beispiele von Heimbetreiber, die Einrichtungen energetisch aufgerüstet haben. Das Potenzial ist laut Diakonie aber weiter enorm: Allein die Diakonie betreibt 450, alle Verbände der Freien Wohlfahrtspflege zusammengenommen betreiben 1350 Altenheime in NRW. Sie verursachen laut Diakonie RWL rund 450.000 Tonnen CO₂-Emissionen pro Jahr. Zum Vergleich: Das entspricht den Emissionen von Grönland.

Energetische Sanierungen müssen ein Must-have werden.

Marc Schué, Vorsitzender des Evangelischen Verbandes für Altenarbeit in der Diakonie RWL

Mit den Fördergeldern des Bundes wäre das Problem nicht vollends gelöst. Schué pocht auf eine Gesetzesänderung, damit Heimbetreiber nicht auf den Kosten einer Gebäudedämmung oder Solaranlage sitzen bleiben. Der Hintergrund dieses Vorstoßes ist etwas komplizierter.

Bewohner tragen Investitionskosten mit

Heimbewohner werden an Investitionen beteiligt. In NRW liegt der Anteil laut AOK-Institut derzeit bei im Schnitt 647 Euro im Monat. Welche Investitionen aber über diesen Betrag refinanziert werden, darüber entscheiden nicht die Heimbetreiber selbst. Sie verhandeln mit den Städten und Landschaftsverbänden, die wiederum Pflegebedürftige vor überhöhten Heimkosten schützen sollen.

Altenpflege im Seniorenheim
Wenn es heißer wird, sind Pflegekräfte stärker gefragt.© picture alliance / dpa | Patrick Pleul

Energetische Sanierungen müssen laut NRW-Altenpflegegesetz nicht zwangsläufig bezahlt werden. Das müsse geändert werden, sagt nun Schué: „Energetische Sanierungen müssen ein Must-have werden.“ Das zahle sich langfristig auch für die Bewohner aus, etwa wenn Betriebskosten sinken.

Landschaftsverband: Es fehlen Standarfs

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) betont, dass energetische Sanierungen innerhalb des gesetzlichen Mindeststandards (aktuell nach dem Gebäudeenergiegesetz) durchaus finanziert werden – teurere Maßnahmen müssten durch Förderungen gedeckt werden. Die Schwierigkeit: Es fehlt eine gesetzliche Pflicht zu einem bestimmten Standard. „Zwar müssen alle Immobilien bis 2045 klimaneutral sein, aber konkrete Vorgaben durch Gesetze gibt es im Moment nicht“, so der LWL.

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Gelder aus dem Sondervermögen stehen den Pflegeheimen wohl zunächst auch nicht zur Verfügung: Laut Verdi hat das NRW-Gesundheitsministerium den Vorstoß zunächst zurückgewiesen und auf die Städte verwiesen. Auch sie erhalten Mittel aus dem Sondervermögen des Bundes für Infrastrukturausgaben. Dass sie den Heimbetreibern davon etwas abgeben, glauben die Akteure nicht. „Die Altenpflege wäre aufs Betteln angewiesen“, ärgert sich Acosta Navarro. „Vielleicht gibt es Brotkrumen.“ Das Ministerium hat sich bislang nicht geäußert.