Der Schokoriegel lockt: Komm‘ iss mich! Los, iss mich! Aber eigentlich lautet die Familienregel: Süßes erst nach dem Mittagessen. Und dann tut der Vierjährige es doch, beißt in den Riegel – wie das schmeckt! – und hört kurze Zeit später Mamas Stimme: „Wo ist denn der Schokoriegel geblieben?“ Ups. Äh. „Unters Bett gefallen!“

Kleine Kinder, große Kinder – alle schwindeln. Die einen weniger, die anderen mehr. Und die Eltern wissen nicht immer, wie sie angemessen reagieren sollen. „Du lügst!“, sagen sie vielleicht zum Jugendlichen, der um die Häuser gezogen ist, obwohl er doch bei einem Freund übernachten wollte. Und der 16-Jährige streitet es womöglich ab. Und lügt noch mehr.

Sollte man über kleine Flunkereien hinweggehen?

Wie kann man verhindern, dass Kinder lügen und lügen? Ist es vielleicht sogar gut, wenn Eltern über kleine Flunkereien einfach hinweggehen? Was können Mütter und Väter dazu beitragen, dass Kinder nicht ständig lügen?

In der Fantasie der Kinder ist das Einhorn real, weil sie Realität und Vorstellung verwechseln.

Dimitra Pappa, Psychologin, arbeitet in der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Caritas Bochum
Dimitra Pappa, Psychologin, über Kita-Kinder. Die 31-Jährige arbeitet in der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Caritas Bochum

Wir haben mit Dimitra Pappa gesprochen. Die Psychologin arbeitet in der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Caritas Bochum. „Gelegentliche Lügen gehören zu einer normalen Entwicklung“, erklärt die 31-Jährige. „In jedem Alter können Kinder lügen, aber aus sehr unterschiedlichen Gründen. Und nicht immer steckt eine böse Absicht dahinter.“

Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren sind meist sehr fantasievoll. Da behauptet das Mädchen, es habe ein Einhorn gesehen. Aber war das jetzt schon eine Lüge? Dimitra Pappa: „In der Fantasie der Kinder ist das Einhorn real, weil sie Realität und Vorstellung verwechseln.“

Die Kinderlüge schützt das Selbstbild

Grundschulkinder lügen zum Beispiel, um eine Strafe zu vermeiden. „Kinder haben Angst vor Ärger.“ Dann verschweigen sie, dass sie vergessen haben, die Hausaufgaben zu machen. Sie lügen, um sich vor Konsequenzen zu schützen. Damit sie nicht in einem schlechten Licht stehen.

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„Ich sage die Wahrheit“, sagt das Kind und kreuzt die Finger hinter dem Rücken. © Getty Images | Pornpak Khunatorn

Dimitra Pappa nennt ein Beispiel: Ein siebenjähriges Mädchen nässt noch manchmal ein, auch in der Schule. Eine Lehrerin hat die Mutter darüber informiert. Als sie die Tochter abholt, findet sie das Mädchen auf dem Pausenhof zusammen mit den Freundinnen. Laut und verärgert sagt sie: „Hast du dir schon wieder in die Hose gemacht?“ Das Mädchen fühlt sich beschämt und bloßgestellt. Wütend antwortet es: „Das stimmt nicht! Ich mache das nicht mehr, warum erzählst du so einen Quatsch?“.

Indem die Tochter lügt, versucht sie, sich selbst zu verteidigen und ihr Selbstwertgefühl zu bewahren. „Somit hat das Lügen letztendlich einen positiven Effekt für das Kind, weil es so seine Grenze setzt“, erklärt die Familientherapeutin.

Um jeden Preis cool sein: Warum Teenager flunkern

Auch Jugendliche lügen, um nicht ihr Selbstbild zu zerstören. Sie möchten sich abgrenzen, eigenständig sein und verheimlichen daher so manches. „Sie wollen ihre Privatsphäre schützen“, so die Therapeutin. Vielleicht lassen die vielen Regeln zu Hause ihnen auch zu wenig Freiraum.

Zudem ist es ihnen sehr wichtig, im Freundeskreis cool dazustehen, gemocht zu werden. Auch deshalb flunkern sie schon mal. „Manchmal scheint es wie eine Übertreibung“, sagt die Psychologin. Damit sie zum Beispiel bei ihrem Schwarm gut ankommen.

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Gleichgültig, wie alt das Kind ist, Dimitra Pappa rät Eltern in allen Situationen: „Ruhe bewahren. Das ist das Wichtigste. Nicht sofort schimpfen, sondern erstmal verstehen, warum gelogen wurde.“ Auch wenn es schwerfällt, sollte man nicht wütend reagieren: „Ein wütender Ton kann die Ehrlichkeit verringern.“

Ruhig bleiben statt schimpfen

„Du lügst doch!“ – das ist ein Vorwurf, vor dem sich ein Kind wieder schützen möchte. Das Kind lügt womöglich weiter. Die Eltern werden noch wütender, fühlen sich enttäuscht. Ein Teufelskreis. „Solche Diskussionen über das Lügen bringen keine Lösung.“ Am besten das Kind offen fragen, empfiehlt die Erziehungsberaterin: „Kannst du mir erzählen, was passiert ist?“

mom spying on her daughter while she is using the phone in bedroom
Das Kind klagt über Kopfschmerzen, es könne auf keinen Fall zur Schule gehen – und ist erstaunlich schnell „geheilt“, sobald der Vater die Tochter entschuldigt hat. „Du lügst!“, wäre Erziehungsberaterin Dimitra Pappa zufolge keine gute Reaktion der Eltern. Besser: Offen fragen, was los ist. © Getty Images | zeljkosantrac

Beim Schoko-Beispiel kann man sagen: „Ich habe den Eindruck, du hast den Riegel bereits gegessen.“ Man kann in einem ruhigen Ton noch mal auf die Regel verweisen, dass es Süßes erst nach dem Mittagessen gibt und das Kind die Regel das nächste Mal beachten soll. Dimitra Pappa: „Es ist wichtig, dass wir dem Kind ganz klar erzählen, was wir von ihm erwarten, und nicht, was wir nicht von ihm erwarten.“

Ehrlichkeit belohnen, Vertrauen stärken

Wenn das Kind zugibt, dass es der Süßigkeit nicht widerstehen konnte, sollte man es für seine Offenheit loben: „Danke, dass du ehrlich bist. Das ist mir sehr wichtig.“ Das Kind lernt, dass es alles sagen kann, dass es nicht gleich Strafen gibt, dass es gut ist, die Wahrheit zu sagen. Es gewinnt Vertrauen.

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Vertrauen ist grundsätzlich wichtig, damit Kinder sich mit den Eltern wohlfühlen, es ihnen leichtfällt, ehrlich zu sein. Sie denken sonst womöglich: „Ich will das nicht erzählen, weil die Mama oder der Papa mich dann bestrafen.“ Strenge Regeln machen zu viel Druck, sodass sich Kinder in die Lüge retten. Schließlich wollen sie sich vor allem sicher fühlen. Sie möchten spüren: „Egal, was passiert: Mit meinen Eltern kann ich immer über alles reden.“

Mütter und Väter sollten bereit sein, alles zu hören, selbst wenn einem etwas unangenehm ist, so die Erziehungsberaterin. Und dann dem Kind vermitteln: „Wir finden eine Lösung!“

Eltern sind für Kinder ein Vorbild

Das Kind fühlt sich so eher in der Lage, die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Denn natürlich sollte man nicht alles durchgehen lassen, so Dimitra Pappa. Wenn ein Kind zum Beispiel ein Glas zerbricht und das vertuschen will, kann man gemeinsam überlegen, wie es das wiedergutmachen kann. Indem es etwa mithilft, die Scherben wegzufegen und vom Taschengeld ein neues Glas kauft. „Das wäre eine angemessene Konsequenz, die in Bezug zum Verhalten steht.“ Von einer harten Strafe rät die Erziehungsberaterin dringend ab. Also nicht das Fußballspielen verbieten, weil das Kind wegen eines zerbrochenen Glases gelogen hat.

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Und wie immer in der Erziehung gilt auch hier: Mütter und Väter sind ein Vorbild. Ein Vater, der von der Arbeit fernbleibt und dies mit einer vorgetäuschten Krankheit entschuldigt, zeigt einem Kind unbewusst einen Weg, einen Tag schulfrei zu bekommen. Eine Mutter, die aus Höflichkeit den Salat der Schwägerin lobt und später über das versalzene Dressing lästert, zeigt ebenfalls, wo Lügen vermeintlich erlaubt sind.

Ein Kind hat in der Familie vielleicht auch gelernt, dass man lieber alles unter den Teppich kehrt, statt über Sorgen und Wünsche zu sprechen. Die Psychologin rät daher Eltern, wenn ihre Kinder häufig lügen, sich auch selbst zu hinterfragen: Vertraue ich meinem Kind stark genug? Und wo bin ich selbst nicht ehrlich?

Kinder spüren unausgesprochene Emotionen der Eltern

Ein Beispiel: Eine Mutter hatte bei der Arbeit einen kleinen Konflikt und fühlt sich deshalb nicht gut. Der Sohn spürt das: Was ist nur mit Mama los? „Alles ist gut“, sagt sie – und verschweigt somit die Wahrheit. Der Sohn bezieht die Verärgerung der Mutter möglicherweise auf sich.

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Natürlich müssten Kinder nicht alles wissen, aber man könne ihnen immer mal wieder kindgerecht von den eigenen Emotionen erzählen, so Dimitra Pappa: „Bei der Arbeit ist etwas passiert, das hat nichts mit dir zu tun. Das hat mich traurig gemacht. Aber die Traurigkeit wird im Laufe des Tages vorbeigehen.“

Das Kind lernt dadurch, wie man über die Wahrheit spricht, über die eigenen Gefühle und Bedürfnisse. Auch das sei wichtig, um nicht lügen zu müssen, so die Erziehungsberaterin. Wer sagen kann, was ihn bewegt, braucht sich nicht zu verstecken. „Das Kind fühlt sich sofort sicher und wohl“, sagt Dimitra Pappa. Die Erklärung der Mutter schafft Vertrauen: die Grundlage, damit Kinder ehrlich sind – meistens.