Seit August zieht ein außergewöhnlicher Fernsehsender in Australien zehntausende Zuschauer in seinen Bann: „Nest-flix“. Dieser 24-Stunden-Reality-TV-Sender, der während der Corona-Pandemie populär wurde, bietet Drama pur: Luftkämpfe, Affären, Geburten, Trennungen und sogar Erdbeben. Und das alles dank seiner Stars: einer Familie von Wanderfalken, die hoch oben auf einem Wolkenkratzer in Melbourne lebt.

Momentan fiebern die Fans einem wichtigen Ereignis entgegen: Die diesjährigen Küken, die Ende September geschlüpft sind, stehen kurz vor ihrem ersten Flug. Für die Zuschauer ist es pure Spannung, die kleinen Falken zu beobachten, wie sie auf dem schwindelerregenden 34. Stock hoch oben das Fliegen üben. Die Mutter hilft dabei auf ihre eigene Art: Sie fliegt mit gefangenen Tauben vorbei und lockt die Küken mit dem lockenden Ruf: „Wollt ihr fressen? Dann müsst ihr fliegen!“ – wie Dr. Victor Hurley, Gründer des Victorian Peregrine Project, es der „BBC“ erklärt.

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Falken-Webcam begeistert zehntausende Fans online

Hurley ist nicht nur Experte für Wanderfalken, er hat auch maßgeblich dazu beigetragen, dass dieses Drama überhaupt erst möglich wurde. 1991 entdeckte er das Nest der Falken in einer ungünstigen Metallrinne eines Bürogebäudes. „Regenrinnen im Winter in Melbourne – das konnte einfach nicht gut gehen“, erinnert er sich. Mit einem eigens angebrachten Nistkasten für die Vögel begann eine Erfolgsgeschichte: Schon im darauffolgenden Jahr schlüpfte der erste Falkennachwuchs. Und 2017 ging das Projekt schließlich mit einer Webcam auf YouTube live – der Beginn von „Nest-flix“.

Die Live-Berichterstattung über die gefiederten Bewohner faszinierte viele. Besonders während der Pandemie fand die Facebook-Fanseite der Falken regen Zulauf und zählt heute stolze 55.000 Mitglieder. „Die Gruppe ist eine dieser wundervollen Ecken im Internet, wo Menschen einfach gerne Vögel beobachten“, erzählt Kylie Humrick, eine der Moderatoren der Community der „BBC“. Es sei für viele wohltuend gewesen, dieser wilden und doch so nahen Tierwelt zuzusehen, und zu erfahren, dass Falken mittlerweile auch in Städten gut überleben können.

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Wanderfalken töten für ihr Revier in Melbourne

Aber nicht alles bei „Nest-flix“ ist ein Happy End. Selten kommen alle Küken heil durch ihr gefährliches erstes Jahr, und auch Rivalitäten zwischen den Falken sorgen regelmäßig für hochdramatische Szenen. 2023 zum Beispiel wurde das ansässige Falkenweibchen von einem Rivalen so schwer verletzt, dass sie nicht mehr für ihre Eier sorgen konnte. „Es war offensichtlich, dass es ihr nicht gut ging“, erzählt Dr. Hurley betroffen. Und auch in der Vergangenheit kam es schon zu dramatischen Kämpfen um das begehrte Revier in der Innenstadt von Melbourne. Ein weiblicher Falke sei in einem siebenstündigen Kampf getötet worden. Der Kampf war demnach so laut, dass die Hausverwaltung Dr. Hurley rief. „Das ist Teil ihres natürlichen Verhaltens. Wanderfalken leben territorial und töten andere Vögel, um zu überleben“, sagt Dr. Hurley. Da greift er lieber nicht ein – das sei auch nicht nötig.

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Die heutige Wanderfalkenpopulation in Australien hat sich seit dem Verbot umweltgefährdender Stoffe wie DDT in den 1980er-Jahren wieder erholt. Vielleicht ist genau diese Geschichte der Grund, warum die „Nest-flix“-Community so begeistert ist: „Man hört oft, wie Tiere kämpfen, und es ist schön zu sehen, dass einige wirklich gut zurechtkommen“, so Humrick. Nun warten alle auf das große Ereignis und die waghalsigen ersten Flugversuche der niedlichen Küken. Eine Zuschauerin schrieb bereits: „Bin bald in Melbourne und habe schon das Fernglas eingepackt, hoffentlich sehe ich sie!“

Es bleibt spannend, ob alle Küken ihren großen Sprung in die Welt gut überstehen. Aber egal, was die Zukunft bringt: Für die Fans bleibt „Nest-flix“ eine außergewöhnliche Geschichte über Stärke, Anpassungsfähigkeit und die Erhabenheit der Natur – mitten im Trubel einer Großstadt.