Wenn der Vater tagelang das Bett nicht verlässt, erklärt das Kind den Mitschülern, er sei krank. Wenn die Mutter weint und nicht sagen kann, warum, tröstet das Kind – obwohl es selbst noch getröstet werden müsste. Kinder depressiver Eltern übernehmen früh Verantwortung, die nicht die ihre ist. Wie Eltern, Lehrkräfte und Nachbarn die Signale erkennen und was Kinder brauchen, um trotzdem stabil aufzuwachsen, erklärt Dr. Ulf Thiemann, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der LVR-Klinik Bonn.

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Welche typischen Auswirkungen haben elterliche Depressionen auf Kinder in verschiedenen Altersphasen?

Die meisten an Depressionen erkrankten Eltern kümmern sich liebevoll um ihre Kinder. Je nach Schweregrad der Erkrankung kann die Depression die Beziehung zum Kind jedoch beeinträchtigen. Säuglinge und Kleinkinder reagieren besonders sensibel auf die emotionale Verfügbarkeit ihrer Eltern. Ein schwer depressiver Elternteil schafft es mitunter nicht, feinfühlig genug auf die Bedürfnisse eines Babys einzugehen.

Im Kindergartenalter zeigen Kinder häufiger Ängste, Rückzug oder Verhaltensauffälligkeiten. Manche Eltern können in depressiven Phasen nur schwer Grenzen setzen, wirken überängstlich oder bestärken ihre Kinder zu wenig in ihrer Entwicklung. Ältere Kinder und Jugendliche übernehmen dagegen nicht selten zu viel Verantwortung, geraten in Loyalitätskonflikte oder rutschen in eine Elternrolle hinein.

Woran erkennen Angehörige und Fachkräfte, dass Kinder belastet sind – und ab wann ist professionelle Hilfe angezeigt?

Kinder reagieren sehr unterschiedlich. Hinweise können emotionale Auffälligkeiten, sozialer Rückzug, Schlaf- und Konzentrationsprobleme, Leistungsabfall oder körperliche Beschwerden sein. Manche Kinder wirken aber auch überangepasst und „zu vernünftig“ für ihr Alter. Wichtig ist, Veränderungen über einen längeren Zeitraum ernst zu nehmen.

Professionelle Hilfe sollte spätestens dann hinzugezogen werden, wenn die Belastung den Alltag, die Entwicklung oder das Familienleben deutlich beeinträchtigt oder Kinder emotional zu stark Verantwortung übernehmen.

Wichtig ist zudem, den Kontakt zwischen Kindern und dem erkrankten Elternteil nicht unnötig zu vermeiden.

Dr. Ulf Thiemann
Dr. Ulf Thiemann, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

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Welche Schutz- und Risikofaktoren beeinflussen die Entwicklung der Kinder, und wie kann man Schutzfaktoren gezielt stärken?

Risikofaktoren sind vor allem schwere oder chronische depressive Episoden, Konflikte in der Familie, soziale Isolation und fehlende Unterstützung. Schutzfaktoren sind stabile Beziehungen, offene Kommunikation und ein verlässlicher Alltag. Kinder brauchen das Gefühl, trotz der Erkrankung ihrer Eltern sicher und gesehen zu sein.

Besonders wichtig ist die Botschaft, dass sie keine Schuld an der Erkrankung tragen. Stabilität im Alltag, etwa durch regelmäßige Mahlzeiten, Kita- oder Schulbesuch, Hobbys und Kontakte zu Freund*innen, stärkt die psychische Widerstandskraft erheblich.

Wie sollten Eltern altersgerecht mit ihren Kindern über die Depression sprechen?

Schon kleine Kinder nehmen Stimmungen sehr genau wahr. Deshalb sollten Eltern ehrlich und altersgerecht erklären, dass Mama oder Papa krank sind und Hilfe bekommen. Kinder brauchen einfache, klare Informationen und die Sicherheit, dass sie nichts falsch gemacht haben.

Wichtig ist zudem, den Kontakt zwischen Kindern und dem erkrankten Elternteil nicht unnötig zu vermeiden. Gemeinsame Zeit stärkt die Beziehung und vermittelt beiden Seiten, auch in schwierigen Phasen füreinander wichtig zu sein.

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Welche Rolle spielen Kindergarten/Schule, und wie gelingt eine hilfreiche Zusammenarbeit?

Kita und Schule sind wichtige Schutz- und Beobachtungsräume. Pädagogische Fachkräfte bemerken oft früh, wenn Kinder belastet sind. Hilfreich ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Eltern und, wenn gewünscht, auch mit behandelnden Fachkräften. Kinder profitieren besonders von verlässlichen Strukturen, festen Bezugspersonen und einem möglichst normalen Alltag.

Welche evidenzbasierten Behandlungs- und Beratungsangebote (für Eltern und Kinder) sind sinnvoll, und wie findet man passende Anlaufstellen – auch digital?

Entscheidend ist ein familienorientierter Ansatz: die Behandlung der elterlichen Depression, psychoedukative Angebote für die Familie sowie bei Bedarf psychotherapeutische Unterstützung für Kinder und Jugendliche. Sinnvoll sind auch Eltern-Kind-Angebote oder Gruppenprogramme für Kinder psychisch erkrankter Eltern.

Erste Anlaufstellen sind Fachärzt*innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen, Sozialpädiatrische Zentren, Erziehungs- und Familienberatungsstellen sowie Kinder- und Hausärzt*innen. Auch Schulen, schulpsychologische Dienste und Jugendämter können wichtige Lotsenfunktionen übernehmen.

Hilfreiche digitale und bundesweite Angebote bieten unter anderem die Bundesarbeitsgemeinschaft „Kinder psychisch erkrankter Eltern“: https://bag-kipe.de/

Hinweis: Falls Sie Suizid-Gedanken haben oder jemanden kennen, der Suizid-Gedanken hat, wenden Sie sich an die Telefonseelsorge unter https://www.telefonseelsorge.de/ oder unter 0800/1110111 (kostenlos). Die Nummer ist rund um die Uhr besetzt.