Kulturhauptstadt

Autobahn 42 soll zur Prachtstraße werden

Foto: Bodo GOEKE

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Ruhrgebiet. Zum Kulturhauptstadt-Jahr 2010 wollen Landschaftsarchitekten aus der Autobahn 42 zwischen Dortmund und Kamp-Lintfort eine Prachtstraße machen. Die WR fuhr die Strecke ab, bevor ab Montag der Umbau beginnt. Eine Zustandsbeschreibung.

„Emscherschnellweg” hat der Volksmund die A42 getauft. Gern wird gewitzelt, der Name sei falsch gewählt. Diese Autobahn sei ein Emscherschleichweg, höhnen Pendler. Die Straßenbezeichnung wirft noch ein andere Frage auf. Wo hinter all dem Gestrüpp ist eigentlich die Emscher?

Eine gärtnerische Pracht

„Überall in Deutschland”, hat NRW-Straßenbauminister Oliver Wittke erkannt, „sieht man beim Fahren über die Autobahn Berge, Hügel, Schlösser.” Im Ruhrgebiet langweilen ihn Gebüsch, Bäume und Lärmschutzwände. Das soll sich ändern. Die A42 der Zukunft soll eine „Parkautobahn” werden. Diese Marke hat nichts mit Stau oder Stillstand zu tun. Sie steht für gärtnerische Pracht. Man wird sich an neue Blicke gewöhnen dürfen. Und an neue Begriffe.

Die "Ausfahrt" wird zum "Parktor"

„Parktor” ist einer davon. So nennen die Landschaftsarchitekten die A 42-Ausfahrten. Wir sind durch das Parktor Gelsenkirchen-Schalke entwichen und stehen jetzt auf dem Hügel über einem Pendlerparkplatz. In seiner Mitte erhebt sich ein rund 40 Meter hoher Strommast. Neben ihm darbt ein vertrocknetes, 1,70 Meter kleines Bäumchen. Riesenmast und Mickerbaum bringen das heutige Verhältnis zwischen bebauter Umwelt und Natur an der A 42 trefflich zum Ausdruck. Unser Blick verliert sich in wirren Horizontalen, die ein Gleisstrang, Stromleitungen und Zubringerstraßen in die Landschaft schlagen. Ein Laster fährt vorbei. Auf seiner Plane steht: „Du traust Deinen Augen nicht.”

Damals wie ein Bypass gelegt

Die A 42 ist in den frühen 70er Jahren wie ein Bypass ins Ruhrgebiet gelegt worden. Sie war die dringend benötigte dritte Ost-West-Achse, die für Entlastung zwischen der A 2 im Norden und der A 40 (B1) im Süden des Reviers sorgte. Keine Autobahn weit und breit führt durch dichter besiedeltes Gebiet, keine ließ den Planern weniger Platz. Zwischen Castrop-Rauxel und Bottrop wirkt sie wie die hilflos dürre Schneise am Fußboden, die Eltern in ein mit Spielzeug übersätes Kinderzimmer schlagen, um wenigstens ans Fenster zu kommen. Das Fenster des Emscherschnellwegs ist der Rhein. Wenn man ihn erreicht, weitet sich der Blick. Aber der Weg dahin ist weit.

Baumarktketten überragen Schalke

Fenster wollen die „Parkautobahn”-Planer auch in die Lärmschutzwände schneiden. Bislang verborgene touristische Attraktionen sollen - wie in einem Dia-Rahmen - in Szene gesetzt werden. Wir Heutigen bleiben ahnungslos, was sich hinter all den schmuddeligen Wänden in den Schattierungen von Blassgrau bis Grüngrau verbirgt. Nur Schornsteine überragen sie, dann und wann nahe Kirch- oder ferne Fördertürme. Die Emscher sehen wir nie, obwohl wir sie mehrfach überqueren. Vier Brückenbogen über dem Rhein-Herne-Kanal sind der architektonische Höhepunkt der Strecke.

Man muss vielleicht Fußballfan sein, um den Emscherschnellweg zu mögen. Wir könnten heiteres Stadion-Raten spielen, so viele Traditionsarenen liegen am Weg. Die bis auf ihre Haupttribüne abgetragene Schalker „Glückaufkampfbahn”, ein durch viele Meisterschaften geweihter Ort, duckt sich hinter die Büsche. Grotesk hohe Werbegerüste von Baumarkt- und Imbissketten überragen ganz Schalke. Ihre aufgeblasene Botschaft soll wohl lauten: „Die Nr.1 im ,Pott' sind wir.”

Erst der beeindruckende Gasometer bei Oberhausen lässt ruhrgebietsromantische Gefühle aufkommen. Dann folgt ein Finale furioso auf Höhe Duisburg. Ein Staccato mit Stahlwerksgiganten und dampfenden Schloten. Eine Industrie-Symphonie.

"Lieber erst die Städte verschönern"

Wir stehen am Fuße des Rheins und blicken auf die Beeckerwerther Brücke, die die A42 über den Fluss getragen hat. Rechts von uns quert eine wunderschöne alte Eisenbahnbrücke den Rhein. Nur ein Jogger und ein Hundehalter sind in den Auen unterwegs. Sie philosophieren mit uns über Sinn und Unsinn eines Autobahn-Umbaus zur Prachtstraße. „Man sollte erst mal die Städte verschönern”, sagt der Hundehalter. „Die Autobahn spule ich eh nur ab”, ergänzt der Jogger. „Ohne Blick für Rechts und Links”. Wohl dem, der es auf dem Emscherschnellweg kann. Einfach abschalten.

Auf dem Rückweg bemerken wir erste Arbeiten am Gehölz. Ordnung soll geschaffen werden in der Landschaft. Neupflanzungen von „Leitbäumen” wie Kirsche und Kiefer sind angedacht. Dafür ist der alte Ämter-Begriff „Straßenbegleitgrün” wirklich zu schnöde. Kurz vor Castrop-Rauxel steht ein Blitzer am Wegesrand, dann der Polizeiwagen. Dieses ungeliebte Straßenbegleit-Grün wird bleiben, auch wenn der Emscherschnellweg sich ansonsten wirklich zu einer Traumstraße wandeln sollte.

Hintergrund: Grüne Ohren

  • Die A 42 führt über 70 Kilometer durch die Emscherzone von Dortmund zum Niederrhein. An der Strecke liegen Ruhrgebiets-Attraktionen wie der Landschaftspark Duisburg, das CentrO und der Gasometer Oberhausen oder der Tetraeder Bottrop.
  • Einzelne der fünf Autobahnkreuze am Emscherschnellweg sollen zu kleinen Landschaftsparks umgestaltet werden. In den „Ohren”, die die Ab- und Auffahrten bilden, sollen besondere Pflanzungen das Auge verwöhnen. Die Planer haben dafür den Begriff der „Ohrenparks” erfunden.
  • Für die Gestaltung der „Parkautobahn” zeichnet das Büro GTL Landschaftsarchitekten aus Düsseldorf verantwortlich.

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