So geht der Stoff, aus dem die Kunstlegenden gemacht sind: An einer Soester Berufsschule hängen unbemerkt fast 50 Jahre lang zwei Gemälde von Gerhard Richter, die der Kunstmarkt auf je 40 Millionen Euro schätzt. Der Kreis Soest gibt die Bilder als Dauerleihgabe ins Museum nach Münster, bringt sie „in Sicherheit“, wie er selbst sagt. Die Schülerinnen und Schüler blicken jetzt auf Fotoreproduktionen, und alle feiern sich.

Ich mag nicht mitfeiern. Ich finde, es gibt in dieser Sache Fragen.

Warum soll millionenschwere Kunst nicht in einer Schule gezeigt werden?

Richter-Gemälde ziehen ins Museum
Spektakuläre Kunst: „Strich (auf Rot)“ und „Strich (auf Blau)“ von Gerhard Richter sind jetzt im Museum für Kunst und Kultur in Münster zu sehen. Geschaffen wurden sie für eine Berufsschule in Soest. © Lars Berg/dpa | Lars Berg

Der Sinn von Kunst

Ist es der Sinn von Kunst, die explizit vom Künstler für diesen Ort geschaffen wurde, in einem Museum zu enden? Die Gemälde sind jeweils 20 Meter lang und 1,90 Meter hoch, sie hängen hoch. Thematisch geht es um die Wechselwirkung von Farbe und Architektur. So schnell geht da nichts kaputt. Konservatorisch ließe sich Abhilfe finden.

Gerhard Richter in der U-Bahn-Station König-Heinrich-Platz
In Duisburg hängt Kunst von Gerhard Richter in der U-Bahn: Richter gestaltete die Station gemeinsam mit Isa Genzken.  © FUNKE Foto Services | Philipp Wahl

Der unausgesprochene Schmunzel- oder Besserwisser-Effekt besteht ja in der Kombination aus den Stichwörtern Berufsschule und teuerster Künstler der Welt. Wäre Gerhard Richter nicht berühmt geworden, dann wären die beiden Soester Wandbilder genau so gut, wie sie es jetzt sind, und keiner würde danach fragen. In den feinen Gymnasien mögen ebenfalls edle Gemälde die Wände zieren, aber die bleiben dort, wegen des Bildungsauftrags. Doch Berufsschule, da denkt der Museumsgänger sofort an kulturferne Rabauken.

Maler Gerhard Richter
Gerhard Richter gilt als einer der bedeutendsten Künstler weltweit. © DPA Images | Rolf Vennenbernd

Reste von Obst

Ja, man hat die Reste von Obst auf einem der Bilder gefunden. Ein Indiz dafür, dass es höchste Zeit war, die Bilder zu verlegen? Auf einem Werk des ebenfalls hochpreisigen Hagener Malers Emil Schumacher hat man Spuren heftiger Spuckattacken gefunden. Es hing früher im Hagener Rathaus.

Unser Verständnis von Kunst ist viel zu sehr auf den Geldwert fixiert. Der Sinn von Kunst ist es nicht, monetär wertvoll zu sein, er besteht darin, für die Menschen da zu sein, mitten im Alltag. Der Wert von Kunst besteht darin, jene Energie freizusetzen, die nur Kunst freisetzen kann.

Hatte der Kreis Angst vor einem unkontrollierbaren Richter-Tourismus? Vor Vandalismus, der von außen in die Schule eindringt? Dafür hätten sich Lösungen finden lassen.

Wie traurig

Nun sind die beiden Richterfenster im Kölner Dom und in der Abteikirche Tholey sowie die Arbeit in einer U-Bahn Haltestelle in Duisburg die einzigen bekannten Richter-Werke im öffentlichen Raum außerhalb eines Museums.

Wie schade und traurig.