Dagobert zum Sechzigsten

Don Rosa: Ich will die Leute nur unterhalten – und nicht ihr Leben umkrempeln

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Dagobert wird Weihnachten 60. Carl Barks ist sein geistiger Vater. Don Rosa führt sein Erbe fort. Jürgen Overkott sprach mit dem wohl besten aktuellen Disney-Zeichner.

Wie feiert Dagobert seinen Sechzigsten?

DR: Keine Ahnung. Dagobert war ein Teil meiner Kindheit, und seit 20 Jahren ist Dagobert Teil meines Berufslebens. Er ist Held meiner Geschichten.

Träumen Sie von Dagobert, manchmal?

DR: Nein. Ich habe überhaupt keine Träume. Ich habe nur abstrakte Träume.

Dagobert gilt als böser alter Enterich. Mögen Sie diesen Typen?

DR: Nein. Deshalb habe ich seine Persönlichkeit in meinen Geschichten auch geändert. Meine Version, meine Lebensgeschichte von Dagobert, ist vielleicht nicht die offizielle. Nein, ich könnte das nicht ertragen, Geschichten zu schreiben über einen Typen, der ewig gierig ist. Mein Dagobert braucht das Geld als Symbol, seine Ziele erreicht zu haben.

Gierige Typen brauchen Geld, um sich etwas zu kaufen und um Macht zu haben. Dagobert behält es einfach. Er ist Sammler.

Dagobert liebt Wettkämpfe. Ja, in dieser Hinsicht ähnelt er mir schon.

Was sammeln Sie?

DR: Ups. Ja, in erster Linie Comics. Bücher. Filmmusik, Jazz-Platten. Filme. Zeitschriften. Spielzeug.

Also fast alles...

DR: Ja, das sammle ich.

Ich habe ein Foto von Ihnen gesehen, das Sie in einem Oldtimer zeigt...

DR: Ach ja, Oldtimer sammle ich natürlich auch. Ja, ich bin eben ein Sammler.

Lieben Sie die 40er Jahre?

DR: Die 40er? Nö, nicht mehr als andere Jahrzehnte. Hm, teilweise schon. Also, ich liebe schon vergangene Jahrzehnte, aber das sind dann die 30er, die 40er und die 50er Jahre.

Zurück zu Dagobert. Was fasziniert Sie an ihm?

DR: Wie ich ihn sehe? In meiner Geschichte („Dagobert – sein Leben, seine Milliarden“) sieht er zurück auf ein Leben voller Erfolge. Und das macht den Unterschied zu Donald Duck aus. Donald Duck ist der Jedermann. Er hat seine Schwächen, muss sich im Alltag durchschlagen. Dagobert ist das genaue Gegenteil. Er ist ein klassischer Held. Er hat viele gefährliche Situation überstanden, viele Abenteuer erlebt. Kurzum: Dagobert ist für mich der größte Held in der Literatur.

Gibt es eine Verbindung zwischen Dagobert und Indiana Jones?

DR: Oh ja! Aber Dagobert war zuerst da. Also, Indiana Jones von George Lucas und Steven Spielberg ist im Grunde eine Imitation von Dagobert.

Ein Dagobert in Menschengestalt.

DR: Nee, nee, Dagobert IST ein Mensch. Er sieht nur wie eine Ente aus. Als ich angefangen habe, diese Geschichten zu lesen, wusste ich von vorn herein: Hier handelt es sich um einen Menschen.

Bei Duffy Duck war das ganz anders. Duffy wurde von Entenjägern gehetzt – und von Bugs Bunny. Das war für mich ein Tier.

Aber bei Dagobert war anders. Der handelt doch wie ein Mensch!

Und deshalb behandle ich Dagobert in meinen Geschichten auch wie einen Menschen. Ich packe ihn die reale Welt.

Indiana Jones erlebt seine Abenteuer ja auch in der realen Welt, wenn auch in einer historischen Ausgabe.

Dagobert ist im Grunde ein Einwanderer. Er kommt von Schottland in die USA. Das ist sein erstes Abenteuer.

DR: In diesem Punkt sehe ich Dagobert genauso wie Carl Barks. Er hat ihn vor exakt 60 Jahren erfunden. Ich habe diese Geschichte ausgeschmückt, aber ich füge nichts hinzu, was nicht schon bei Barks gestanden hat.

Haben Sie jemals Carl Barks getroffen?

DR: Hm, es war vor zehn Jahren.

Worüber haben Sie sich unterhalten?

DR: Das Wetter, die Börse. Über die Ducks haben wir uns nicht unterhalten. Arbeit und Leben – das sind zwei verschiedene Welten. Als wir uns verabschiedet haben, habe ich ihm gesagt, wie sehr ich ihn bewundere, und er war sehr gerührt.

Wir beide zeichnen einfache Comic-Geschichten mit einem bescheidenen Anspruch: Wir wollen die Leute lediglich unterhalten. Wir hatten nicht die Absicht, mehr als Unterhaltung zu bieten. Aber wir sehen, dass unsere Leser – von Kindern bis zu Erwachsenen – in unsere Geschichten mehr Bedeutung hineinlegen, als wir es beabsichtigt hatten. Aber so ist nun mal das Leben.

Carl Barks und ich fühlen uns ein bisschen unwohl bei dem Gedanken, dass unsere Geschichten das Leben unserer Leser verändern können. Andererseits war es bei mir ja genauso: Carl Barks HAT mein Leben verändert.

Und das ist bei meinen Lesern auch so. Ich lese das öfter bei Internet-Diskussionen: Da gibt es Leute, die erzählen, dass sie sich über die Begeisterung für meine Comics kennengelernt und schließlich sogar geheiratet haben – oder dass sie wegen Dagobert Archäologen geworden sind.

Ja, wie gesagt, da fühle ich mich ein bisschen unwohl. Ich will die Leute nur unterhalten – und nicht ihr Leben umkrempeln.

Warum hat Sie Carl Barks so begeistert?

DR: Jeder liebt gute Geschichten. Carl Barks brauchte einen Job. Er hat erst für Zeitungen gezeichnet. Dann kamen die Bücher. Carl Barks war ein typischer Amerikaner. Er brauchte einen Job – und er hat sein Bestes gegeben. Und er wurde erfolgreich, weil er immer an sich selbst geglaubt hat. Außerdem hat Barks seine Leser ernstgenommen. Das ist genau der Grund, warum sich seine Geschichten von denen anderer Zeichner unterscheiden.

Brauchen Sie die Fantasie eines Kindes, um gute Geschichten zu entwickeln?

DR: Nein, nicht die eines Kindes.

Also einfach Fantasie.

DR: Genau. Ihre nächste Frage wird wahrscheinlich sein: Woher nehmen Sie Ihre Ideen? Ich kann es nicht sagen. Irgendein Teil meines Gehirns ist wohl dafür zuständig. Aber ich kann nicht sagen, welches. Die Ideen kommen mir einfach. Es ist allerdings nicht so, dass diese Ideen aus dem Nichts kommen. Oft ist es so, dass mich Bücher anregen – oder Fernsehshows. Ich nehme Anregungen auf, verwerfe sie, forme sie um, lasse Neues entstehen, und das ist gut so. Ich freue mich darüber, wenn sich daraus tolle neue Einfälle entstehen.

Nehmen wir Indiana Jones. Im Grunde bezieht sich der Stoff auf Filme aus den 30ern. Aber der Maßstab hat sich verändert. Alles wurde größer.

Mir kommen Ihre Zeichnungen oft filmisch vor. Welche Rolle spielen Filme für Sie?

DR: Gut, ich habe als Kind viele Zeichentrickfilme gesehen. Ich habe schon als Kind angefangen, meine eigenen Comics zu zeichnen. Ich erinnere mich, dass ich schon damals, die Geschichten nicht als reine Comics angelegt habe. Sie waren damals schon eine Kombination aus Film und Comic. Um ehrlich zu sein: Ich habe noch nie darüber nachgedacht. Aber wo Sie das sagen: Ich glaube, dass viele Comic-Zeichner ein filmisches Verständnis ihrer Arbeit haben.

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